> > > Marschner, Heinrich: Hans Heiling: Essener Philharmoniker, Frank Beermann
Donnerstag, 14. November 2019

Marschner, Heinrich: Hans Heiling - Essener Philharmoniker, Frank Beermann

Der Erde Lust und Leid


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Anschaffung dieses Essener 'Hans Heiling' lohnt sich – allein schon, um das eigene Repertoire jenseits des Weber'schen 'Freischütz' zu erweitern und sich klar zu machen, dass mutige Oper auch abseits der einschlägigen Metropolen stattfindet.

Es Marschner-Renaissance zu nennen, ist vielleicht ein wenig zu euphorisch, aber immerhin kann man vermehrt feststellen, dass Heinrich Marschners Opern auf den deutschen Spielplänen in den letzten Jahren ernstzunehmende Beachtung finden. Das betrifft zwar nur seinen 'Vampyr' und seinen 'Hans Heiling' – aber besser als gar nichts. Diese beiden Romantischen Opern haben auch fraglos großen Unterhaltungswert und gerade der 'Hans Heiling' lädt in seiner Thematik – dem fatalen Aufeinandertreffen von Geister- und Menschenwelt – zu neuen Lesarten ein. So muss es wohl auch bei der Neuproduktion des 'Hans Heiling' im Februar 2018 am Aalto-Musiktheater in Essen gewesen sein, zumindest vermitteln das die Aufführungsfotos im Beiheft zum bei Oehms erschienenen Livemitschnitt. Da scheint es um Bergbau zu gehen, um kapitalistische Berggeister und der Essener Zungenschlag mancher Mitwirkenden zeugt von angestrebter Aktualität.

Schauerromantik

Ob dieses Konzept szenisch aufging oder nicht, ist für den vorliegenden Audiomitschnitt nahezu unerheblich, weil die schauerromantische Geschichte beim Hören ohnehin unabhängige Bilder entstehen lässt. Allerdings kann man in Folge des Regiekonzeptes die dialektgefärbten Passagen der Gertrude oder der Arbeiter Stephan und Niklas auch als störend oder anbiedernd empfinden. Was bei den männlichen Proleten mit ihrem direkten Vokabular noch im Ansatz komisch wirken mag, funktioniert aus der Konserve bei Gertrude nicht. Die eigentlich stimmschöne Mutter von Mezzosopranistin Bettina Ranch schwankt ständig zwischen aufgesetzten Dialogpassagen und schlagartig seriösen Gesangsbeiträgen. Besonders zwiespältig bleibt hier das nächtliche Melodram des zweiten Aktes im Gedächtnis, das eher schizophren als überzeugend daherkommt.

Restlos überzeugen können aber die blendend disponierten Essener Philharmoniker unter der Leitung von Frank Beermann. Sie zaubern tief romantischen Streicherklang mit prachtvollem Blech und eloquentem Holz. So funktioniert Marschners Musik, die keine ungenaue oder nachlässige Umsetzung verzeiht, bestens. Auch der Opernchor des Aalto-Theaters meistert die Anforderungen mit Bravour, zeichnet mit vollem Einsatz die Geisterchöre wie die volkstümlich kraftvollen Gesänge der Dorfbewohner.

Jessica Muirhead überstrahlt als Anna mit ihrem leuchtenden Sopran und der Innigkeit ihres Vortrags all ihre Solistenkolleginnen und Kollegen. Diese Figurenzeichnung rührt tatsächlich ans Herz, Muirheads Musikalität und Tonschönheit werten jedes Ensemble auf, an dem die Sängerin teilhat. Dagegen hat es der Konrad von Jeffrey Dowd schwer. Sein Tenor kämpft sich angestrengt durch die Partie, vom heldischen Glanz eines jungen Mannes ist das weit entfernt. Die Höhe klingt oft rau, die Mittellage ertrotzt und farblos. Im Finale des zweiten Aktes kommt diese Interpretation an die Grenze ihrer stimmlichen Möglichkeiten.

Zerrissene Figur

Als Königin der Erdgeister schießt Rebecca Teem gleißende Spitzentöne in den Raum und lässt gleichzeitig an einem unüberhörbaren Vibrato erkennen, dass sie im dramatischen Sopranfach nicht erst seit Kurzem gefordert ist. Doch gelingt ihr ein glaubhaftes Rollenprofil mit innigen Momenten im Vorspiel und einer beeindruckenden Schlussansprache. Karel Martin Ludvik und Hans-Günter Papirnik agieren rollendeckend als Stephan und Niklas. Die geheimnisvolle Titelpartie ist mit dem Bariton Heiko Trinsinger besetzt. Er bewältigt den Heiling anstandslos mit einigen effektvollen und klug gestalteten Momenten, vor allem aber mit gleichbleibender Qualität und vorbildlicher Textbehandlung. Allerdings ist Trinsinger in dieser Partie auch ein etwas unentschiedener Grenzgänger, dem hier weder das lyrische Einlullen eines Hermann Prey zu Gebote steht, noch die einschüchternde Dämonie eines Roland Hermann oder Alexander Welitsch. Das macht Trinsingers Heiling auf CD bei aller Souveränität und wohl angestrebter Zerrissenheit der Figur auch recht blass und wenig charismatisch.

Dennoch lohnt sich die Anschaffung dieses 'Hans Heiling' absolut – allein schon, um das eigene Repertoire jenseits des Weber‘schen 'Freischütz' um einen wichtigen Wegbereiter der Romantischen Oper zu erweitern und sich wieder einmal klar zu machen, dass mutige Oper auch abseits der einschlägigen Metropolen stattfindet. Das gilt es zu erhalten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Marschner, Heinrich: Hans Heiling: Essener Philharmoniker, Frank Beermann

Label:
Anzahl Medien:
OehmsClassics
2
Medium:
EAN:

CD
426034869769


Cover vergössern

Marschner, Heinrich August


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Geistvoll: Das Ensemble Singer Pur stellt vor allem in den moderneren Sätzen und Arrangements von Stücken aus aller Welt seine Stärken heraus. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Pop als Oper: 'Vespertine - A Pop Album as an Opera' überrascht durch eine poetische Synthese von Pop und Oper. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Zauberhaft authentisch: Dieser Gießener 'Oberon' ist ein Projekt, das sich ungeniert neben die wenigen großen Vorgänger auf dem Plattenmarkt stellen kann und dabei so manche ältere Einspielung an Authentizität und Konsequenz übertrifft. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Eine Liebeserklärung: Diese Glyndebourner Produktion von Samuel Barbers 'Vanessa' ist in jeglicher Hinsicht ein Glücksfall. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Gespenstische Stimmen: Das aktuelle Album 'Dichterliebe' von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Vokale Schwankungen: Ivan Repusic erweist sich in Verdis 'I Due Foscari' wieder einmal als leidenschaftlicher Operndirigent. Der Mitschnitt kann allerdings auf Grund der Solistenriege nur bedingt überzeugen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Jahrzehnte mit Debussy: Vladimir Ashkenazy interpretiert beide Bände von Debussys 'Préludes'. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Das Liszt-Problem: Boris Giltburgs Diskographie weist ihn als Experte der romantischen Pianistik aus. Mit Liszts 'Transzendentaletüden' ergänzt er sein Repertoire nun um einen wichtigen Baustein. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Europäische Zusammenarbeit: Eine vorbildliche Kooperation bei der orchestralen Erkundung der Musik eines vergessenen jüdischen Meisters. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich