> > > Verdi, Donizetti: Michael Fabiano, London Philharmonic Orchestra, Enrique Mazzola
Mittwoch, 15. Juli 2020

Verdi, Donizetti - Michael Fabiano, London Philharmonic Orchestra, Enrique Mazzola

Tenorale Kraftmeierei


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Man ist hin- und hergerissen beim Hören des vorliegenden Solo-Album des amerikanischen Tenors Michael Fabiano – irgendwo zwischen Faszination für dieses besondere Timbre und einer ebenso deutlichen Portion Enerviertheit.

Man ist hin- und hergerissen beim Hören des vorliegenden Solo-Album des amerikanischen Tenors Michael Fabiano – irgendwo zwischen Faszination für dieses besondere Timbre und einer ebenso deutlichen Portion Enerviertheit angesichts der testosterondurchtränkten Interpretationen. Der Künstler ist schon lange kein Unbekannter mehr, entsprechend hoch sind die Erwartungen an ein ambitioniertes Programm mit populären, aber auch raren Tenorarien aus frühen bis mittleren Verdi-Opern und spätem Donizetti. Doch Fabiano will es trotz edlem Timbre und attraktivem Stimmkern nicht gelingen, mit dieser CD eine vielversprechende Visitenkarte abzugeben.

Dabei wäre so Einiges in dieser Zusammenstellung dazu prädestiniert, die Stärken des Sängers zu unterstreichen. Als Herzog in Verdis 'Rigoletto' ist Michael Fabiano ein vielgefragter Gast an internationalen Opernhäusern. Wer seinen Poliuto in Donizettis gleichnamiger Oper 2015 in Glyndebourne erlebt hat, weiß, wie mitreißend und überzeugend Fabianos Bühnenfiguren sein können. Auch jenseits italienischer Belcanto-Partien hat der Sänger viel zu bieten: Als Alfred in der 'Fledermaus' konnte er an der Metropolitan Opera vor einigen Jahren eine ordentliche Portion Humor und erotisierenden Tenorstrahl beweisen.

Stimmgeprotze

Und nun liegt beim Label Pentatone seine Verdi-Donizetti-CD vor, die im Spätsommer 2018 in London aufgenommen wurde, und auf der man viel zu oft kopfschüttelnd irritierende Manierismen und unangenehmes Stimmgeprotze hinzunehmen hat. Es gibt ein paar wenige Arien auf diesem Album, die ordentlich funktionieren. So gefällt sein agiles 'La donna è mobile' aus Verdis 'Rigoletto' mit effektvoll angepeilten Spitzentönen und auch Donizettis Poliuto weckt mit der Arie 'Fu macchiato l‘onor mio' Erinnerungen an ein gelungenes Rollenporträt.

Doch schon der einleitenden Rodolfo-Arie aus 'Luisa Miller' fehlt es an glaubwürdiger Emotionalität und Tiefgang. Fabiano geht auf Kraft und zeigt wenig Sinn für Farbgebung. Sein schönes Timbre erinnert immer wieder fatal an José Carreras, ohne den großen Vorgänger je zu imitieren. Überhaupt scheint Fabiano mit vielen Tenorlegenden vertraut: Da schimmert Franco Corelli bisweilen durch und auch Mario del Monaco lugt kraftmeierisch um die Ecke. Ein authentischer Fabiano-Sound ist schwer zu entdecken. Vielmehr eifert er offenkundig Vorbildern nach, setzt sich als leidenschaftlichen Operntenor akustisch in Szene. Das ist auf Dauer aber auch ungemein langatmig und eintönig. Jede einzelne Nummer klingt wie eine Kampfansage – an Bühnenfeinde oder einfach an die musikalische Herausforderung. Und nicht selten schrammt die temperament- und vordergründig glutvolle Herangehensweise die Parodie eines italienischen Operntenors.

So wirft er sich in Edgardos Schlussarie aus 'Lucia di Lammermoor' mächtig ins Zeug, gestaltet mit ungeheurer Dramatik und durchaus glaubwürdig das Rezitativ, um im Cantabile dann aber jegliche Düsternis oder Todesahnung vermissen zu lassen. Schnell überrollt ihn die Leidenschaft, die Höhen werden prahlend herausgeschleudert, nicht selten auf Kosten des Glanzes. Dieser Eindruck zieht sich durch den Großteil des eingespielten Programms. Es ist bestimmt nicht intendiert, zumal Michael Fabiano durchaus eine beeindruckende Stimme besitzt, aber man fühlt sich bei diesem Album permanent provokativ angeschrien. Das hinterlässt auch Spuren im oberen Register, das leicht heiser und angegriffen klingt.

Frei von Schmelz

Inhaltlich durchdacht und seelisch unter Druck serviert er die Arie des Chalais aus Donizettis 'Maria di Rohan', aber frei von Schmelz und ohne den Hörer einzufangen. Für den Riccardo in 'Un ballo in maschera' ist es noch gefährlich früh und bei 'Notte, perpetua notte' aus 'I due Foscari' hat man schon das Gefühl, es klänge ohnehin vieles gleich. Spannend sind tatsächlich die Urfassung der Alvaro-Arie aus der St. Petersburger Version von 'La forza del destino' oder die nachkomponierte Ernani-Arie für den Tenor Nicola Ivanoff.

Enrique Mazzola befeuert am Pult des London Philharmonic Orchestra die Vokalattacken entsprechend und bietet wenig mehr als ordentliche Routine. Es bliebe zu hoffen, dass Michael Fabiano sich auf differenziertere Gestaltung besinnen wird und die großen Verdi-Partien noch eine ganze Weile ruhen dürfen. Hoffen kann man ja mal...

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdi, Donizetti: Michael Fabiano, London Philharmonic Orchestra, Enrique Mazzola

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
Medium:
EAN:

CD SACD
827949075063


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Donizetti, Gaetano
Verdi, Giuseppe


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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