> > > Schönberg, Arnold: Verklärte Nacht
Donnerstag, 9. Dezember 2021

Schönberg, Arnold - Verklärte Nacht

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Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arnold Schönbergs ‘Verklärte Nacht’ op. 4 dürfte jedem Klassik-Liebhaber bekannt sein. Vom Namen her zumindest. Entstanden im Spätherbst 1899, stellt dieses Stück eines der formal größten Werke dieser Schaffensperiode Schönbergs dar. Stilistisch lässt es sich schwer zuordnen: Auf der einen Seite beeinflusst durch die Symphonischen Dichtungen von Strauss, zum anderen geprägt von der Kammermusik Brahms´ oder Zemlinskys. Und so wirkt dieses Werk wie eine (typisch) einsätzige Symphonische Dichtung, die jedoch auf kammermusikalische Dimensionen, ein Streichsextett, reduziert wurde. Erstmals aufgeführt 1902 in Wien, arbeitete der Komponist es für Streichorchester um. Nachdem es einige Probleme mit Veröffentlichungsrechten gab, während sich Schönberg im amerikanischen Exil befand, stellte er 1943 dort eine gültige Fassung für Streichorchester her. Diese Bearbeitung für Streichorchester wurde auf dieser CD aufgenommen.
Das zweite Werk dieser Aufnahme stellt ein Werk, ebenfalls für Streichorchester, dar, welches von Schönbergs kompositorischem Idol (zumindest noch 1899) 46 Jahre später geschrieben wurde: die ‘Metamorphosen’ aus dem Jahr 1945 für 23 Solostreicher. Dies komponierte Strauss in einem Moment tiefster Trauer, als während der letzten Kriegsmonate die Stätten seines künstlerischen Wirkens zerstört wurden: Wien, München, Dresden, Berlin. Doch stellt es in seiner Schönheit, die es trotz seines tieftraurigen Gestus besitzt, einen eklatanten Widerspruch zu der historischen Situation dar; man ist versucht zu fragen, wie Strauss in einem solchen Moment eine derart schöne Musik schreiben konnte.

Begibt man sich nun mitten in die Kompositionen, so fällt einem doch recht schnell auf, dass hier bei weitem nicht alle Linien nachvollzogen werden. Dies ist freilich kein leichtes Unterfangen. Die ‘Verklärte Nacht’ strotzt nur so von rhythmisch schwer zu realisierbaren Passagen. Doch die einzelnen Stimmen wirken hier etwas unterbelichtet. Klar, man muss immer bedenken, dass es sich um eine Bearbeitung für (Streich-)Orchester handelt, die zwangsweise auf Kosten der Durchsichtigkeit kontrapunktischer Linienführung geht, jedoch auch wuchtiger und pathetischer klingt. Es gelingt hier jedoch in zweifacher Weise nicht, Durchsichtigkeit zu vermitteln: Einerseits arbeitet die Bozener Streicherakademie unter Frieder Bernius die von Schönberg als ‘passages of primary importance’ gekennzeichneten Abschnitte nicht deutlich genug heraus, wofür die Maxime gelten könnte, dass man keine Stimme als Hauptstimme herausnehmen wollte. Dann jedoch sollte man erwarten können, dass die einzelnen Stimmen in ihrer Linienführung plastisch heraustreten. Genau dies passiert aber auch nicht. Irgendwie gerät alles zu einem ohne große Differenzen und Kontraste gestalteten Klangfluss, der, einmal in Gang gebracht, bis zum Schluss durchfließt. Allein die Angaben zu Dynamik, Temporelationen, Akzentuierung etc, die von Schönberg mit höchster Akribie eingetragen wurden, sollten den Anstoß zu höchstmöglicher Differenziertheit der Interpretation geben. Leider ließ sich das Ensemble davon nicht beeindrucken. Oder liegt doch alles an der Akustik des Aufnahmeorts? Bot das Grand Hotel Toblach doch nicht die optimalen Bedingungen für dieses Unterfangen? Denn die Streicher lassen wenig hören von akzentuiertem, homogenen, dynamisch differenziertem Spiel. Dass dies jedoch nicht erreichbar war, lässt sich schwer vorstellen.

Auch die ‘Metamorphosen’ machen einen recht eintönigen Eindruck. Einige Stimmen gehen hier stellenweise ganz unter, andere bieten nicht die expressive Gestaltung, die Strauss intendierte. Scheinbar nahmen die Musiker an Akzentzeichen, Staccato-Punkten und dynamischen Angaben keinen allzu großen Anstoß. Denn irgendwie hat man den Eindruck, die ‘Metamorphosen’ seien immer in etwa gleich ‘dicht’ komponiert. Hier werden die Themen in den einzelnen Stimmen nicht plastisch genug herausgearbeitet, die Begleitung, selbst eine kontrapunktische Gegenlinie, trennt sich klanglich nicht sehr von der ‘Hauptstimme’. Dadurch können auch Verdichtungen und Übereinanderschichtungen der Themen kaum in ihrer Dichte dargestellt werden. Gegen Ende, wenn das sich an Beethovens Trauermarsch-Thema der Eroica anlehnende Motiv im Sekundabstand eintritt, so knirschen hier die Stimmen nicht aneinander, sondern treten wie alte Freunde zusammen. Auch die rhythmische Gestaltung lässt zu wünschen übrig: Bei Übergängen zwischen kontrapunktisch reichen und eher durchsichtig komponierten Stellen wird in einem Zug durchmusiziert. Hier könnte man agogisch und in der Phrasierung schon etwas mehr machen.

In ihrem Zusammenhang lässt diese CD einige Wünsche offen: Der Klang ist zwar homogen, aber undifferenziert (was an der Aufnahmesituation liegen könnte). Das Ensemble spielt zwar intonatorisch rein, doch fehlt es an überzeugender Phrasierung und Artikulation. So lassen sich die Stimmen nicht hörbar voneinander trennen, einige gehen gänzlich unter. Auch die Temporelationen könnten etwas mehr verdeutlicht werden. Und die Dynamik? Gerade bei den ‘Metamorphosen’ stellt sich kein Gefühl von Drängen, Unrast oder Dramatik der Situation ein, da man fast nie über f spielt. Es geht somit einiges an Ausdruck verloren, der diesen in ihrer Tonsprache spätromantischen Stücken sehr gut anstünde. Schade.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schönberg, Arnold: Verklärte Nacht

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Carus
1
01.09.2003
52:39
2001
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350831988
Carus 83.198


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Schönberg, Arnold
Strauss, Richard


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Dirigent(en):Egger, Georg
Bernius, Frieder
Interpret(en):Streicherakademie Bozen,


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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