> > > Italian opera arias: Johan Botha, Orchester der Wiener Staatsoper
Mittwoch, 17. Juli 2019

Italian opera arias - Johan Botha, Orchester der Wiener Staatsoper

Nicht nur Wagner und Strauss


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser Veröffentlichung hat Orfeo viel dazu beigetragen, Johan Botha nicht nur als bedeutenden Heldentenor des deutschen Fachs im Gedächtnis zu behalten, sondern seine Vielfältigkeit und überzeugende Italianità zu unterstreichen.

Man vergisst es allzu leicht: Der 2016 viel zu früh verstorbene Johan Botha war eben nicht ‚nur‘ ein Wagner- und Strauss-Tenor – er war ebenso im italienischen Fach zu Hause und viel beschäftigt. Beim Label Orfeo liegt bereits eine Botha-Gedenk-CD mit Wagner- und Strauss-Ausschnitten aus der Wiener Staatsoper vor, nun folgt eine Doppel-CD, die Bothas Wirken an der Wiener Staatsoper von Verdi bis Mascagni dokumentiert. Alle Aufnahmen stammen aus den Jahren 1999 bis 2007 und ermöglichen einen spannenden Überblick über die stimmliche Entwicklung des Sängers und damit einhergehend seine Repertoireerweiterung.

So sehr Botha als Darsteller ob seiner Körpergröße und schauspielerischen Fähigkeiten diskussionswürdig gewesen sein mag, auf musikalischer Ebene kann man auch in der Rückschau nur staunen: diese Strahlkraft, diese lyrische, bestechend schön klingende Grundqualität, die bei aller imposanten, schieren Größe von Bothas Tenor nie verloren geht, die Eleganz seiner Phrasierung, der endlose Atem, die mühelose Höhe. Man könnte diese Liste problemlos erweitern. Wer Bothas Tannhäuser oder seinen Kaiser in der 'Frau ohne Schatten' im Ohr hat, der kann schnell ins Schwärmen geraten – aber auch, wer seinen Calàf kennt oder seinen verletzlichen Andrea Chénier, den schwärmerischen Radamès.

Verdi-Partien

Von all diesen Rollenporträts hält die vorliegende Veröffentlichung mal kleinere, mal größere Häppchen bereit. Die komplette erste CD ist Bothas Verdi-Interpretationen gewidmet. Gleich der Anfang ist denn auch von besonderer Sentimentalität: Botha singt an der Seite des ebenfalls zu jung verstorbenen Dmitri Hvorostovsky Szene und Duett aus dem ersten Akt des 'Don Carlo' in einem Mitschnitt vom Juni 2005 unter der Leitung von Philippe Jordan. Die Verve und Stimmpracht beider Sänger reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Die Aufnahmen aus der Neuninszenierung der 'Vespri siciliani' vom Februar 1998 dokumentieren Bothas erste Premiere an der Wiener Staatsoper, die laut Beiheft von vielen Selbstzweifeln des Sängers überschattet war. Wie souverän und intensiv Botha den Arrigo damals bewältigte, lässt sich in den zwei Duetten an der Seite von Altmeister Renato Bruson nun nachhören. Die große Arie des Arrigo ergänzt in einem Mitschnitt vom September 1999 dieses frühe Rollenporträt.

Im Oktober 2006 stand Botha als Otello an der Seite von Krassimira Stoyanova und Falk Struckmann auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Die von Daniele Gatti geleitete Vorstellung ist hier mit vier Ausschnitten vertreten: dem einschüchternden 'Esultate!', dem Liebesduett, dem Monolog des dritten Aktes und Otellos Tod. Wieder einmal macht der heldische Strahl von Bothas Tenor staunen, vor allen Dingen aber seine Fähigkeit, gänzlich intime Momente zu gestalten und keine Stimmprahlerei zu veranstalten. Im 'Esultate!' bezwingt er die unangenehme Tessitura mit einem gelassenen Handwink und zugleich ehrfurchtsgebietender Attitüde, bis er bei 'Niun mi tema' als gebrochener Held in all seiner Zartheit und Haltlosigkeit dem Hörer die Tränen in die Augen treibt. Es mag kernigere, vielleicht auch prachtvollere Otellos geben und gegeben haben, aber nur wenige, die diese Partie mit einer vergleichbaren Schönheit und zart mitschwingenden Wehmut singen konnten. Und was am Ende des 'Celeste Aida' vom März 2006 zu hören ist, muss man Botha erst einmal nachmachen: ein entschwebendes Höhenpiano, das müheloser und effektvoller kaum sein könnte.

Verismo-Partien

Die zweite CD versammelt Werke von Giordano, Mascagni, Leoncavallo und Puccini. In den vier Ausschnitten aus 'Andrea Chénier' steht dem Sänger Violeta Urmana als Maddalena zur Seite. Beide Duette sind von hörbarer Leidenschaft erfüllt, wobei Bothas 'Come un bel dì di maggio' besonders anrührt. Mit Agnes Baltsa liefert sich Botha ein feuriges Duett-Duell aus 'Cavalleria Rusticana', gefolgt von Turiddus Abschied aus dem Jahr 1999. Am Pult steht Simone Young, die viele Abende mit Johan Botha in Wien bestritten hat, so auch Leoncavallos 'Pagliacci' vier Tage vor der 'Cavalleria'. 'Vesti la giubba' und das Finale beweisen, mit welcher Raffinesse und Emotionalität Botha diese für ihn tief liegende Partie bewältigte. Außerdem gibt es in den 'Pagliacci' mit Cristina Gallardo-Domas, Leo Nucci, Manuel Lanza und Herwig Pecoraro auch wunderbare Bühnenkollegen akustisch zu bestaunen. Den Abschluss bilden je die beiden Tenorarien aus Puccinis 'Tosca' und 'Turandot'. Der Cavaradossi aus einer Vorstellung vom Mai 2007 unter der Leitung von Placido Domingo, in die Botha in letzter Minute eingesprungen war und der Calàf in einer Repertoirevorstellung vom März 2001 unter der Leitung von Leopold Hager.

Mit dieser Veröffentlichung hat Orfeo viel dazu beigetragen, Johan Botha nicht nur als bedeutenden Heldentenor des deutschen Fachs im Gedächtnis zu behalten, sondern seine Vielfältigkeit und überzeugende Italianità zu unterstreichen. Vielleicht kommt ja die ein oder andere Wiener Vorstellung auch einmal komplett auf den Markt. Wer weiß.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Italian opera arias: Johan Botha, Orchester der Wiener Staatsoper

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
2
12.04.2019
Medium:
EAN:

CD
4011790967226


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Giordano, Umberto
Leoncavallo, Ruggero
Mascagni, Pietro
Puccini, Giacomo
Verdi, Giuseppe


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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