> > > Biber, Heinrich Ignaz Franz: Mysterien Sonaten
Freitag, 23. August 2019

Biber, Heinrich Ignaz Franz - Mysterien Sonaten

Mysteriöse Klangrede in bezaubernder Virtuosität


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Heinrich Ignaz Franz (von) Biber (1644-1704) gilt als einer der größten Virtuosen seiner Zeit auf dem seinerzeit die Instrumentalmusik bestimmenden Instrument: der Violine. Dieser konnte er Klangfarben entlocken, über die sein italienischer Kollege Arcangelo Corelli mehr als ins Staunen kam und ihn als ?Erz-Teuffel? (als Gegensatz zu ihm, dem arcangelo, also Erzengel) der Geige pries. Tatsächlich verfügte Biber über eine famose Spieltechnik, die er in Stücken fremder Komponisten einsetzte, ehe er sich auch als Komponist von weltlicher, wie auch von Kirchenmusik einen Namen machte. Im Gegensatz zu einigen fest etablierten Werken, beispielsweise den ?Sonatae Violino Solo? von 1681 oder der ?Harmonia artificiosa-ariosa? aus dem Jahr 1696, stellen die ?Mysterien Sonaten?, deren Entstehungszeitraum man zwischen 1676 und spätestens 1687 vermutet, für Forschung und Hörer immer noch Rätsel dar; das Mysterium hält sich hartnäckig.
Um gerade das polyphone Spiel auf der Violine erweitern zu können, griffen zeitgenössische Virtuosen auf die Verstimmung, die scordatura, der Geige zurück. In den ?Mysterien Sonaten? wird die Umstimmung des Instrumentes als formbildendes Mittel eingesetzt. Wobei wir uns schon mitten in den Rätseln befinden. Fünfzehn verschiedene Stimmungen sollen laut Biber die fünfzehn Mysterien der Jungfrau Maria symbolisieren. Ein kirchliches Werk also. Oder doch nicht, da es sich keineswegs in die Liturgie einfügen lässt, sondern wohl eher als private ?Meditationsmusik?, um es ganz populär auszudrücken, für den Widmungsträger Maximilian Gandolph von Khuenburg, den Erzbischof von Salzburg, gedacht war. Ein Werk also, das in keinem offiziellen Werkkatalog aufgezeichnet ist, ein nur dem Komponisten und dem Empfänger der aufwendig und liebevoll gestalteten Partitur bekanntes Stück.

Hört man nun diese zauberhafte Musik, so fragt man sich, wie denn so vitale Tanzmusik und religiöse ?Aussage? vereinbar sind. Und je länger man diesem scheinbaren Gegensatz folgt, desto bezwingender scheint das Miteinander aus tänzerischem Gestus und musikalischer Rhetorik. Dennoch handelt es sich ? dem Bookletautor zufolge ? nicht um ?Programmmusik?, da Biber rhetorische Gesten nicht als Schilderung außermusikalischen Inhalts anwendet. Von dem Ensemble Les Veilleurs de Nuit mit der hochsensiblen und ?virtuosen Geigerin Alice Piérot an der Spitze, wird beides überzeugend vermittelt: Auf der einen Seite die Klang-Rede, rhetorische Gesten, dem Sprachduktus folgend. Auf der anderen Seite Tanzmusik, die eine ungemein sinnliche Betrachtung der Marien-Mysterien heraufbeschwört. In ihrem Aufbau und ihrer Zusammensetzung erscheinen die ?Mysterien Sonaten? zunächst als heterogene Ansammlung von instrumentalen Sätzen. Hier finden sich Präludien, Arien, zahlreiche Variationssätze, Chaconnes, und Tänze, wie Allemand, Gigue, Courante oder Intrada; und neben diesen religiöse Lieder wie das ?Surrexit Christus Hodie?, eine Hymne, die in der elften Sonate, der als ?Auferstehung? bezeichneten, erscheint. Doch sollte dies nicht als Zusammenhanglosigkeit abgetan werden, sondern eher als erfrischende Vielfalt der instrumentalen Formen, als Ausdruck der Freude an der sich damals emanzipierenden Instrumentalmusik.

Genau diese Freude merkt man den Musikern an. Ihre Deutung der Biber´schen ?Sonaten? ist von einer enorm hohen Differenziertheit der Ausdrucksmomente bestimmt, jede Sonate wird hier zu einer individuellen Deutung der Mysterien Mariens. Wozu natürlich in besonderem Maße die die jeweilige Sonate bestimmende Umstimmung beiträgt. Biber erfand so für jede Sonate, für jedes Mysterium, eine eigene Klangwelt. Auf die Spitze getrieben wird dies in der elften Sonate. Hier sollen die mittleren Saiten der Geige überkreuzt werden, um eine Stimmung in jeweils zwei Oktaven zu erzeugen (die Kreuz-Symbolik kann hier nicht bestritten werden).
Durch die konsequente Verwendung von alten Instrumenten wird hier ein etwas ruppiges, in seiner Vielgestaltigkeit jedoch erstaunendes Klangbild erschaffen. Die Instrumentalisten wirken bestens aufeinander eingespielt, ?Wackler? intonatorischer oder rhythmischer Art gibt es hier keine. Pascal Monteilhet an der Theorbe überzeugt durch ein kraftvoll-schmissiges Spiel in Tanzsätzen und weiche Artikulation in den ?instrumentalen Rezitativen?. Das gleiche gilt für die Gambistin Marianne Muller. Fehlt noch das ?Herzstück? der Continuogruppe, ein ?Claviorganum? oder ?Orgelklavier?. Es handelt sich hierbei um eine recht seltene Kombination aus Cembalo (!!!) und Orgel. Von Elisabeth Geiger wird dies stilsicher und feinfühlig bedient. Der Ensembleklang ist sehr homogen; klar, die alten Instrumente fügen sich nicht so zusammen wie man das von heutigen gewohnt ist. Doch dies verstärkt eher noch die differenzierte Gestaltung der einzelnen Instrumentalparts. Und zu der Solistin kann man nur sagen: sie überzeugt auf ganzer Linie. Teils kräftig, teils sehr sensibel zu Werke gehend, verleiht sie durch ihre wie selbstverständlich wirkende Virtuosität den Eindruck, hier eine absolute Ausnahmeaufnahme im CD-Player liegen zu haben. Und ich glaube, dies stimmt auch. Das Ensemble musiziert souverän und überzeugend mit ?Herz und Hirn? (wie Schönberg sagen würde).
Dass dies dann auch noch gut klingt, ohne störenden Hall, trägt zu der positiven Erscheinung noch einiges bei. Die Instrumentalisten sind in ihrer Klangbalance ausgewogen, die Dynamik kontrastreich, das Klangbild sehr präsent und farbenreich.

Eine Extraerwähnung verdient das aufwendig gestaltete Booklet: Hier findet sich nicht nur eine ausführliche Deutung des Coverbildes (eines Gemäldes von Antonello da Messina), sondern auch ein informationsreicher und anschaulich geschriebener Text von Pierre Pascal. Einfach spitze!!!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Biber, Heinrich Ignaz Franz: Mysterien Sonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
2
01.09.2003
1:59:44
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
3760014190384
Alpha 038

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Biber, Heinrich Ignaz Franz


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Interpret(en):Les Veilleurs de Nuit,
Piérot, Alice (Violon)
Dirigent(en):Piérot, Alice


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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