> > > Duruflé, Maurice: Complete Choral Works: Houston Chamber Choir, Robert Simpson
Samstag, 4. Juli 2020

Duruflé, Maurice: Complete Choral Works - Houston Chamber Choir, Robert Simpson

Debüt mit Duruflés Chorwerk


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine schöne Gesamtschau der Chorwerke Maurice Duruflés, und dazu ein gelungenes Porträt des Houston Chamber Choir bei Signum Classics.

Maurice Duruflés feines, aber eben auch überschaubar kleines Chorwerk auf einer einzigen Platte zu präsentieren, das verlockt, das ist erprobte Praxis: In nicht einmal 70 Minuten hat man einen Gang durch das ganz und gar eigentümliche Œuvre hinter sich. Mit dem Gefühl, dass auch sehr verschiedene Quellen ein stimmiges Ganzes speisen können. Denn Duruflé versöhnt so disparate Sphären wie die Gregorianik und den musikalischen Impressionismus: So unwahrscheinlich das klingt, so bezaubernd gelingt es, und das in jedem einzelnen Werk.

Fließendes Gewebe

Die Messe 'Cum Jubilo' op. 11 und das Requiem op. 9 sind ästhetisch eng miteinander verwandt und werden auf der aktuell bei Signum erschienenen Platte des Houston Chamber Choir in der Version mit Orgel musiziert, die, von einem geeigneten Instrument getragen, reiche Farben zu evozieren unbedingt geeignet ist: Duruflé braucht die Möglichkeiten des Orchesters erfahrungsgemäß und auch hier hörbar nicht, um vielfältige Effekte zu erzielen. Kennzeichnend für seinen Satz ist die Gleichzeitigkeit zweier unwahrscheinlicher ästhetischer Partner: Duruflé gelang es, die unregelmäßige Linearität der Gregorianik unter beständigem Wechsel der sehr oft ohnehin unregelmäßigen Taktarten in ein fließendes Gewebe zu übersetzen und dieses strukturell feine Gespinst dann in impressionistische Harmonik zu tauchen. Duruflé hat damit zweifellos eine eigene Ästhetik geschaffen, die besonders sein traumverloren schönes Requiem prägt.

Neben diese beiden größeren Werke treten solche für Chor a cappella: Die 'Quatre Motets sur des thèmes grégoriens' op. 10 und das schlichte 'Notre Père' op. 14. Das sind feine Preziosen, ästhetisch grundsätzlich ähnlicher Faktur wie die instrumentalbegleiteten Werke, auch sie aus der Fülle alten Materials geschöpft und mit der Gegenwart des Komponisten in klingende Korrespondenz gebracht. Nur sind sie eben reduziert auf den reinen Chorklang. Und auch hier ist es erstaunlich, wie scheinbar mühelos alte Vorlagen in ein spätromantisches Gewand gekleidet werden, als wären sie genau dafür gemacht. Scheinbar mühelos, weil Duruflé, darin der Arbeitsweise seines Lehrers Paul Dukas ähnlich, durchaus skrupulös arbeitete und seine Werke wieder und wieder schliff und schließlich nur wenige von ihnen tatsächlich der Öffentlichkeit übergab. Wir können also im Umkehrschluss vergleichsweise sicher sein, mit den kanonischen Werken Duruflés dessen vollgültige künstlerische Aussage vor uns zu haben.

Harmonischer Chor und interessante Orgel

Diese exquisiten Arbeiten hat sich der Houston Chamber Choir für sein Debüt bei Signum Classics ausgewählt. Es stellt sich als Ensemble mit einem kompletten, ausgewogenen Kammerchorklang vor, mit balancierten Registern in voller Besetzung, die teils kernige Statur haben und ihre Mittel differenziert einzusetzen wissen. Die 23 Sängerinnen und Sänger kultivieren einen eher weichen, nie aber konturlosen Ansatz, der sich in Duruflés Musik deutlich bewährt, der beständig ein mild verwehter Charakter eignet. Die Männerstimmen zeigen sich mit diesem verschmelzungsfähigen Ansatz in der Messe auch der außerordentlich hohen Lage gewachsen, die Duruflé im fortwährenden Unisono fordert. Das Requiem ist dynamisch elegant aufgefächert, versehen mit feinen Impulsen bei den Tempi. Und die Vokalisten setzen mit Recht auf den freien Fluss langer Linien, sprechen die lateinischen Texte aber auch verlässlich und strukturgebend. Die Motetten gehen sie mit Leichtigkeit und außerordentlicher Delikatesse an, formen die zarten Sätze in feinen Gesten aus.

Wesentlich zum Gelingen der Produktion trägt die Orgel der in der Rice University in Houston entstandenen Aufnahme bei: Sie ist eine Gemeinschaftsproduktion von Fisk und Rosales, in den 1990er Jahren nach den Vorbildern französischer Orgeln vor allem des 19. Jahrhunderts entstanden. Und das Instrument macht mit seinen 75 Registern einigen Eindruck, vereint viele verschmelzungsfähige Stimmen auf der Basis eines enormen Grundvolumens, das freilich vom Organisten der Produktion, Ken Cowan, fein moduliert wird. Gelegentlich wird das gewaltige Potenzial auch sehr dominant, dann in Verbindung mit der architektonisch sehr hoch gebauten, für die Orgel akustisch ganz offenbar optimal in Szene gesetzten Edythe Bates Old Recital Hall – ein für die Mischung mit einem Kammerchor ganz offenkundig schwieriger Raum: Günstig zwar für Orgel oder Chor je allein, im Forte von Messe und Requiem, wenn der Organist die Möglichkeiten seines Instruments nicht nur an-, sondern ausdeutet, gerät die Balance gelegentlich in Unordnung. Dass die Orgel als sehr wesentliches und zudem ungemein interessantes Element der Einspielung im Booklet gar nicht vorgestellt wird, schmälert den Wert der Textbeigabe entscheidend. Dennoch: Eine schöne Gesamtschau der Chorwerke Maurice Duruflés. Und dazu ein gelungenes Porträt des Houston Chamber Choir bei Signum Classics.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Duruflé, Maurice: Complete Choral Works: Houston Chamber Choir, Robert Simpson

Label:
Anzahl Medien:
signum classics
1
Medium:
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CD
635212057124


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