> > > Holbrooke, Josef: Symphonic Poems III: Deutsche Radio Philharmonie, Howard Griffiths
Sonntag, 15. Dezember 2019

Holbrooke, Josef: Symphonic Poems III - Deutsche Radio Philharmonie, Howard Griffiths

Jenseits der Tondichtungen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine längst überfällige Erkundung der wichtigsten Orchestersinfonie eines weitgehend vergessenen Briten.

Eigentlich ist die vorliegende CD ein Etikettenschwindel, denn nur eines der drei Werke von Josef Holbrooke ist tatsächlich ein ‚Poem for Orchestra‘: 'The Birds of Rhiannon' op. 87 (1923), eine Komposition, deren Ersteinspielung auf dem Label Lyrita vor diversen Jahrzehnten vom Sohn des Komponisten als minderwertig abgewertet wurde. Wenn der früheren Veröffentlichung etwas fehlte, dann am ehesten emotionale Tiefe (doch allein schon die orchestrale Virtuosität stellt nicht geringe Anforderungen). Nach dem London Philharmonic Orchestra unter Vernon Handley nun die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, unter einem Dirigenten, der sich in den vergangenen Jahrzehnten wie kein anderer um Holbrooke verdient gemacht hat: Howard Griffiths erkundet mit dem Orchester in der Tat weitaus mehr Klangfarben und Stimmungen als die nunmehr historische Pionierleistung; dennoch bleiben die deutschen Musiker an manchen Stellen zu zurückhaltend.

Schon 1905 wurden die Variationen 'The Girl I left behind me' op. 37 Nr. 2 uraufgeführt, ein Werk voller musikalischem Witz, in dem auch Material verarbeitet wurde, das jedes Jahr auf der Last Night of the Proms zu Gehör gebracht wird – warum also nicht auch einmal diese orchestrale Prachtnummer, die Holbrooke auch musikalisch in selbst den Fachmann überraschend starker Nähe zu Havergal Brian zeigt, wobei auch ein Frederick Delius nicht ganz fern ist. Griffiths und seine Musiker gehen voller Wonne ‚in die Vollen‘, und selbst wenn nicht jeder Witz von den Musikern verstanden wird, macht das Werk doch viel Freude.

Ganz eigen

Die zentrale Komposition der CD, die dritte Sinfonie 'Ships' op. 90 (1925), musste bis 1936 auf die Uraufführung warten – die in Budapest stattfand (mit den Konzertveranstaltern in Großbritannien zwischen den Weltkriegen hatte sich Holbrooke überworfen). Und weitere mehr als 80 Jahre mussten wir auf die erste Gesamteinspielung warten (ein kurzer Ausschnitt erschien auf einer Schellack-Plattenseite bei Decca und wurde sogar tatsächlich vor vielen Jahren auch auf CD vorgelegt). Das dreisätzige Werk, Holbrookes wohl bedeutendeste Orchestersinfonie, ist komplex und musikalisch und interpretatorisch anspruchsvoll – da gibt es Momente, die an Skrjabin erinnern, dennoch ist Holbrooke musikalisch insgesamt doch ganz eigen. Leider gelingt auch hier keine absolute Referenzeinspielung – die klanglichen Valeurs bleiben, etwa im Vergleich mit einer jüngst auf Dutton erschienen CD mit der Vierten Sinfonie, noch etwas zu ‚gelernt‘, zu wenig natürlich gewachsen. Dass der Verfasser dieser Zeilen, der fast sein halbes Leben auf eine Einspielung der Komposition gewartet hat, dennoch begeistert ist, liegt an dem hörbaren Engagement aller Beteiligten; wenn Holbrooke dann noch nicht die ‚erste Fremdsprache‘ des Orchesters ist, ist damit gut zu leben.

Die Holbrooke-Renaissance hat erst in den vergangenen zwanzig Jahren Fahrt aufgenommen – auch Buchpublikationen sind endlich erschienen (erste veröffentlichte Arbeiten des Verfassers fallen in die frühen 1990er-Jahre). So stehen mittlerweile auch endlich belastbarere Fakten für die Booklettexte zur Verfügung, so dass gerade jene, die bislang noch nie von dem Zeitgenossen Regers und Vaughan Williams‘, der sowohl seinen Nachnamen (von Holbrook zu Holbrooke) als auch seinen Vornamen veränderte (von Joseph zu Josef) und auch sonst kein einfacher Zeitgenosse war, gehört hatten, endlich nachhaltig informiert werden können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Holbrooke, Josef: Symphonic Poems III: Deutsche Radio Philharmonie, Howard Griffiths

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203504121


Cover vergössern

Holbrooke, Josef
 - The Birds of Rhiannon -
 - The girl I left behind me - Allegro con brio
 - The girl I left behind me - Thema moderato
 - The girl I left behind me - Variation 1
 - The girl I left behind me - Variation 2
 - The girl I left behind me - Variation 3
 - The girl I left behind me - Variation 4
 - The girl I left behind me - Variation 5
 - The girl I left behind me - Variation 6
 - The girl I left behind me - Variation 7
 - The girl I left behind me - Variation 8
 - The girl I left behind me - Variation 9
 - The girl I left behind me - Variation 10
 - The girl I left behind me - Variation 11
 - The girl I left behind me - Variation 12
 - The girl I left behind me - Variation 13
 - The girl I left behind me - Variation 14
 - The girl I left behind me - Variation 15
 - Symphony No.3 op.90 - Warships - Allegro e con fuoco
 - Symphony No.3 op.90 - Hospitalships - Larghetto espressivo
 - Symphony No.3 op.90 - Merchantships - Finale Marcia - Poco allego marcato


Cover vergössern

Dirigent(en):Griffiths, Howard
Orchester/Ensemble:Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Große und kleine Dimension: Gerhard Weinberger beweist seine Meisterschaft in Regers monumentalem Opus 127 wie in den feinen Choralvorspielen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Neapolitanische Volkstragödie: Die szenische Wiederentdeckung von Pierantonio Tascas Verismo-Reißer 'A Santa Lucia' in Dessau macht auch rein akustisch Effekt. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Kammermusik im Biedermeierstil: Englische Landschaften, ein spanisch angehauchtes Viola-Duo und virtuose Klaviertrio-Musik von mehr oder weniger belangloser Art. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Unverstanden: Diese Einspielung von geistlichen Liedern Carl Philipp Emanuel Bachs überzeugt weder, wenn die Sängerin singt, noch wenn sie schweigt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zwei Seiten eines Cellokomponisten: Chiara Enderle weiß die Cellokammermusik Ernest Blochs erfolgreich zu erkunden. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Große und kleine Dimension: Gerhard Weinberger beweist seine Meisterschaft in Regers monumentalem Opus 127 wie in den feinen Choralvorspielen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unverstanden: Diese Einspielung von geistlichen Liedern Carl Philipp Emanuel Bachs überzeugt weder, wenn die Sängerin singt, noch wenn sie schweigt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Entschlackter Mahler: Gustav Mahlers 10. Sinfonie in einer kammermusikalischen Fassung. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Der faszinierende Klang des Horns: Richard Watkins präsentiert zusammen mit Julius Drake romantische Werke für Horn und Klavier. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich