> > > Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde: Anna Larsson, Stuart Skelton, Düsseldorfer Symphoniker, Adam Fischer
Montag, 30. März 2020

Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde - Anna Larsson, Stuart Skelton, Düsseldorfer Symphoniker, Adam Fischer

Plastisch und facettenreich


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Adam Fischers Auslegung von Gustav Mahlers 'Das Lied von der Erde' mit den Düsseldorfer Symphonikern ist die Inszenierung einer Interpretation, die nichts unberücksichtigt lässt. So fesselnd kann dieses sperrige Werk sein.

Wartelisten im Abo-Konzert, davon können viele Künstler nur träumen. Der gebürtige Ungar Adam Fischer hat es in der Düsseldorfer Tonhalle mit seinem Haydn-Mahler-Zyklus geschafft, die Kombination an sich lässt aufhorchen. Der Dirigent lockte damit aber nicht nur das Publikum, sondern auch die Düsseldorfer Symphoniker aus ihrer Komfortzone. Wahrlich in Bestform präsentieren sie sich in der Mahler Edition Vol. VI, durchweg als Live-Mitschnitte produziert. Das zog weitere Erfolge unmittelbar nach sich. Für die Einspielung von Mahlers Sinfonie Nr. 3 erhielten die Düsseldorfer Symphoniker im Oktober 2019 den OPUS Klassik 2019 in der Kategorie 'Sinfonische Einspielung Musik 19. Jahrhundert'. Den Juroren gefiel vor allem die ‚Ausdeutung von Mahler mit Klang und Geste eines Opernorchesters‘. Im November 2019 kürte der britische Klassik Online Händler Presto Classica Adam Fischer zum Dirigenten des Jahres.

Mahler-Zyklus

Nach den Symphonien Nr. 1, 3, 4, 5 und 7 legte Adam Fischer jetzt Mahlers 'Das Lied von der Erde' auf das Pult. Hier zahlt sich wieder aus, dass die Düsseldorfer Symphoniker auch Oper spielen und dass Fischer ein profunder Operninterpret ist. 'Das Lied von der Erde', Mahlers Vermeidungsversuch einer neunten Symphonie, inszeniert er atmosphärisch narrativ. Konsequenterweise liegt Fischer mehr an Stimmungen als an den Worten, die Mahler auswählte, bearbeitete, ergänzte, altchinesische Lyrik, die Hans Bethge in Deutsche übersetzte und mit dem Titel 'Die chinesische Flöte' versah. Die Lieder verlaufen über weite Strecken bar jeglicher Anhaltspunkte im Gesamtklang und Rhythmus, fordern extreme Kraft, Ausdrucksfähigkeit und Entfaltungsspielraum und müssen zum Gesamtklang des Orchesters passen.

Fischer traf eine gute Wahl mit dem australischen Heldentenor Stuart Skelton mit dem metallischen Glanz eines Siegfried und der schwedischen Mezzosopranistin und begnadeten Kontraaltistin Anna Larsson. Beide beherrschen ihre Gesangspartie, verstehen, im Kontext mit dem Orchester zu gestalten. Welchen Text sie dabei singen, bleibt allerdings unverständlich. Das ist bedauerlich, zumal Fischers Interpretation keine weiteren Wünsche offen lässt. In den sechs Sätzen bringt er Empfindungszustände zwischen Untergangsstimmung und Resignation überaus plastisch und facettenreich zum Klingen, im Orchesterklang dissonant aufgeraut, grelle Farbwechsel neben kammermusikalischer Nuancierung. Der Komposition gingen Schicksalsschläge, eine schwere Herzerkrankung, aber auch eine generelle Untergangsstimmung voraus, die Mahler zu diesem extremen Endzeitwerk inspirierten.

Erdenschwer

Adam scheut keine Extreme, lässt zu, dass die Stimmen stellenweise im Orchesterklang untergehen, verleiht Mahlers Ton Wagnersche Schwermut oder groteske Quirligkeit. Nach einem wilden Intro gestaltet Fischer 'Der Einsame im Herbst' in leisen Tönen hochdramatisch und erdenschwer. Großartig, wie kaum hörbar die Bläser in dunkler Ferne verklingen. Blitzartiger Stimmungswechsel zur Heiterkeit folgt im dritten Satz 'Von der Jugend', Exotismen hier wie im folgenden Satz 'Von der Schönheit', erzeugt durch Bruchstücke einer pentatonischen Skala und streckenweise mit volksliedhaftem Ton verbunden, verstärken das Empfinden von Fremdheit und Künstlichkeit.

Der Schlusssatz wird zum großen Opernkino, die Geschichte rankt um die Erwartung und den Abschied des Freundes. Fischer entfesselt die narrative Kraft dieser Musik und bietet ein Kaleidoskop der Empfindungen, die in endgültiger Hoffnungslosigkeit gipfelt. Mit jedem Hören weitet sich der Horizont der Wahrnehmung, treten immer wieder neue Details hervor, die die Düsseldorfer Symphoniker unter Anleitung von Fischer hochsensibel und eindrucksvoll ausmusizieren. Jens Schubbe hat für das Booklet einen aufschlussreichen Text zur Entstehung und Bedeutung von Mahlers 'Lied von der Erde' verfasst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde: Anna Larsson, Stuart Skelton, Düsseldorfer Symphoniker, Adam Fischer

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
15.03.2019
61:33
2018
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4260085534074
8553407


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Mahler, Gustav
 - Das Lied von der Erde - I. Das Trinklied vom Jammer der Erde
 - Das Lied von der Erde - II Der Einsame im Herbst
 - Das Lied von der Erde - III Vonder Jugend
 - Das Lied von der Erde - IV Von der Schönheit
 - Das Lied von der Erde - V Der Trunkene im Frühling
 - Das Lied von der Erde - VI Der Abschied


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"Adam Fischer über DAS LIED VON DER ERDE Das Lied von der Erde durchdringt eine ganz besondere Stimmung, eine Abschiedsstimmung. Vor allem natürlich im letzten Satz, dem Abschied. Diesen Satz aufzubauen, ist für jeden Dirigenten und für jedes Orchester eine speziell komplizierte, aber wunderbare Herausforderung. Ich finde, es ist rein technisch das schwierigste Stück zu dirigieren. Mahler sagt sich so sehr vom Takt los! Es gibt zwar schon früher bei ihm den Hinweis, man solle nicht den Takt, sondern den Rhythmus dirigieren, aber hier ist es noch anders: Diese Dreivierteltakte am Schluss lösen sich förmlich von der Erde, es gibt kaum noch überhaupt irgendwelche Anhaltspunkte zum Zusammenbleiben für die Musiker. Es ist eine einzige Auflösung des Lebens. Wenn man alt wird und krank, dann bleibt man eben allein, und langsam hört alles auf. Ich kann diesen Abschied nicht trennen vom letzten Satz der Neunten [Anm: Mahler 9. Symphonie]. Wobei die Neunte noch mehr die ganz langsame Auflösung des Lebens in sich hat, aber im Lied von der Erde fängt sie schon an. Es ist eine große Linie von hier bis zur letzten Seite der Neunten. Die Musik im Lied von der Erde hat von Anfang an eine ganz spezielle Atmosphäre. Auch die Texte, die auf fernöstliche Lyrik zurückgehen, sind eher eine Stimmung: Mahler löst sich immer wieder von den Worten, aber die Stimmung bleibt. Die Musik ist so viel mehr als die Worte. Im dritten Lied geht es zum Beispiel um Spiegelbilder im Wasser – in der Musik sehe ich diese Bilder aber gar nicht. Mahler geht es auch nicht darum, dass man jede Silbe genau versteht. Und wenn eine Stimme in der Verzweiflung vom Orchester übertönt wird und ganz untergeht, ist das ganz im Sinne der Musik. Der Schönklang ist an vielen Stellen nicht wichtig, im Gegenteil: Im Lied von der Erde muss auch deklamiert, gerufen und geschrien werden. Ich glaube, auch Menschen, die den deutschen Text gar nicht verstehen, können über die Musik den Sinn des Ganzen genau erfassen………. ADAM FISCHER on Mahler's Lied von der Erde Das Lied von der Erde is shot through with a special atmosphere: a mood of farewell – mostly, of course, in the last movement, Der Abschied. When attempting to construct that last movement, every conductor and every orchestra are faced with a challenge that is as complicated as it is thrilling. In my view, the last movement of Das Lied von der Erde is the most difficult one to conduct in the entire repertoire. Mahler even abandoned the sensation of regular metre. He had stated elsewhere that one should not conduct the metre but the rhythm, but here things are different. Toward the end of the last movement, the 3/4 bars seem to lose contact with the ground and start to float in midair; hardly any points of reference are left for the musicians to remain together. This truly is life in the process of dissolving. When we grow old and sick, we are alone, and things start slowly grinding to a halt. I cannot disassociate this farewell from the last movement of Mahler’s Ninth Symphony. Although the slow dissolving of life is even more apparent there, the tendency is already clear in Das Lied von der Erde – a continuous line can be drawn from here to the last page of the Ninth. From the onset, the music in Das Lied von der Erde is permeated by a special mood. Even the texts, based on Far Eastern poetry, are more mood than content. Mahler repeatedly abandons the words’ meaning, but the mood remains. The music implies so much more than the words! For instance, the third poem evokes the reflection of a mirror image in water, but I don’t see those images anywhere in the music. Mahler is not concerned with helping us understand every syllable. If the voice, in its anguish, is drowned out by the orchestra, that is what the music is trying to achieve. Throughout a great number of passages, “beautiful tone” is not what is important. To the contrary. In Das Lied von der Erde, the singers are likewise required to declaim, cry, and shriek. I think that even those concertgoers who have no command of the German language have no problem in gaining a quite precise grasp of what is going on…………. "


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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