> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Streich-Quartette KV 428, 464: Auryn Quartett
Samstag, 5. Dezember 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus: Streich-Quartette KV 428, 464 - Auryn Quartett

Brillanter Zirkelschlag


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Auryn Quartett erweist sich als kluger Sachwalter von Mozarts Streichquartetten KV 428 und 464.

Zum bevorstehenden 40-jährigen Bühnenjubiläum hat sich das in der internationalen Quartett-Szene fest etablierte Auryn Quartett der wichtigen Haydn-Quartette Wolfgang Amadeus Mozarts angenommen. Die zweite von drei CDs enthält die Quartette in Es-Dur KV 428 und A-Dur KV 464. Die vier Herren Matthias Lingenfelder (*1959), Jens Oppermann (*1960; beide Violinen), Stewart Eaton (Viola) und Andreas Arndt (Violoncello) gründeten 1981 ihr Quartett und hatten zunächst (bis 1986) Unterricht in Köln beim renommierten Amadeus Quartett. Anschließend nahmen sie in den USA Lektionen beim Guarneri Quartett. Bis heute spielt das Quartett in seiner Gründungsbesetzung, was selten ist. Doch man hört es in der vorliegenden TACET-Produktion, die sehr erfreulich ist. Erfolge der Formation stellten sich rasch nach Gründung ein: Das Auryn Quartett gewann 1982 jeweils einen 3. Preis bei der International String Quartet Competition Portsmouth sowie beim ARD-Wettbewerb in München, was der weiteren Karriere des damals aufstrebenden Ensembles deutlich Vorschub leistete. Seit nunmehr über zehn Jahren betreut das Quartett in der italienischen Stadt Este im Veneto sein eigenes Kammermusikfestival und leitet darüber hinaus künstlerisch auch die Musiktage Mondsee in Österreich.

Erfahrene Künstler

Das Streichquartett Es-Dur KV 428 von Mozart beginnt mit einem nüchternen Unisono: Oktavsprung aufwärts, Tritonus abwärts, gefolgt von chromatischen Linien – da hört der Rezipient genau hin. Weich und elegant ist die Stimmführung bei den Auryns, markig sind die rhythmischen Einwürfe. Der Kern des Klanges dröhnt vom Fundament, vom Violoncello, herauf; brillant leuchtet dazu der Diskant der ersten Violine. Die Intonation der vier ist bis auf ein paar Ausnahmen relativ störungsfrei. Bei den Tempi wählt das Quartett kaum einen sportiven Ansatz. Hier kommunizieren vier erfahrene Künstler, die ihren Weg gefunden haben. Die Durchführung des 'Allegro non troppo' gestaltet das Quartett mit einer gehörigen Portion Dramatik. Die Einfädelung der Reprise gelingt musikalisch und technisch vorzüglich. Mozarts ideenreiche Stimmführung kommt da bestens zur Geltung.

Mit glatt zwölf Minuten Aufführungsdauer ist das 'Andante con moto' der umfangreichste Satz des Quartetts und nur wenig kürzer als die Sätze drei und vier zusammen. Mozart hatte eine sehr gute Nase für Proportionen, was hier in dieser Aufnahme wieder einmal evident wird. Der langsame Satz wird trotz edler Schwermütigkeit von den Jubilaren nicht steif angegangen, sondern lebt von fließender Bewegung, welche ihm die Interpreten angedeihen lassen, nicht ohne auf das Setzen gelegentlicher Fragezeichen mittels kleiner Rubati zu verzichten. Der Klang ist hier besonders dicht geflochten, von farbiger Kraft durchglüht, was nicht zuletzt dem veritablen Sound der edlen Instrumente zu verdanken ist. Alle Beteiligten unterwerfen sich einer großen Disziplin, zeigen die harmonische Kühnheit des Satzes – mit gelungenen dynamischen Akzenten – exemplarisch auf. Etwas mehr Drive und Spritzigkeit hätte man sich im 'Menuetto' gewünscht, bleibt hier doch alles zu sehr im abgesteckten Rahmen, den das Auryn Quartett nur selten verlässt. Das verleiht andererseits aber auch eine gewisse interpretatorische Zuverlässigkeit, die die Stärke der Gruppe ist. Wer diese Aufnahme kauft, erlebt keine (negativen) Überraschungen, einzig das überdeutliche Portamento des Primarius im Auftakt zum Trio ist geschmacklich zweifelhaft. Heiter, fast lustig ist das Thema des abschließenden Rondos, das das Auryn Quartett ebenfalls mit dem nötigen Humor feilbietet. Das mundet, zeigt es doch mit nobler Geste deutlich die noch nicht erlahmende Spielfreude der vier auf, deren Agieren hier tatsächlich in den Couplets bisweilen virtuose Züge annimmt.

Einfühlsame Lösung

Mozarts A-Dur Quartett KV 464 nahm sich Beethoven später für sein Quartett op. 18, Nr. 5 – ebenfalls in A-Dur – zum Vorbild. Daran erkennt der Musikkenner schon dessen meisterlichen Rang, obwohl es nie so populär wie sein Jagd-, geschweige denn sein Dissonanzen-Quartett wurde. Seine Größe schlummert im Verborgenen: Das schlichte Motiv der absteigenden Quinte zieht sich durch die ganze Komposition und das Auryn Quartett findet hier zu einer wunderbar beruhigenden, einfühlsamen Lösung. Dass man den ersten Satz auch etwas flinker im Tempo spielen kann, bezeugt die mittlerweile historische, aus dem Jahre 1966 stammende Aufnahme des Quartetto Italiano (Philips Complete Mozart Edition); die Italiener verzichten zwar auf die Wiederholung des zweiten Teils (das Auryn Quartett wiederholt selbstverständlich und immer wenn vorgeschrieben), doch ihr Vorwärtsdrang übertrifft den der Auryns spürbar. Daraus lässt sich kein Besser oder Schlechter ableiten, es ist nur ein anderer Interpretationsansatz, allerdings – für die neue, vorliegende Aufnahme – im Rückblick ein besinnlicherer, kontemplativerer, der durchaus im Werk stecken kann, berücksichtigt der Analyst die Durchführung, wo es harmonisch ins Moll moduliert und die Musik polyphone Züge annimmt, sich also formal verkompliziert. Da ist es wichtig und richtig, dass der Hörer auch im zweiten Teil die Chance auf ein Déjà-vu erhält.

Fehlender Charme

Aus dem urspünglichen Tanz des Menuetts entsteht bei Mozart auch im zweiten Satz Menuetto-Trio ein kunstvoll gewebtes, polyphones Konstrukt. Gegenüber seinem Vorbild Haydn legt sich Mozart hier mächtig ins Zeug und dehnt – seinen Zeitgenossen weit voraus – die Dimensionen aus: Reichten Papa Haydn noch 64 Takte für sein Menuett samt Trio in seinem späten – schon nach Mozarts Tod 1799 komponierten – op. 76 Nr. 5 aus, schreibt Mozart hier 104 Takte. Allerdings auch in diesem Satz hat das Auryn Quartett die Tendenz zu professoral-akademischer Gestaltung. Ein bisschen mehr Wiener Eleganz und Charme könnten da helfen, sonst wirkt das Motiv mit den vier Hammerschlägen zu bieder-monoton oder bisweilen nach Hundegebell.

Viel Lebensklugheit lagert im Andante, dem dritten Satz aus KV 464, einem wunderbaren Variationssatz. Hier begleiten drei Musiker zunächst die erste Violine, die ihr synkopiertes Thema vorträgt. Musikalische Querverbindungen aber greifen im Laufe des Satzes um sich, bis schlussendlich Cello und auch Viola in einen kuriosen Marsch-Begleitrhythmus verfallen. Das ist für Mozart unüblich. Ihre Könnerschaft spielen die Musiker auch noch einmal überlegen im Finale aus, einem furiosen Satz, der ganz auf Leichtigkeit und Geschwindigkeit getrimmt scheint, aber trotzdem mehr zu bieten hat. Was folgt, ist ein brillanter Zirkelschlag von gelungenem Zusammenspiel und meisterlich-dynamischer Disposition, die dem Werk abschließend absolut gerecht wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Streich-Quartette KV 428, 464: Auryn Quartett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
08.03.2019
Medium:
EAN:

CD SACD
4009850023449


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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