> > > Henze, Hans Werner: Heliogabalus Imperator, Works for orchestra: Anssi Karttunen, BBC Symphony Orchestra, Oliver Knussen
Mittwoch, 17. Juli 2019

Henze, Hans Werner: Heliogabalus Imperator, Works for orchestra - Anssi Karttunen, BBC Symphony Orchestra, Oliver Knussen

Klanglicher Überfluss


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Oliver Knussen und der Cellist Anssi Karttunen legen exquisite Ersteinspielungen von Hans Werner Henzes Orchesterwerken vor.

Hans Werner Henze, einer der bedeutendsten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts und berühmt vor allem für seine Opern und die zehn Sinfonien, hinterließ ein umfangreiches und vielfältiges Werk. Der bei WERGO erschienene Tonträger versammelt in chronologischer Reihung vier Orchesterwerke aus vier Jahrzehnten, drei davon in Ersteinspielungen (was bei einem so renommierten Komponisten überraschen mag).

Das jüngste Stück, zugleich das letzte Werk des 2012 verstorbenen großen Einzelgängers, bildet den Abschluss (und ist bereits auf CD erschienen). Die 'Ouvertüre zu einem Theater' des 86-Jährigen gerät mit ihren heiteren Fanfaren und den weiten Melodiebögen der Violinen zu einer Feier des Lebens. Das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Oliver Knussen zieht auch hier alle Register. Da der britische Dirigent (und Komponist) 2018 verstarb, hat diese Produktion den Charakter eines Vermächtnisses; das hebt auch der mit Knussen befreundete Cellist Anssi Karttunen in seinem Vorwort hervor.

Ringen um Schönheit

Als Solist tritt Karttunen im 1986 uraufgeführten Cellokonzert 'Englische Liebeslieder', das Henze auf Gedichtvorlagen komponierte, in Erscheinung: mit tragfähiger, warmer Tiefe und leuchtender Höhe, ausgeprägtem Gespür für die intimen Momente und die Sehnsuchtsgesten, in denen sich Henzes fast schon sprichwörtliches Ringen um Schönheit artikuliert. Hier herrscht ein klanglicher und gestischer Überfluss, den Solist und Orchester mit geradezu klassizistischer Klarheit darbieten. Der sechste und letzte, vom Klavier eingeleitete Satz ('Sonett') mündet in ein elegisches Streichquartett.

Das titelgebende Werk 'Heliogabalus Imperator' (1972 fertiggestellt, hier in der revidierten Fassung von 1986) ist eine ‚Allegoria per musica‘ und waschechte Sinfonische Dichtung über den römischen Kaiser Elagabal, der der Dekadenz und orientalischen Kultur zuneigte und im Jahre 222 ermordet wurde. Das britische Spitzenorchester und sein Dirigent arbeiten die verschiedenen Facetten des halbstündigen Werks – mit Holzblässerflattern und Blechbläserblöcken – deutlich heraus: das Grelle, Protzige und Vulgäre, das Feierliche und Verletzliche, Erotische, Bedrohliche und Willkürliche. Die Streicher tun sich besonders hervor. Gut allerdings, wenn das ‚Programm‘ in Ansätzen vorliegt – eine Art Handlungsfaden, dem sich die einzelnen Episoden zuordnen lassen, wie er im exzellenten Booklet dargelegt wird; denn die Gefahr, dass dieses imaginäre Theater in seine Einzelteile zerfällt, wird hier zwar gebannt, bleibt aber latent bestehen.

In die mediterrane Sphäre weisen auch 'Los Caprichos' (1963) mit ihren eigentlich nur oberflächlichen Bezügen zu Goyas Radierungen. Auch hier bestechen die Klangsinnlichkeit, die intensiven Farben und die genaue Abstufung der Register. Die lichte Interpretation verströmt südliche Wärme. Apropos: Henzes Anwesen in der Nähe von Rom steht zum Verkauf (Stand: Anfang Juli), ein bedeutender Teil seiner materiellen Hinterlassenschaft schwebt in Gefahr. Der vorliegende Tonträger immerhin ist ein würdiges Vermächtnis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Henze, Hans Werner: Heliogabalus Imperator, Works for orchestra: Anssi Karttunen, BBC Symphony Orchestra, Oliver Knussen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
30.04.2019
Medium:
EAN:

CD
4010228734423


Cover vergössern

Henze, Hans Werner


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Klassiker der Moderne: Diese Wiederveröffentlichung von Pierre Boulez' klassischer Einspielung von Arnold Schönbergs Serenade op. 24 zeigt: Auch eine halbe Stunde Musik kann eine Welt sein. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Dirigierender Komponist: Die kommunikative Qualität von Hans Zenders Musik kommt auf dieser Einspielung bestens zur Geltung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Westfälische Italien-Rezeption: Italienische Lyrik des 19. Jahrhunderts einmal anders: Klaus Ospalds Zyklus 'La ginestra o il fiore del deserto' überzeugt mit kraftvollen Klangbildern. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Dennis Roth:

  • Zur Kritik... Ausdruckstiefes Meisterwerk: Wolfgang Rihms 2017 uraufgeführte 'Requiem-Strophen' in einer geradezu mustergültigen Interpretation unter der Leitung von Mariss Jansons. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Singende Sphinx: Auf dieser gelungenen Produktion präsentiert das Ensemble intercontemporain mit kompetenten Solisten Werke von Bartók und Ligeti. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Dramatisch und sensibel: Christian Tetzlaff und das Finnish Radio Symphony Orchestra unter Hannu Lintu bereichern die Diskographie von Bartóks beiden Violinkonzerten mit einem sensibel ausgehörten, zugleich hochdramatischen Zugriff. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Dennis Roth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Les Rarissimes de Gina Bachauer: Die griechische Pianistin Gina Bachauer hätte eine vertiefte diskografische Erkundung verdient. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klingende Jahreszeiten: Dmitri Kitajenko gibt mit der Zagreber Philharmonie eine Lehrstunde in musikalischer Poesie. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Friedrich Gernsheim: String Quartet No. 1 op. 25 in C minor - Rondo all'Ongarese.

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich