> > > Kindermann, Erasmus: Opitianischer Orpheus: Ina Siedlaczek, Jan Kobow, United Continuo Ensemble
Sonntag, 29. November 2020

Kindermann, Erasmus: Opitianischer Orpheus - Ina Siedlaczek, Jan Kobow, United Continuo Ensemble

Inspiriert


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das United Continuo Ensemble befreit Johann Erasmus Kindermann gemeinsam mit Ina Siedlaczek und Jan Kobow aus seinem Schicksal einer bloß historischen oder papierenen Größe: inspirierte Musik, köstlich gesungen und gespielt.

Hinter dem verheißungsvollen Titel 'Opitianischer Orpheus' verbirgt sich eine Sammlung von Liedern, die Johann Erasmus Kindermann (1616–1655) 1642 in Nürnberg auf Texte des großen Barockdichters Martin Opitz veröffentlichte. Mitten im Dreißigjährigen Krieg, nachdem Nürnberg dessen katastrophische Auswirkungen intensiv zu erleiden hatte, also eine hochpoetische Befassung mit der Vielfalt ‚opitianischer‘ Kunst – das scheint auf den ersten Blick verwunderlich. Doch ist es bei genauerem Hinsehen auch nachvollziehbar, dass gerade in der Sphäre der Künste, in Poesie und Musik nach Trost in schwieriger Zeit gesucht wurde. Kindermann war, als Italien-erfahrener Komponist und Organist der Nürnberger Egidienkirche, nur zu gern Teil solcher Kreise und trug bei, was gewünscht wurde: Im Bau oft schlichte, strophisch organisierte Lieder, inspiriert von ungemein lebendigen Texten. Die Musik greift das implizite Potenzial der Dichtung gekonnt auf und expliziert es; Ritornelle gliedern das Geschehen schlüssig. Insgesamt sind es feine, kleine Schmuckstücke, oder, wie Kindermann selbst sagte, gar ‚musicalische Ergetzlichkeiten‘.

Das United Continuo Ensemble spielt in dieser aktuellen cpo-Produktion, die vokal von Ina Siedlaczek (Sopran) und Jan Kobow (Tenor) getragen wird, dazu noch zwei Sonaten Kindermanns, die Eindruck machen: Die vielen freien Passagen geben der führenden Violine Raum und fordern vom Basso continuo entschiedenes Deuten ein.

Feines Zusammenspiel mit Tiefe

Genau das ist es, wofür das United Continuo Ensemble seit seiner Gründung 1995 vor allem steht: für plastisches, vielschichtiges, reich und vor allem in der Wirkung divers besetztes Continuo-Spiel. Maßstäblich war in dieser Hinsicht etwa eine Platte, die unter dem Titel 'bassi' bei Pan Classics erschien und die ganze Vielfalt kultivierten Bass-Spiels auslotete. Und auch im aktuellen Fall ist die Vielfalt in der Tiefe ein auffälliges Merkmal, auch wenn die beiden Violinen von Claudia Mende und Irina Kisselova vernehmliche Rollen spielen. Und auch wenn die weitere Besetzung beinahe überschaubar ist: Sie besteht aus dem Ensemble-Gründer Jörg Meder auf der Viola da gamba und dem Violone, Johanna Seitz auf der Harfe, Zita Mikojanska am Cembalo und Klaus Eichhorn an der Orgel. Dieses Potenzial wird wirklich effektvoll registriert und bietet den Vokalisten eine reich gearbeitete Klanggrundlage, mit strukturellen Akzenten im Bassfundament.

Jan Kobow erweist sich als souveräner Erzähler, bezaubernd in der Natürlichkeit der Stimmführung; sein Singen kommt ohne die Attitüde des Artifiziellen aus, wirkt wie beiläufig entfaltet, ist dabei affektiv treffsicher und technisch unangefochten. Ina Siedlaczeks Beitrag entspricht dem ganz und gar, ist getragen von ihrer ungemein schlanken Stimme, die passagenweise von beinahe kindlicher Wirkung ist, dann wieder mit ihrer Expansionsfähigkeit für sich einnimmt. Die Beiträge von Sopran und Tenor werden geschickt miteinander verschränkt, sorgen dank der verschiedenen Stimmcharaktere für Abwechslung. Dazu – die Inspiration der Gedichte Martin Opitz‘ steht natürlich im Mittelpunkt – sprechen die beiden Vokalisten vorzüglich balanciert zwischen klar prononcierter Sprachgestalt und einer angenehmen Natürlichkeit der Diktion. In Sachen Intonation bleiben keine Wünsche offen, das Klangbild gibt sich gesammelt, vielschichtig und stimmig komponiert; es entspricht der ästhetischen Disposition der Musik auffallend glücklich.

Johann Erasmus Kindermann hervorzuheben ist mehr als verdienstvoll. Das United Continuo Ensemble befreit ihn mit Ina Siedlaczek und Jan Kobow aus seinem Schicksal einer bloß historischen oder papierenen Größe: inspirierte Musik, köstlich gesungen und gespielt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kindermann, Erasmus: Opitianischer Orpheus: Ina Siedlaczek, Jan Kobow, United Continuo Ensemble

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203512324


Cover vergössern

Kindermann, Johann Erasmus
 - Jetzund kommt die Nacht herbei -
 - O Du kleiner nackter Schütze -
 - Allhier in dieser wüsten Heid -
 - Zehnte von den Pierinnen -
 - Sonata prima in d -
 - Ich empfinde fast ein Grauen -
 - Wann sich der werte Gast, die Seele nun soll scheiden -
 - O Wertest auf der Welt, o Schönest aller Schönen -
 - Sonata seconda in g -
 - Hochzeitlied -
 - Als ich nächst war ausspazieret -
 - Es hat der Jupiter -
 - Nachtklang -
 - Amandus und Amoena -
 - O wohl dem, der die rechte Zeit -
 - Ach Liebste, lass uns eilen -
 - Schwarz ist mein Farb -
 - Carydan sprach mit Verlangen -
 - Ist irgend zu erfragen ein Schäfer um den Rhein -
 - Kommt, lasst uns ausspazieren -


Cover vergössern

Interpret(en):Siedlaczek, Ina
Kobow, Jan


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Wienerisches für Traversflöte: Sieglinde Größinger und ihr Ensemble Klingekunst erhellen eine Vorstufe der Wiener Klassik. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zu kurz gegriffen: Eine neue CD mit Rossini-Ouvertüren sollte einer essenziellen inneren Notwendigkeit entspringen – die hier nicht ganz nachvollziehbar ist. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Frühklarinette und Hackbrett: Die Salzburger Hofmusik erkundet unbekannten adaptierten Telemann. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Delikatessen: Eine eher nachdenkliche, fein programmierte Platte. Etliche Schmuckstücke haben Damien Guillon und Café Zimmermann da versammelt, erlesen musiziert und nobel zum Klingen gebracht. Eine lohnende Begegnung. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Einsam: Einsamkeit – sehr verschieden im gedanklichen Ansatz und in der kompositorischen Ausformung. James Gilchrist und Anna Tilbrook fügen das mit Überzeugungskraft und Expertise zu einem unbedingt lohnenden Gesamtbild. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Bach weltlich: Rudolf Lutz greift mit seinen vokalen und instrumentalen Mitstreitern das Eigentümliche dieser Werke sehr überzeugend auf und interpretiert einen Bach auf besonderen Wegen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12/2020) herunterladen (3600 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sir Hubert Parry: An English Suite - In Minuet Stype

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich