> > > De Falla, Manuel: La vida breve: BBC Philharmonic, Juanjo Mena
Donnerstag, 1. Oktober 2020

De Falla, Manuel: La vida breve - BBC Philharmonic, Juanjo Mena

Detailverliebtes De-Falla-Projekt


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als Ergänzung der übersichtlichen Diskografie ist diese klanglich blitzsaubere und engagierte Neuaufnahme von 'La vida breve' willkommen.

Manuel de Fallas in manchen Aspekten veristische Oper 'La vida breve' ist auf Tonträger nicht gerade überbordend repräsentiert. Das gute halbe Dutzend an existierenden Gesamtaufnahmen verträgt definitiv eine aktuelle Version – und diese liegt nun dankenswerterweise beim Label Chandos auf einer klanglich tadellosen CD vor. Der Dirigent Juanjo Mena ging im Juni 2018 mit dem BBC Philharmonic ins Studio und erfüllte sich mit dieser Produktion einen persönlichen Traum. So liest man es zumindest im umfangreichen, mehrsprachigen Beiheft, das auch das komplette in Libretto in englischer Übersetzung enthält.

Tatsächlich hört man die Akribie und Ernsthaftigkeit, mit der Juanjo Mena diesen frühen Zweiakter de Fallas anpackt. Selten hat man 'La vida breve' so ‚duftend‘, geradezu impressionistisch gehört. Mena betont die Einflüsse Debussys und Dukas‘, die der junge Komponist in Paris getroffen hatte und deren Ratschläge in die langjährige Arbeit an 'La vida breve' einfließen konnten. Der Dirigent nimmt es äußerst genau mit der Dynamik, den effektvollen Fernchören, dem kontrastreichen Klangbild. All das beeindruckt an dieser Neueinspielung fraglos. Vor allem auch, weil das BBC Philharmonic und der hervorragende RTVE Symphony Chorus dem musikalischen Leiter in allen Belangen folgen, seine Vision umsetzen. Das ist in vielen Momenten eine neue Hörerfahrung – gerade wenn man die wuchtige Lesart von García Navarro aus dem Jahr 1978 bei der Deutschen Grammophon mit Teresa Berganza und José Carreras oder die bedrückend schöne und poetische Interpretation von Rafael Frühbeck de Burgos von 1965 mit Victoria de los Angeles im Ohr hat. Juanjo Mena geht das Werk von einer anderen Seite an, von der klangzauberischen, die viel wohldosierte Atmosphäre bereithält. Und doch packt einen die vorliegende Aufnahme nur bedingt, weil bei aller Genauigkeit und Detailverliebtheit der große Bogen, das zu erzählende Drama zu sehr in den Hintergrund rücken. Es wirkt ein wenig so, als hätte man zu viel gewollt und dabei eine konsequente, vielleicht auch streitbare Handschrift verpasst.

Gestalterisch blass

Das liegt aber nicht nur an Juanjo Menas angestrebtem Perfektionismus, sondern auch an den beiden Protagonisten. Aquiles Machado beginnt als Paco mit viel Schmelz und Tonschönheit, kommt aber im Laufe der beiden Akte hörbar an seine Ausdrucksgrenzen. Das leicht sinnentleerte Prahlen mit hohen oder einfach kraftvollen Tönen passt zwar in gewisser Hinsicht zum porträtierten Charakter, aber auf Dauer lässt es den Hörer kalt. Da haben Carlo Cossutta oder José Carreras weitaus tiefschürfendere und vokal präsentere Rollenporträts entwickelt. Auch Nancy Fabio Herrera bleibt merklich hinter ihren prominenten Rollenvorgängerinnen zurück. Stimmlich bewältigt sie Salud ohne Mühe, aber sie beherrscht weder den Zauber der beseelten Innerlichkeit einer de los Angeles noch den grenzgängerischen, aber effektvollen dramatischen Zugriff einer Berganza oder gar Angeles Gulín in den frühen 1970er Jahren. Herrera scheint vor allen Dingen Standards abzurufen, die ebenso ihrer viel gerühmten Carmen-Interpretation entspringen könnten: hier und da eine Prise Tonunreinheit oder eine gewisse Schärfe, um Dramatik oder Entschlossenheit anzudeuten, dann wieder eine an Saluds Jugend gemahnende Lyrik, die sich aber klanglich nicht mehr problemlos einlöst. Nancy Fabiola Herrera singt die Salud hörbar leidenschaftlich, aber ihr Bemühen um Ausdruck reicht hinsichtlich der Dosierung nicht für den rein akustischen Eindruck. Herrera sowie Machado bleiben aus der Tonkonserve eher blass und eindimensional.

In den wichtigen Nebenpartien der Abuela und des Tío Sarvaor sind Cristina Faus und José Antonio López besetzt. Faus klingt trotz ihres charaktervollen Mezzos als Abuela um einiges jünger als ihre Bühnen-Enkelin, während López mit seinem edlen Timbre dem Sexappeal des Tenor-Protagonisten ernsthafte Konkurrenz macht. Mit strahlendem Tenor überzeugt Gustavo Peña als Stimme aus der Fabrik und Raquel Lojendio gibt eine grundsolide, schönstimmige Carmela. Ein wirkliches Highlight ist der authentische Flamencosänger von Segundo Falcón.

Als Ergänzung der übersichtlichen Diskografie ist diese klanglich blitzsaubere und engagierte Neuaufnahme von 'La vida breve' mehr als willkommen. Auch die Verdienste um das Einbeziehen aller möglichen und aussagekräftigen Quellen, wie genaue Angaben des Komponisten zur Aufführung seiner Oper, sind nicht geringzuschätzen. Ob im Zuge dieser Mühen allerdings die im Beiheft angekündigte ‚herausragende Interpretation‘ des Werkes entstanden ist, darf angezweifelt werden. Der Griff zu Navarro, Frühbeck de Burgos oder auch López-Cobos ist noch immer äußerst empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    De Falla, Manuel: La vida breve: BBC Philharmonic, Juanjo Mena

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD
095115203224


Cover vergössern

Falla, Manuel de


Cover vergössern

Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Chandos:

  • Zur Kritik... Estnische Entdeckungen: Drei estnische Komponisten auf den Spuren der Romantik: Neeme Järvi und das Estnische Nationale Symphonieorchester überzeugen vor allem mit Werken von Mihkel Lüdig und Artur Lemba, weniger mit denjenigen von Artur Kapp. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Bad Boy of Music: In der BBC-Philharmonic-Serie mit US-amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts stellt das Label Chandos abermals George Antheil vor, mit seiner 'American' Symphonie Nr. 3 und weiteren Schlüsselwerken. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Nicht mit ganzem Einsatz: Eine Auswahl aus Matthias Bamerts Stokowski-Transkriptionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Chandos...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Beethoven-Randrepertoire: Diese CD gehört zu den ungewöhnlichen und lohnenden Neuerscheinungen des Beethoven-Jahres. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Ein regelrechter Knaller: Mit dieser Veröffentlichung von Franz Lehárs viel zu lange vernachlässigter Operette 'Cloclo' ist dem Label cpo ein wirklicher Knaller gelungen – und den Festspielen in Bad Ischl, wo der Mitschnitt im August 2019 entstanden ist, allemal. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Polnische Indien-Oper: Wer Moniuszkos 'Paria' einmal hören möchte, der hat mit dieser Doppel-CD einige Hürden zu nehmen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Beethoven-Randrepertoire: Diese CD gehört zu den ungewöhnlichen und lohnenden Neuerscheinungen des Beethoven-Jahres. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Pärts Geheimnis: Schlichte Linien schlicht zu singen ist ein wesentliches Geheimnis bei Arvo Pärt: Das gelingt auf der Platte der Gloriæ Dei Cantores nur mit deutlichen Abstrichen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Düstere Beschwörungen: Pianist Frank Peters und Mezzosopranistin Ekaterina Levental beginnen eine Gesamteinspielung der ziemlich individuellen Lieder des Russen Nikolaj Medtner. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Gustav Uwe Jenner: Acht Stimmungen - Agitato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich