> > > Weigl, Karl: Voices in the Wilderness: Raphael Wallfisch, Konzerthausorchester Berlin, Nicholas Milton
Sonntag, 22. September 2019

Weigl, Karl: Voices in the Wilderness - Raphael Wallfisch, Konzerthausorchester Berlin, Nicholas Milton

Abschied von Wien


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese überzeugende Einspielung von Werken Karl Weigls zeigt den österreichischen Komponisten vor der Emigration.

Raphael Wallfischs Erkundung von während des ‚Dritten Reichs‘ verfemter Musik geht mit einer weiteren hochkarätigen Produktion weiter. Diesmal steht Karl Weigl (1881–1949) im Fokus, ein aus Wien stammender Komponist, unter dessen Lehrern unter anderem Alexander Zemlinsky und Robert Fuchs zu finden sind. Unter dem legendären Guido Adler promovierte er in Musikwissenschaft; er war mit Webern und Schönberg befreundet und unter Gustav Mahler Korrepetitor an der Wiener Hofoper. 1918 wurde er Professor für Komposition am Neuen Wiener Konservatorium. Zwanzig Jahre später konnte er mit seiner Familie in die USA flüchten, fasste dort aber nur schwer Fuß. Seiner kompositorischen Tätigkeit tat das aber keinen Abbruch, und verschiedene wichtige Werke, darunter zwei Sinfonien und eine Violinsonate, entstanden in jener Zeit. 1944 wurde Weigl amerikanischer Staatsbürger, was bedeutete, dass sein Schaffen heute in Europa bis ungefähr zum Jahr 2000 quasi nicht mehr gepflegt wurde. Seither hat sich – nicht zuletzt dank der Labels BIS und Capriccio – die Situation erfreulich gewandelt: Drei Sinfonien sind auf CD produziert (keine einzige mit einem österreichischen Orchester), dazu die zwei Streichquartette, die Violinsonate, Klavier- und Violinkonzert.

Emotional kongenialer Zugang

Nun auch die Cellosonate und das Cellokonzert – Werke der Jahre 1923 resp. 1934. Die dreisätzige Cellosonate hängt stark der stilistischen Linie an, die wir etwa von Max Reger und Robert Fuchs kennen – also keine harmonischen Experimente à la Atonalität, vielmehr eine zeitgemäße, teilweise vielleicht etwas zu diatonische Fortführung der Tonalität im 20. Jahrhundert, mit einem tiefgründigen langsamen Satz. Wallfisch und sein Klavierpartner Edward Rushton finden für das Werk den emotional kongenialen Zugang, überziehen nicht die Expressivität und ‚überspielen‘, wo nötig, auch gewisse Schwächen der Musik.

Ergänzt wird die Sonate durch drei Miniaturen für Cello und Klavier, von denen zwei – 'Love Song' und 'Wild Dance' von Anfang 1940 – sich im Konzertleben einiger Beliebtheit erfreuen; das ergänzende Menuetto ist eine Bearbeitung aus der ebenfalls 1940 entstandenen Violasonate, fast in einer Art neoklassischem Ton. In 'Wild Dance' können Wallfisch und sein Klavierpartner John York auch ihre virtuosen Fähigkeiten ausspielen – ihre Interpretation ist ohne Seil und doppelten Boden, voller Emphase an die Musik. Der Mittelteil dieses Stückes rekurriert – vielleicht ganz bewusst – auf eine Art ‚jüdischen‘ Ton, der dem Komponisten vielleicht Ersatz für die verlorene europäische Heimat war (Weigl starb in New York City).

Raffinierter Orchestersatz

Das Cellokonzert beeindruckt vom ersten Takt an durch den raffinierten Orchestersatz (Weigl war ein begnadeter Orchesterkomponist, mit einer besonderen Schwäche für ‚harmonische Unschärfe‘, durch die eine scheinbar klare Textur verkompliziert wurde) – und auch durch die Aufnahmetechnik. Während die Kammermusikwerke aufnahmetechnisch zu nah mikrofoniert zu sein scheinen, haben wir hier allerbesten Deutschlandfunk-Klang von großer Durchhörbarkeit und bestmöglicher, fast SACD-brillanter Staffelung. Wallfisch ist natürlicher Teil des Ganzen und kann so mit allen konzertierenden Orchestersoli herrlich in Dialog treten. Nicholas Milton, der das Konzerthausorchester Berlin schon zuvor in den cpo-Produktionen mit Raphael Wallfisch geleitet hat, ist auch hier ein idealer Partner, der zusammen mit den Instrumentalisten die Qualitäten des dreisätzigen Werkes in bestmöglicher Weise vermitteln kann – voller Frische, Kraft, emotionaler Wärme und feinem Klangsinn. Der langsame Satz vermittelt einen schmerzvollen Blick auf das alte Wien, das unter der Naziherrschaft vergeht, und der Optimismus des Finales scheint ein wenig forciert. Ein spannendes, ein interessantes, ein sehr hörenswertes Zeitdokument, eine hervorragende Interpretation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weigl, Karl: Voices in the Wilderness: Raphael Wallfisch, Konzerthausorchester Berlin, Nicholas Milton

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203518920


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Weigl, Karl
 - Cello Concerto - Allegro moderato
 - Cello Concerto - Larghetto
 - Cello Concerto - Allego ma non troppo
 - Two Pieces for Violoncello & Piano - Love Song
 - Two Pieces for Violoncello & Piano - Wild Dance
 - Menuetto for Violoncello & Piano -
 - Cello Sonata - Allegro moderato
 - Cello Sonata - Larghetto
 - Cello Sonata - Allegro ma non troppo


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Dirigent(en):Milton, Nicholas Christopher
Orchester/Ensemble:Konzerthausorchester Berlin
Interpret(en):Wallfisch, Raphael


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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