> > > Guillaume Dufay: The Orlando Consort
Donnerstag, 23. Januar 2020

Guillaume Dufay - The Orlando Consort

Aus ferner Zeit


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Guillaume Dufay und das Orlando Consort – das ist eine wunderbare Partnerschaft auf Augenhöhe.

Guillaume Dufay (ca. 1400–1474) wird im Booklet der aktuell bei Hyperion erschienenen Produktion des Orlando Consort als wohl ‚zugänglichster Komponist‘ der Zeit vor 1500 bezeichnet. Die in diesem Programm versammelten Sätze sind mit Bezeichnungen wie Ballade, Rondeau oder Virelai geeignet, das zu unterstreichen: Dufay als einer der großen Liedkomponisten der Zeit, vielleicht sogar darüber hinaus. Auch der Vergleich mit der Musik eines seiner Vorläufer, des für Dufay prägenden Johannes Ciconia, verdeutlicht das: Die Sätze des letzteren wirken heute verschlossener und fremder. Vielleicht ist es die angesprochene Verständlichkeit, die Dufay über seine Zeit hinaus als Größe mit Langzeitwirkung etablieren half.

Fruchtbarer Dialog

Am Beginn der Folge stehen zwei eigentümliche Werke: Mit 'Je vous pri' eine sogenannte ‚kombinative Chanson‘, die mehrere Textebenen und musikalische Lagen miteinander in fruchtbaren Dialog bringt. Und mit 'O tres piteulx' eine Verbindung aus Motette und Chanson, für die Zeit nicht ungewöhnlich, im Werk Dufays aber selten: Nach der Eroberung von Konstantinopel 1453 hatte Dufay vier Klagelieder komponiert – das einzig überlieferte ist das hier erklingende. Neben der Schönheit der Musik erinnert der Verlust der anderen drei Sätze daran, wieviel vom Gesamtwerk Dufays und Kollegen verloren gegangen ist. Ansonsten sind nach diesen vierstimmigen Kompositionen noch sechzehn weitere zu drei Stimmen in verschiedenen Kombinationen zu hören. Im ersten Zugriff wirken sie durchscheinender, luzider; zugleich sind sie um keinen Deut weniger komplex gebaut – rhythmisch ambitioniert, maximale stimmliche Gewandtheit fordernd. Beeindruckend ist, wie sehr diese Musik über die zeitliche und ästhetische Distanz eines halben Jahrtausends frisch und unmittelbar wirkt: Das spricht für das schöpferische Genie Guillaume Dufays.

Gegenwärtig und frisch

Natürlich spricht dieser Umstand ebenso für die herausragende Klasse des englischen Orlando Consorts: In der Besetzung mit Matthew Venner (Altus), Mark Dobell (Tenor), Angus Smith (Tenor) und Donald Greig (Bariton) entfalten sich eine ungemeine stilistische Erfahrung und Einfühlung. Gerade diese Qualitäten haben die vier Vokalisten schon oft bewiesen, zuletzt eindrucksvoll in einer ebenfalls bei Hyperion erschienen Reihe mit Musik des um ein Jahrhundert älteren Guillaume de Machaut. Wie dort ist bei Dufay behände applizierte Expertise ohne Besserwisserei zu erleben – das stupende Wissen um die Musik wird mit leichter Hand in Klänge übertragen, die sensibel sind und doch kraftvoll, die aufgeladen sind mit geballter Historie und doch so voller Gegenwart, dass man vom klingenden Ergebnis einfach nur angerührt sein kann. Und wie bei Machaut ist eine veritable solistische Präsenz vor allem von Matthew Venner und Mark Dobell zu verzeichnen: Stimmtechnisch, in Sachen sängerischer Geste und Überzeugungskraft mangelt es hier an gar nichts, ist weit und breit nichts Mediokres zu verzeichnen. Angus Smith und Donald Greig komplettieren das Bild auf hohem Niveau, reüssieren dabei vor allem mit der nicht selten undankbaren Aufgabe, die präzis ausformulierten Sätze zu grundieren.

Gesungen wird in durchweg frischen Tempi; Betulichkeit lassen die vier Herren gar nicht erst aufkommen. Rhythmisch pointierte Bewegung prägt die Szene. Intoniert wird über knapp 80 Minuten ohne den Hauch einer Trübung. Wie schon angedeutet: Man sollte dynamisch nicht nur zarte Vorsicht erwarten; es sind viele klangfreudige, ja sinnenfrohe Gesten zu hören. Venner & Co. geben sich ganz den geradezu erratisch gezackten und gewundenen Linien hin, lassen sich forttragen, ohne je die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren. Die technische Realisierung gerät bei aller wunderbaren Größe gefasst und ist von einer durchscheinenden Klarheit, die begeistert: Man wähnt sich dank dieses Abbildes mitten in der Musik. Guillaume Dufay und das Orlando Consort – das ist eine wunderbare Partnerschaft auf Augenhöhe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Guillaume Dufay: The Orlando Consort

Label:
Anzahl Medien:
Hyperion
1
Medium:
EAN:

CD
034571282367


Cover vergössern

Dufay, Guillaume


Cover vergössern

Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Hyperion:

  • Zur Kritik... In die erste Reihe: Eine weitere Großleistung in der Haydn-Edition des London Haydn Quartet. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Noch einmal: Weihnachten: Jetzt gibt es auch Weihnachten mit The Gesualdo Six: Die Vokalisten setzen manchen Akzent abseits des tausendfach Gesungenen und Gehörten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Schütz aus Yale: Motetten und Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz werden hier gleichermaßen in ihrem Kern treffend charakterisiert. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Hyperion...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Palestrina ganz frisch: So ist die Tour durch das geistliche Werk Palestrinas ein echtes Vergnügen: Harry Christophers und The Sixteen mit einer wirklich gelungenen achten Folge ihrer Reihe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klangpracht: Musik des Baltikums lohnt eigentlich immer, auch Juris Karlsons, dessen attraktive Kompositionen vom Lettischen Radiochor kongenial gesungen werden. Musik, die ästhetisch den Rückspiegel nicht aus den Augen verliert, nie aber im Kern rückwärtsgewandt ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Renaissance: Ein kräftiger Impuls für Händels Brockes-Passion aus dem Hause der Academy of Ancient Music: editorisch vorbildlich, musikalisch auf sehr hohem Niveau. Richard Egarr setzt seinen Weg mit ambitionierten Großprojekten verlässlich fort. Sehr schön. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Tonschönheit und Risiko: Von den drei hier zu hörenden Werken für Violine und Orchester kann zwar nur das Konzert von Carl Nielsen überzeugen – dieses jedoch vollauf. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Furios und zornig: Iyad Sughayer hat auf einer eindrucksvollen neuen Platte Khatschaturjans Klaviersonate und weitere Klavierwerke aufgenommen. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Blitzsauber: Das Trio Marvin, Preisträger des ARD-Wettbewerbs, bietet perfekte Umsetzungen des Notentextes, aber noch keine genialen Interpretationen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2020) herunterladen (2483 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich