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Sonntag, 16. Januar 2022

Mahler, Alma - Complete Songs

Der andere Blick


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gewöhnlich begegnet Alma Mahler dem interessierten Leser und Hörer in zweierlei Gestalt: Da ist sie einerseits im Blick der Jünger und Apologeten ihres ersten Mannes Gustav Mahler die Frau an dessen Seite, deren Einfluss auf den Dirigenten und Kompositionsgroßmeister von zumindest zweifelhaftem Rang ist, die durch Egozentrik und Anspruchsdenken ihrem Gatten - neben der ihr zweifellos auch zugebilligten Rolle als Inspirationsquelle - das Dasein beschwerte. Zum anderen ist Alma Mahler für viele Autoren ein, wenn nicht das Paradebeispiel für selbst bestimmtes weibliches Leben im beginnenden 20. Jahrhundert. Unvermeidlich hierbei sind die Verweise auf ihre weit verzweigten sozialen und kulturellen Kontakte, auf ihre Liaisons von Kokoschka über Gropius zu Werfel ebenso wie auf ihre nicht zuletzt dadurch demonstrierte und gelebte Unabhängigkeit. Was auch immer von all dem richtig oder erwähnenswert sei: Es sind dies die hartnäckigen Bilder, die bis in die jüngste Biographik zu Gustav Mahlers Leben hineinreichen und uns zudem in vielen anderen Bereichen des Literatur- und Sachbuchmarkts begegnen.

Doch wagen wir einen anderen Blick: Alma Mahler war nicht nur das, was ein retrospektiver Ansatz aus ihr werden ließ – eine Wahrnehmung, an deren Entstehung sie selbst zweifellos nicht unbeteiligt war – viel mehr gab es auch die Alma, die seit ihrem neunten Lebensjahr Kompositionsunterricht erhielt, die seit 1897 Schülerin Alexander von Zemlinsksy’s war, die in jenen Jugendjahren beinahe 100 Sololieder schrieb, dazu eine Klaviersonate und eine unvollendete Oper. Der viel zitierte und für Alma Mahlers Weg als eigenständige Künstlerpersönlichkeit so verhängnisvolle Brief, in dem Gustav sie auffordert, sofern sie eine eheliche Verbindung eingingen, solle sie fortan seine Musik als die ihre betrachten, ist der Schlüssel zum Verständnis der Tatsache, warum die Komponistin Alma Mahler unbeachtet, ja beinahe vergessen ist. Zu sehr hatte sie in den Hintergrund treten müssen, war die einmal genommene Entwicklung abgebrochen und unterbunden worden, als das es in späteren Jahren noch einen wirklich gangbaren Weg aus dieser Situation heraus hätte geben können.

Die Komponistin und ihre Lieder
In der vorliegenden Aufnahme finden sich alle vierzehn gedruckten und zwei als Manuskripte überlieferte, sehr frühe Lieder. Alle anderen Liedkompositionen sind verloren gegangen. Der erste, 1910 noch von Gustav Mahler zum Druck vorbereitete Zyklus von fünf Liedern präsentierte zum einen eine hoffnungsvolle junge Komponistin mit Zukunft und sollte daneben durch Gustavs letztlich zu spätes Anerkenntnis seiner Frau als Künstlerin die gemeinsame Beziehung retten helfen – aus beidem wurde, wie wir heute wissen, aus den verschiedensten Gründen nichts.
So ist uns als Alma Mahlers Liedschaffen ein sehr überschaubares Werk überliefert, dessen erster Teil von fünf Liedern noch sehr stark in der Sphäre spätromantischer Tonsprache verharrt: Formen variierter Strophigkeit wechseln mit durchkomponierten Passagen, die dramatische Geste verhilft zu manch eindrücklicher Wendung, ungewisse und rastlose Abschnitte sind die einprägsamsten Stellen dieses ersten Zyklus’, der ansonsten mit nur mäßiger struktureller Komplexität und kompositionstechnischer Originalität aufwarten kann. Noch sehr klar sind die Anklänge an die Liederkomponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die der jungen Komponistin neben ihren Lehrern Inspiration und Hilfestellung waren.
Etwas avancierter präsentiert sich ein zweiter Zyklus von vier Liedern, der 1915 in Druck ging. Neben einer immer freieren und selbstständigen Behandlung der Texte hielt auch manch moderne ‚Unverträglichkeit’ Einzug, die den Liedern eine größere Komplexität in motivischer und harmonischer Hinsicht verlieh. Zugleich wuchsen die Anforderungen an die Stimme, mussten ein wachsender Umfang und eine geschärfte Ausdruckshaltung bewältigt werden. In der letzten Sammlung, von der ein Lied auf 1924 datiert werden kann, findet Alma Mahler zu einer deutlich emotionaleren Haltung, zu einer nochmals gesteigerten dramatischen Geste. Getragen werden diese fünf Lieder von einer reicheren Begleitung, die manch starken Affekt erlaubt.

Die Interpreten und ihre Deutung
Jorma Panula ist neben seiner Tätigkeit als Dirigent und Lehrer – ihm verdanken fast alle der jüngeren finnischen Dirigenten ihre fundierte Ausbildung – vor allem Komponist und hat sich als solcher der eigentlich für Singstimme und Klavier gesetzten Lieder Alma Mahlers angenommen und sie für Orchester arrangiert. Das Ergebnis ist eine zurückhaltende, eher vorsichtig und unspektakulär sich gebärdende Grundierung, die von einem dunklen, streicherlastigen Klang getragen wird. Kammermusikalisch gesammelt, manchmal beinahe karg agiert das Philharmonische Orchester von Tampere, in vorbildlich begleitender Haltung, in gelegentlichen Zwischenspielen jedoch auch größere Möglichkeiten andeutend.
Im Vordergrund steht die Stimme der Mezzo-Sopranistin Lilli Paasikivi, die einen dunklen, runden Klang kultiviert. Die von der Disposition her eher tiefe Stimme glänzt durch einen sehr weichen Ausgleich der Lagen. Klare, herausragende Höhen sind gleichwohl zu hören – Dank konturierter Differenzen und überzeugender stimmtechnischer Möglichkeiten. Im Umgang mit der Sprache offenbart sich jedoch manche Nachlässigkeit, die wohl gleichermaßen auf eine gewisse Konsonantenarmut wie auf ein ebenso auffälliges wie unnötiges Abdunkeln der Vokale zurückzuführen ist.
Dennoch finden die Lieder mit der vorliegenden Aufnahme würdige Interpreten: Die getragenen Tempi erlauben einer fein abgestuften dynamischen Entwicklung ebenso Punkte der Sammlung wie der größeren Leidenschaft, besonders im dritten Zyklus präsentiert sich das Ensemble in einer großzügigen Weitläufigkeit des Ausdrucks. Insgesamt nimmt sich Paasikivi in ihren Phrasierungen viel Zeit, entwickelt tragfähige Bögen, kommuniziert offenkundig blendend mit Orchester und Dirigent. Hier entfaltet sich eine der besonderen Stärken dieser Lieder: Es ist durchaus Musik der großen Geste, gleichwohl ohne den Hörer mit einem ‚Zuviel’ an Komplexität zu überfordern.

Alma Mahler empfand den Versuch ihres Mannes Gustav, ihr Kompositionstalent, das dieser über ein Jahrzehnt hin unterdrückt hatte, wiederzubeleben, als einen in gewisser Weise vergeblichen Versuch: Zwar war ihr Weg, sich die Welt als eigenständige Künstlerin anzueignen keineswegs zu Ende – die Jahre der reifenden Entwicklung, des allmählichen Wachsens jedoch waren unterbrochen und wahrscheinlich verhinderte auch dieser Umstand, dass uns ihre Werke heute mehr als nur am Rande interessieren. Dennoch ist dieser andere Blick lohnend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Alma: Complete Songs

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Ondine
1
29.03.2010
51:05
2003
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761195102428
ODE 1024-2


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Mahler, Alma


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Dirigent(en):Panula, Jorma
Orchester/Ensemble:Tampere Philharmonic Orchestra
Interpret(en):Paasikivi, Lilli (Mezzo-Soprano)


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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