> > > Berlioz, Hector: La damnation de Faust: London Symphony Chorus & Orchestra, Sir Simon Rattle
Montag, 21. Oktober 2019

Berlioz, Hector: La damnation de Faust - London Symphony Chorus & Orchestra, Sir Simon Rattle

Mit Leidenschaft ins Höllenfeuer


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Damnation de Faust' ist ein eindringliches Souvenir an das Londoner Konzert von 2017 und ein attraktiver Fan-Artikel für alle, die Rattle, Hymel, Cargill oder Purves verehren.

Beim hauseigenen Label des London Symphony Orchestra gibt es eine neue Einspielung von Hector Berlioz‘ dramatischer Legende 'La damnation de Faust' unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Die letzte 'Damnation de Faust' beim selben Label liegt einige Jahre zurück – das war ein Mitschnitt vom Oktober 2000 noch unter Sir Colin Davis, der das Werk schon 1973 mit dem London Symphony Orchestra im Studio eingespielt hatte. Die Berlioz-Tradition und -Erfahrung dieses renommierten Klangkörpers ist groß und die vorliegende Aufnahme vom September 2017 in der Londoner Barbican Hall ist nicht weniger als eine Hommage an das Orchester selbst und die Pionierarbeit in Sachen Berlioz-Rezeption von Sir Colin Davis. Ob diese Wegmarke aus dem Jahr 2017 nun zwingend nach einer Veröffentlichung auf Tonträger verlangt, ist allerdings fraglich, denn viel Neues bringt diese 'Damnation' nicht – natürlich abgesehen von der Solistenbesetzung –, und toppen kann sie die ältere Davis-Einspielung auch nicht.

Ein energetischer Sir Simon

Auf der Haben-Seite steht das hervorragende Klangbild, das die beiden SACDs bieten. Vor allem dem Orchesterklang kommt dieser Umstand zugute: Alles bleibt transparent, kristallklar und jedes noch so kleine Detail entpuppt sich als lebendiger Teil des ‚Großen Ganzen‘. Unter Rattles Leitung glüht die Partitur, pulsiert Berlioz‘ Musik mit Energie und Hingabe. Der Zugriff ist vor allem eines: leidenschaftlich. Da mag so Manches an Zwischentönen und intellektueller Atmosphäre auf der Strecke bleiben, aber man vermisst es kaum, weil Rattles Interpretation entwaffnend authentisch ist. Es ist mitreißend, wie der 'Ungarische Marsch' unerbittlich theatral vorbeizieht oder wie humorvoll Rattle den erstklassigen Sängerinnen und Sängern des London Symphony Chorus die alkoholisierten ‚Amen‘-Rufe entlockt. Das funktioniert und überzeugt. Ebenso bezaubernd und präzise agieren die Kinder der verschiedenen Tiffin-Chöre.

Stilistische Schwächen bei den Solisten

Im Bereich der Solisten geht es nicht minder leidenschaftlich zu als am Pult des London Symphony Orchestra. Und genau hier liegt die Crux dieses Mitschnitts, denn stilistisch sind die vokalen Angebote durchaus fragwürdig, so klangvoll und authentisch die Sänger auch agieren mögen. Bryan Hymel, der im französischen Fach in den letzten Jahren seinesgleichen sucht, verlässt sich zu sehr auf opernhaften Gestus und entsprechende Effekte, die mit ihren angeschluchzten Tönen bei Puccini oder Verdi besser aufgehoben wären. Dass nicht nur im Liebesduett einige Höhen eng werden, verzeiht man dem charismatischen Sänger schon eher, denn sein silbrig glänzender Tenor passt letztlich hervorragend zu Berlioz‘ Faust-Figur. Hymel weiß um den inneren Kampf seines Fausts und bringt bei aller vokalen Kraft auch die notwendige Zerbrechlichkeit mit. Die Eleganz und Subtilität eines Nicolai Gedda oder Richard Verreau erreicht sein von Rattle befeuertes Rollenportrait aber nicht.

Auch die Marguerite von Karen Cargill besticht eher durch ihr glutvolles Timbre und den stark opernhaften Zugriff. Das ist legitim, lässt aber in Hinsicht auf die geforderte Stilistik einige Wünsche offen. Cargills kontrolliertes, aber unüberhörbares Vibrato versöhnt in dieser Hinsicht auch nicht gerade. Aber sie singt ihre Marguerite, als gäbe es kein Morgen – mit Leidenschaft und großer Geste. Das 'D‘amour l‘ardente flamme' kann man raffinierter gestalten, wie einst Consuelo Rubio, aber Cargill überzeugt mit bedingungsloser Hingebung. Vermutlich reißt einen diese Interpretation im Konzertsaal als Liveerlebnis stärker mit als auf Tonträger, was wiederum die Frage nach der Notwendigkeit dieser Veröffentlichung aufwirft.

Für den erkrankten Gerald Finley konnte der Bariton Christopher Purves gewonnen werden, der sich als Méphistophélès mehr als anständig schlägt. Bei ihm ist mehr Eleganz und wohldosierter Ausdruck zu spüren. Effekthascherei betreibt er nicht, was beispielsweise seine Serenade wohltuend vom feurigen Gestus des übrigen Ensembles abhebt. Gábor Bretz holt aus der undankbaren Rolle des Brander alles heraus, was an derbem Humor und beeindruckendem Stimmklang zu holen ist.

Diese 'Damnation de Faust' ist ein eindringliches Souvenir an das Londoner Konzert von 2017 und ein attraktiver Fan-Artikel für alle, die Rattle, Hymel, Cargill oder Purves verehren. Eine konkurrenzfähige Aufnahme zu älteren Einspielungen von Igor Markevitch bis Sir Colin Davis ist sie aber nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Berlioz, Hector: La damnation de Faust: London Symphony Chorus & Orchestra, Sir Simon Rattle

Label:
Anzahl Medien:
LSO Live
2
Medium:
EAN:

CD SACD
822231180920


Cover vergössern

Berlioz, Hector


Cover vergössern

LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag LSO Live:

  • Zur Kritik... Blasser Romeo: Eine Berlioz-Aufnahme, die leider keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Doppelfunktion: Nikolaj Szeps-Znaider als Solist und als Dirigent - dieses Mozart-Konzept geht voll auf. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Eleganz und Glätte: Nikolaj Znaider und das London Symphony Orchester widmen sich Mozarts viertem und fünften Violinkonzert – fraglos kompetent, oft aber zu zurückhaltend. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von LSO Live...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Gespenstische Stimmen: Das aktuelle Album 'Dichterliebe' von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Vokale Schwankungen: Ivan Repusic erweist sich in Verdis 'I Due Foscari' wieder einmal als leidenschaftlicher Operndirigent. Der Mitschnitt kann allerdings auf Grund der Solistenriege nur bedingt überzeugen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Vergessenes für Neugierige: Diese CD wirkt anregend und macht Lust, Vergessenes wiederzuentdecken. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Gespenstische Stimmen: Das aktuelle Album 'Dichterliebe' von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Besser ungewohnt als traditionell: Mit dem Violinkonzert von Einojuhani Rautavaara scheinen sich die Musiker hier wohler zu fühlen als bei Sibelius. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unbekanntes aus England: John Eccles und Gottfried Finger waren produktive Komponisten für Schauspielmusiken für das New Theatre Lincoln's Inn in London. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich