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Freitag, 28. Februar 2020

Bach, Johann Sebastian: Cello Suites - Rachel Podger, Violine

Transferleistung


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rachel Podger begeht kein Sakrileg – Cellisten in Abwehrhaltung mögen das Votum verzeihen: Bachs Musik lädt zweifellos zu vielfältigem Transfer, zu intensiver Aneignung auch auf unerwarteten Pfaden ein.

Bei und mit Bach geht vieles – das merkt die Violinistin Rachel Podger in ihren Ausführungen zur aktuell bei Channel Classics erschienenen Platte mit Recht an: Bach selbst hatte einen wachen Sinn für die Wiederverwertung von ihm selbst als hochklassig und bewahrenswert erkannter Sätze, verwandelte manch frühes Meisterwerk späteren Schöpfungen an. Ungezählt sind dazu die Arbeiten all der Künstlerinnen und Künstler, die sich im Lauf der Zeit Bachs Musik für ihr Instrument, für ihr Ensemble umarbeiteten, es für ihre ästhetischen Vorstellungen fruchtbar machten. Mancher Weg mag dabei in die Irre geführt haben, viele sind aber auch fruchtbar geworden. 

Rachel Podger tut gleichwohl gut daran, vorzubauen, hat sie sich doch in eigenen Transkriptionen an die sechs Suiten für Violoncello solo BWV 1007 bis 1012 gemacht. Auf der Geige, wohlgemerkt. Funktioniert das Prinzip der kundigen, gleichwohl forschen Aneignung also auch hier? Die Frage scheint berechtigt, zumal angesichts der Transferanforderung beim Hören – handelt es sich doch um eine geradezu ikonisch charaktervolle, dem Instrument auf den Leib und in den klingenden Geist geschriebene Sammlung für Violoncello. Zwei Dinge vorweg: Den Gedanken an das Cello bei ein- oder zweimaligem Hören einfach fortfallen zu lassen, funktioniert nicht ganz. Und: Es ist nicht ratsam, zu viele Pausen beim Hören einzulegen – beim Neuansatz stellt sich ansonsten die Cello-Frage in immer wieder neuer Dringlichkeit.

Langjährige Sehnsucht

Rachel Podger beschreibt ihre langjährige Sehnsucht, diese Musik für ihr Instrument in Besitz zu nehmen. Und ist es nicht verständlich, diese famose Sammlung als künstlerisch ‚habenswert‘ sich aneignen zu wollen? Jedenfalls ein Wunsch, der Horizont und Repertoire erweitert. Podger hat die Suiten eine Quint über der hohen Oktav notiert: Damit hellt sich das Klangbild entscheidend auf, wird im kleineren Resonanzraum der Violine zwangsläufig das Agile, das Tänzerische stärker betont. Sonorität und Resonanz müssen – ebenso nachvollziehbar – zurückstehen, was zum Beispiel den Sarabanden als oft eigentlichen Kraftzentren der Suiten einiges an Reiz nimmt. Dafür blitzt und funkelt es in den rascheren Sätzen durchaus virtuos, wird die Beweglichkeit der Violine und des leichteren Bogens voll ausgespielt.

Violinistische Klasse

Natürlich liegt das ganz wesentlich an der Interpretin: Rachel Podger kann als umfassend erfahrene Barockgeigerin gelten. Natürlich mit Bachs Sonaten und Partiten, dazu die Sonaten zusammen mit obligatem Cembalo, eingespielt mit Trevor Pinnock, die Violinkonzerte zusammen mit ihrem Ensemble Brecon Baroque. Aber auch andere Violinschwergewichte von Biber bis Pisendel hat sie diskografisch verewigt. Ihre stilistische Klasse beweist sie auch hier, technisch makellos, mit wunderbarer Geläufigkeit und wachem Sinn für ausgreifende Linien genauso wie für den Rang der immanenten Mehrstimmigkeit. Podger gestaltet in insgesamt frischen, die Stärken der wendigen Violine betonenden Tempi fein definierte Satzcharaktere. Sie tut das mit Leidenschaft und Überzeugung. Und deshalb: Ja, es werden auf diese Weise tatsächlich gültige Geigensuiten. Nur sehr wenige Einwände sind zu machen: Die hin und wieder mangelnde Gravität der langsamen Sätze wurde schon angesprochen. Obwohl Podger ihre ganze Artikulationskunst in die Waagschale wirft, um durchgehend vibrierend lebendige Gewebe zu zeichnen, gibt es kleine Reserven im Abbild sehr bewegter Figuren in einem Satz wie etwa der Courante der zweiten Suite: Da scheint manches Detail um der generellen Wirkung größtmöglicher Bewegtheit willen eine Spur zu wenig ausgespielt.

Ein deutlicher Pluspunkt dagegen: In mehr als zwei Stunden Spielzeit ist die Intonation durchgehend lupenrein, beschwert nicht die kleinste Trübung den Genuss. Und das Klangbild ist als makellos zu bezeichnen: konzentriert und kongenial, um die Strukturen klar und hell auszuleuchten. Rachel Podger begeht kein Sakrileg – Cellisten in Abwehrhaltung mögen das Votum verzeihen: Bachs Musik lädt zweifellos zu vielfältigem Transfer, zu intensiver Aneignung auch auf unerwarteten Pfaden ein. Vielleicht kein zwingender Versuch. Das Ergebnis zeigt aber: Er ist durchaus plausibel und vor allem klangvoll.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Cello Suites: Rachel Podger, Violine

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Anzahl Medien:
Channel Classics
2
Medium:
EAN:

CD SACD
723385411192


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Bach, Johann Sebastian


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Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


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