> > > Mahler, Gustav: Symphony No.6 "Tragic"
Sonntag, 29. März 2020

Mahler, Gustav - Symphony No.6 "Tragic"

Mit tragischer Axt


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein unaufhaltsamer Marsch, rasch, geradlinig und bestimmt ? so eröffnet Jansons mit dem London Symphony Orchestra den ersten Satz aus Mahlers 6., der ?Tragischen?. Ein wenig fühlt man sich an Sir Georg Solti erinnert und dessen wuchtige Eröffnung der Sinfonie, und so hebt sich diese Einspielung bereits zu Beginn ein bisschen aus dem riesigen Topf an Mahleraufnahmen ab.

Durch Jansons Tempowahl steht der erste Satz nicht ?nur? als mächtiger Marsch da, er verleiht ihm auch noch den Ausdruck des Unaufhaltsamen, hier bereits auf eine Katastrophe zusteuernd. Auch das London Symphony Orchestra zeigt sich in dieser Live-Aufnahme von bester Seite, allen voran die Bläser, die in Mahlers Sinfonik stets bis zum Äußersten getrieben werden und dies hier glorreich bestehen. Doch auch die teils lyrischen und introvertierten Seitenteile kommen gut zur Geltung: inmitten all des sinfonischen Getümmels und großer, teils brutaler Ausbrüche (so wie Mahler sie vorschreibt) begegnet man echter Ruhe als Kontrast. Und es sind keine abrupten unschlüssigen Übergänge, wie von allein scheinen sie aus dem Gesamtverlauf zu resultieren, in dem großen Spannungsbogen, der sich durch jeden Satz zieht, entwickeln sie sich. Und trotz der enormen Klänge, die hier zu bewältigen sind, vermeint man immer noch Jansons Detailverliebtheit herauszuhören, selten gehen Stimmen unter und auch wenn das Schlagwerk heftige Akzente in den Höhepunkten setzt überdeckt es nicht das Orchester, sondern betont die Grundintention des Tragischen.

Der zweite Satz ist dann erheblich versöhnlicher: fast schon meditativ und wohlklingend, aber nie ohne bitteren Beigeschmack von einer Art Traurigkeit. ?Eine Erkundung der alpinen Einsamkeit? beschreibt das Booklet dieses Andante ? eine altbekannte Ansicht, die Jansons aber wohl zu umgehen sucht. Die weitläufige Melodie und die vielen Soli lassen schon das Bild einer weiten, menschenleeren Landschaft entstehen, jedoch die von Mahler vorgeschriebenen Herdenglocken werden einfühlsam und unaufdringlich benutzt, so dass mehr wehmütige Volkstümlichkeit von ihnen ausgeht als das Bimmeln einer Kuhwiese in den Alpen.

Das ?Wuchtig? überschriebene Scherzo holt den Hörer unsanft auf den Boden zurück, gegen den Rhythmus hämmert der Marsch, was hier ausgezeichnet gelingt, ungelenk und grotesk, wenn auch nicht mit allzu ausgeschöpften Effekten verzerrt es das Bild der bisher erlebten Sinfonie in die typisch ?Mahler?sche? Fratze.
Der größte Teil der Sinfonie fällt jedoch dem Finale zu, so üppig (30 Min.), dass es auf eine eigene CD muss.
Mit einer Mischung aus verklärt und verschreckt lässt sich dieser tragische vierte Satz wohl gut beschreiben. Die großinstrumentierte Eröffnung ist wie aus einem Guss, die ironisch-heiteren Zwischenteile, wie sooft an Kirmesmusik erinnernd, fallen trotz ihres extremen Gegensatzes nicht aus dem Gefüge, sie werden wie im ersten Satz zum Teil des Spannungsbogens, den Jansons erzeugt.
Die Hauptattraktion aber sind natürlich die Hammerschläge ? sind sie nur dumpf rumorend, oder muss man sich gar neue Boxen kaufen, wie nach Chailly? Jansons kannte wohl das Mahler-Zitat ?wie ein Axthieb?, und so wird es hier auch realisiert: deutlich nach Holz klingend und ein wenig nachhallend ist es, als ob eine riesige Axt in einen Baum fährt. Der zweite Schlag, der schrecklichere der beiden, wird dann noch vom gesamten Schlagwerk verstärkt und dass hierbei einer der Beckenspieler etwas zu früh kommt (es müssen wohl mehrere gewesen sein, aber verdoppelte Becken sind an dieser Stelle durchaus vertretbar), tut dem Eindruck keinen Abbruch.

Alles in allem kann man sagen, dass dieser ?Tragische? Mahler eine durchaus lohnende Interpretation, auch stark von Seiten des Orchesters, darstellt und nicht nur durch Spannung vom ersten bis zum letzten Satz, sondern auch durch die scheinbar triviale Eigenschaft eines ausgezeichneten Preis-Leistungs-Verhältnisses besticht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Symphony No.6 "Tragic"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
LSO Live
2
01.09.2003
1:21:52
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0822231103820
LSO0038


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Mahler, Gustav


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Dirigent(en):Jansons, Mariss
Orchester/Ensemble:London Symphony Orchestra


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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