> > > Tchaikovsky: The Complete Symphonies: Paris Opera Orchestra, Philippe Jordan
Samstag, 15. Juni 2019

Tchaikovsky: The Complete Symphonies - Paris Opera Orchestra, Philippe Jordan

Ein Zyklus für die Fünfte


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der neue Tschaikowsky-Sinfonie-Zyklus von Philippe Jordan und dem Orchestre de l'Opéra national de Paris ist wie vorheriges Beethoven-Projekt exzellent durchmusiziert. Das magische Erlebnis birgt jedoch eine Einzelsinfonie und nicht der Gesamtzyklus.

Das Orchestre de l‘Opéra national de Paris und ihr Chefdirigent Philippe Jordan stellen mittlerweile ein perfekt eingespieltes Team dar, wovon nicht nur die Pariser Klassikwelt, sondern zunehmend auch der Plattenmarkt profitieren. Nachdem das Label Arthaus bereits einen Beethoven-Zyklus veröffentlichte, darf man sich nun auf einen Tschaikowsky-Sinfonie-Zyklus freuen. Da die Sinfonien des Russen jedoch wie schon im Falle Beethovens bereits in Überfülle auf CDs und DVDs vertreten sind, sollte auch hier die Frage nach der Notwendigkeit dieser DVD-Produktion erlaubt sein. Wenn man allerdings nur an die jüngsten Livekonzerte von Tschaikowskys Fünfter und Sechster Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern und ihrem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko zurückdenkt, wird diese Sinnfrage schnell wieder relativiert. Die packenden Interpretationen von Petrenko und den Philharmonikern zeigen deutlich, dass auch heutzutage noch ausreichend Bedarf besteht, Tschaikowskys Sinfonien in aktuellen Einspielungen zu verewigen.

Nun ist das Orchestre de l‘Opéra national de Paris vielleicht noch nicht auf einer Stufe mit den Berliner Philharmonikern anzusiedeln, gleichwohl steht Chefdirigent Jordan ähnlich wie Petrenko für eine aktualisierende und erfrischende Interpretationskunst. Dennoch sollte der Schweizer wie schon in seinem Beethoven-Zyklus vorsichtig sein, seine Gestik nicht nur in ein reines Schauspiel zu verwandeln. Wenn Jordan vor allem in der Ersten Sinfonie mit regelrechter Augenbrauen-Akrobatik und lässigem Augenzwinkern aufwartet, wirkt das Ganze mehr wie unnatürliche Darstellungslust als wirklich sinnvolle Kommunikation mit den Musikern.

Dirigentischer Höhepunkt

Ganz anders dann der Effekt in der Fünften Sinfonie, die interpretatorisch die übrigen Sinfonien deutlich überragt: Zu Beginn des vierten Satzes steckt in Jordans Gesichtsausdruck vortrefflich die Ambivalenz der Dur-Wendung des Schicksalmotivs, was sowohl die Zuschauer als auch die Orchestermusiker in Spannung auf das noch kommende apotheotische Finale hält. Wenn im Verlauf des Hauptsatzes ein frohes Pizzicato-Motiv durch die Streicherstimmen wandert und Jordan mit den Augen zwinkert, überzeugt auch dies anders als bei der Ersten Sinfonie, da die Mimik im musikalischen Duktus begründet liegt. Und auch durch die Fähigkeit, den riesigen Orchesterapparat im Schlusshöhepunkt subito ins Pianissimo runterzuschrauben und von dort in einem beeindruckenden Crescendo bis zum Fortissimo zu führen, beweist Jordan, was für großartiges Dirigierpotenzial in ihm steckt.

Stürmisch, transparent und klangschön

Klanglich gelingt dem Dirigenten insgesamt eine gute Mischung zwischen stürmischen Crescendi, einer transparenten Durchhörbarkeit von Formabschnitten oder auch bravouröser Klangschönheit. So läutet Jordan beispielsweise im Kopfsatz der Zweiten Sinfonie die Reprise durch ein perfekt umgesetztes Rallentando mit anschließender Temposteigerung ein oder lässt er die Beckenschläge im dritten Satz der Sechsten Sinfonie nur abgeschwächt spielen, um das grazile Klangbild nicht zu verunreinigen. Überhaupt kann die sogenannte 'Pathétique' durch Jordans Bemühungen, auch die Fermaten zu beseelen, die auf den Pausen nach der letzten erklungenen Note gesetzt sind, einen tief melancholischen Eindruck hinterlassen.

Spannungsarme Frühwerke

Die Qualität eines Sinfonie-Zyklus von Tschaikowsky misst sich allerdings nicht zuletzt an dem interpretatorischen Wert der frühen drei Sinfonien. Während die Sinfonien Nr. 4, 5 und 6 ihren Sonderstatus im sinfonischen Kanon seit jeher innehaben, sind die frühen Sinfonien bis heute eher stiefmütterlich behandelt worden und finden sich dementsprechend zumeist nur aus Gründen der Vollständigkeit in Gesamtzyklen wieder. Umso überzeugender präsentieren sich in diesem Sinne etwa die Gesamteinspielungen des legendären Tschaikowsky-Dirigenten Jewgeni Swetlanow, der den weniger bedeutungsvoll erachteten Frühwerken, spannungsgeladene Feuerwerke entlocken konnte. Trotz aller Bemühungen Jordans, die frühen Sinfonien strukturell und musikalisch detailliert zu durchleuchten, sind Momente wie das beeindruckend stürmische Fugato im Finalsatz der Ersten Sinfonie zu selten zu hören.

Dadurch entwickelt sich der Zyklus zu einem zu jeder Zeit qualitativ hochwertig durchmusizierten Erlebnis, allerdings büßen die Mitschnitte ebenso an besonderer Individualität ein. Der interessierte Käufer muss sich schließlich die Frage stellen, was nun das Alleinstellungsmerkmal dieser Produktion darstellt, zumal die Liste an Kaufoptionen für Tschaikowsky-Zyklen bekanntlich sehr lang ist. Demzufolge hätte eine Einzelveröffentlichung der Fünften Sinfonie sicherlich die größere Wirkung erzielt: Die Musizierlust ist exzellent zu sehen und zu hören, Jordans Dirigier- und Interpretationsqualitäten sind ersichtlich, die besondere Kommunikation zwischen Orchester und ihrem Chefdirigenten wird eindrücklich vermittelt und auch die Möglichkeiten der visuellen Aufzeichnung als solche wurden in der Schnitttechnik bei der Fünften Sinfonie am überzeugendsten eingefangen. Damit stellt dieser Einzelauftritt am Ende sicherlich eine noch bessere Werbung für Jordan und sein Pariser Orchester dar, als es der solide aber nur hier und da überragende Gesamtzyklus zu vollbringen weiß.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tchaikovsky: The Complete Symphonies: Paris Opera Orchestra, Philippe Jordan

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
3
15.03.2019
EAN:

4058407093787


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Tschaikowsky, Peter


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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