> > > Schubert, Franz: Drei Klavierstücke, Wanderer-Fantasie: Julia Rinderle, Klavier
Mittwoch, 15. Juli 2020

Schubert, Franz: Drei Klavierstücke, Wanderer-Fantasie - Julia Rinderle, Klavier

Blick in die Zukunft


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die junge Pianistin Julia Rinderle zeigt auf ihrer zweiten CD-Einspielung den Willen, einfallsreich zu interpretieren, und offenbart zugleich, dass es noch Entwicklungspotenzial nach oben gibt.

Jungen Pianistinnen und Pianisten, die frisch von der Musikhochschule kommen, wird heutzutage bekanntlich nicht selten eine zu akademische Interpretationsweise zum Vorwurf gemacht. Im Musikstudium ginge es mittlerweile ja nur noch darum, die Partitur auf das Penibelste genau in technischer Perfektion wiederzugeben und nicht um das Erlernen einer fantasievollen Interpretationsfähigkeit. Dass die Stars von morgen von den Plattenfirmen zudem gerne optisch in Szene gesetzt werden, wirkt sich dabei nicht gerade nützlicher aus: Wenn die junge Pianistin Julia Rinderle auf dem Cover ihrer bei ARS Produktion neu erschienenen CD mit blondem Wellen-Haar die linke Gesichtshälfte verschleiert, um mit dem sichtbaren rechten Auge umso mehr mit der Kamera zu kokettierten, mögen Zweifel aufkommen, ob die Aufnahme im Stande ist, tiefsinnige Schubert-Interpretationen anzubieten.

Blick aufs Ganze

Doch sollte man der aus Memmingen stammenden Pianistin nicht vorschnell den Stempel der Tastenvirtuosin aufdrücken, die durch aufwendige Selbstinszenierung, die mangelnde Befähigung wirklich ausdrucksstarken Interpretierens zu überspielen sucht. Denn wenn eines über die Einspielung nicht gesagt werden kann, so ist es, dass die Pianistin hier eine seelenlose Virtuosität zur Schau stellt. Anders als bei ihrer ersten CD, bei der sie den Vorteil einer Weltersteinspielung der unbekannten 'Geisterszenen' des ‚No-Name‘-Komponisten Anselm Hüttenbrenner genoss, muss sie auf ihrem neuen Schubert-Album zudem der Tatsache ins rechte Auge sehen, dass die Zuhörer dieses Mal eine ganze Reihe von vergangenen Pianistenlegenden im Ohr haben – die Herausforderung ist folglich nochmals größer. Der CD kommt hierbei zugute, dass die eingespielten Werke nicht das allerpopulärste Klavierœuvre Schuberts markieren. So sind nicht etwa die berühmten Impromptus, sondern die 'Drei Klavierstücke' D 946 zu hören oder es erklingen die sehr bekannten Lieder 'Auf dem Wasser zu singen', 'Ständchen' und 'Der Wanderer' im etwas seltener gehörten Klavierarrangement von Franz Liszt. Glanzvoller Schlusspunkt ist ferner die 'Wanderer-Fantasie' D 760, die Schubert aufgrund des pianistischen Schwierigkeitsgrades angeblich selbst nicht spielen konnte.

Blick nach innen

Bereits das Klavierstück Nr. 1 in es-Moll startet mit einer verheißungsvollen Interpretation. Gewiss, Rinderle ist wie die meisten Künstler der heutigen Zeit bedacht, partiturgenau zu musizieren, was allein schon in der folgsamen Einhaltung aller Schubertschen Wiederholungszeichen ersichtlich wird. Schuberts ‚himmlische Längen‘ sind für die Durchdringung der strukturellen wie auch musikalischen Konsistenz dieser unterschätzten Klavierstücke gleichwohl absolut relevant. In anderen Gesichtspunkten weiß Rinderle zudem deutlich mutiger als ihre Kolleginnen und Kollegen eigenständig zu gestalten, etwa in den Tempozeitmaßen. So spielt die Pianistin die ersten Sforzatischläge nach den galoppierenden Triolenketten mit geradezu eigens gesetzten Fermaten und verleiht den Akkorden hierdurch eine beeindruckende Emphase, ohne dynamisch über das Ziel hinauszuschießen.

Wimper im Auge

Doch so sehr der Einstieg in die CD zu begeistern weiß, so wenig überzeugt im Anschluss das Klavierstück Nr. 2 in Es-Dur. Bereits dem dreifach wiederkehrenden Hauptthema im Allegretto ist durch Rinderles Verzögerungsüberflutungen der fließende Puls genommen. Ja, Rubato tut der Musik Schuberts gut und ist in Zeiten, in denen das rigorose Einheitstempo als heiligstes Gebot die Interpretationen zu einschläfernden Erlebnissen werden lässt, nur zu gern gewünscht. Rinderles Rubatoeinsatz zerstückelt jedoch die Phrasen, anstatt sie mit Leben zu füllen. Dabei kann sie es eigentlich deutlich besser, wie sie im 'Ständchen' nur wenig später beweist: Der Passage, an der Liszt der Mittelstimme ein Echo in der hohen Oberstimme hinzufügt, wird durch das Rubato einerseits eine wundervolle Unterscheidbarkeit der zwei Stimmen zuteil, andererseits entwickelt sich diese Stelle zum abwechslungs- wie spannungsreichen Hörerlebnis.

Doch was im Lied funktioniert, ist im zweiten Klavierstück kontraproduktiv, wobei der Versuch, einzelne Momente mit Ideen zu füttern, anstatt die Gesamtanlage des Werkes nicht aus den Augen zu verlieren, sogar einen Spielfehler zur Folge hat: Dem vierfach wiederholten Es-Dur-Akkord in der Überleitung zum zweiten Mittelteil in as-Moll ('L‘istesso tempo') fügt Rinderle versehentlich eine fünfte Wiederholung hinzu. Oder sollte der zusätzlich eingebaute Es-Dur-Akkord einen bewussten Interpretationsschachzug darstellen? Wenn ja, hätte man dies sicherlich selbstbewusster kenntlich machen sollen und nicht so zögerlich, wie es letztlich auf der CD zu hören ist. Dass sich ein solcher Fehler einschleichen konnte, ist mit Blick auf den perfektionistischen Aufnahmestandard der heutigen Zeit gewiss ein Kuriosum und man verzeiht dies gerne, wäre die nachfolgende Passage hierdurch zusätzlich intensiviert worden. Ja, es steht ein Pianissimo vorgeschrieben, doch es ist eben auch harmonisch ein Sprung in die entlegene Sieben-b-Vorzeichen-Tonart as-Moll komponiert, der nach größtmöglicher melancholischer Tiefe ruft und im nüchternen Spiel wenig zur Geltung kommt.

Die abschließende 'Wanderer-Fantasie' überzeugt da deutlich mehr durch ein virtuoses Spiel, bei dem Rinderle auf jegliche Art von effekthascherischen Läufen verzichtet. Dennoch scheint sie Angst vor der wirklichen Fortissimo-Ektase zu haben. Auch hier bleibt anzumerken, dass beispielsweise im Anfangs-Allegro ein ‚ma non troppo‘ die Tempowahl Rinderles notentextlich begründet, die Vorschrift ‚con fuoco‘ jedoch ebenso extremere Ausbrüche in den Sforzati und Forte-Einsätzen erwünscht. Abermals gibt Rinderle durch ihr eigenes Spiel im letzten Satz der 'Wanderer-Fantasie', der vor mitreißender Spielfreude nur so strotzt, selbst vor, wie beeindruckend das ganze Werk hätte klingen können.

Blick nach vorn

Schlussendlich bietet diese Schubert-Einspielung genügend Versprechen dafür, wie erfolgreich sich Julia Rinderle noch weiterentwickeln kann. So beweist sie Mut, entgegen einer monoton gewordenen Klaviertradition kreativ die Möglichkeiten der Interpretation auszuloten. Damit kann sie so manche Kritiker zum Verstummen bringen, die nur allzu gern die Lernmethodik an den Musikhochschulen angreifen. Gleichwohl ist der präsente Einfluss des Musikstudiums spürbar, was klanglich in einer etwas kontrollierten Spielweise resultiert, die sich vor zu groß werdender Subjektivität scheut. Sollte die junge Pianistin jedoch die musikalische Reife der ersten und letzten CD-Nummer regelmäßig auf die Tasten bringen, ist von ihr noch sehr viel Schönes zu erwarten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Drei Klavierstücke, Wanderer-Fantasie: Julia Rinderle, Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
1
03.05.2019
Medium:
EAN:

CD
4260052382837


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Schubert, Franz
 - Drei Klavierstücke D 946 - Nr.1 es-Moll Allegro assai
 - Drei Klavierstücke D 946 - Nr.2 Es-Dur. Allegretto
 - Drei Klavierstücke D 946 - Nr.3 C-Dur. Allegro
 - ARR. Franz Liszt, aus S.558 - Auf dem Wasser zu singen
 - ARR. Franz Liszt, aus S.558 - Ständchen
 - ARR. Franz Liszt, aus S.558 - Der Wanderer
 - Fantasie C-Dur op.15, Wanderer D. 760 - Allegro con fuoco, ma non troppo
 - Fantasie C-Dur op.15, Wanderer D. 760 - Adagio
 - Fantasie C-Dur op.15, Wanderer D. 760 - Presto
 - Fantasie C-Dur op.15, Wanderer D. 760 - Allegro


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Interpret(en):Rinderle, Julia


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
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