> > > Bruckner, Anton: Symphonie Nr.9 d-Moll: Philharmonie Festiva, Gerd Schaller
Montag, 21. Oktober 2019

Bruckner, Anton: Symphonie Nr.9 d-Moll - Philharmonie Festiva, Gerd Schaller

Finalisiert


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bruckners Neunte Sinfonie ohne Lasten. Sinfonik im Sinne Schuberts, verführerisch, apollinisch: Das wäre schon angesichts der ersten drei Sätze ein höchst erfreulicher Befund. Mit Gerd Schallers kundiger Ausformulierung des Finales umso mehr.

Die Wahrnehmung der 9. Sinfonie Anton Bruckners als erratische Größe am Ende eines großen, eigenwilligen Werks, dazu ihr Charakter als Torso von Wucht und Gehalt – all das ist Tradition geworden. Natürlich schmerzt das Fehlen eines Schlusssatzes von Bruckners Hand: Der Komponist selbst widmete sein sinfonisches Endwerk schlankweg ‚dem lieben Gott‘ – so, als sei allerhöchstens ebendem ein Vorwurf zu machen, wenn er mit der Arbeit am Finale nicht fertig würde. Dass diese Arbeit sehr wohl über die drei kanonischen Sätze hinaus gediehen war, zeigen die vielen Entwürfe, Skizzen und Teilstücke, die für das Finale überliefert sind. Doch wie all das zusammenfügen? Wie daraus ein Ganzes machen, das mehr ist als ein hinkender Nachklapp zur Größe vorher? Denn: Der dreisätzige Torso mit dem gewaltigen Adagio als quasi untypischem Finale ist eine sehr spezielle, geschätzte und in ihrer Eigenart von den meisten Rezipienten kaum hinterfragte Entität. Es gehören also schon Mut und innere Überzeugung dazu, das Große zu wagen. Einige taten es, bislang mit unterschiedlichen Ergebnissen, vor allem musikwissenschaftliche Expertise verströmte sich hier, zum Beispiel von William Carragan oder Nicola Samale, Giuseppe Mazzuca, John A. Phillips und Benjamin Gunnar Cohrs. Andere Akteure komponierten das Finale neu oder setzten sich in kreativen Austausch mit dem vorhandenen Material. Kurz: Das Fehlen des Finalsatzes ist ein Faktum, das viele bewegt und zugleich inspiriert hat.

Komplettierung

Auch der Dirigent Gerd Schaller steht in dieser Reihe. Seine Bruckner-Expertise ist reich dokumentiert, vor allem mit seinem für den Ebracher Musiksommer zusammengestellten Orchester Philharmonie Festiva erreichte er dabei immer wieder schöne Ergebnisse, übrigens durchaus mit seltener gespielten Versionen der an Fassungen reichen Bruckner-Sinfonik. Und auch als Bearbeiter hat er sich einen Namen gemacht, zuletzt mit einer vorzüglich gelungenen orchestralen Ausformulierung des Brucknerschen Streichquintetts, das er subtil und luzide vom Streicher- in den Orchesterklang überführte. Auch bei Bruckners 9. Sinfonie hat sich Schaller profiliert, nicht als Rekonstrukteur – denn wie sollte angesichts manch fehlenden Teils etwas zu rekonstruieren sein, das noch gar nicht bestanden hat –, sondern mit einer Komplettierung, die das ergänzt und vervollständigt, was Bruckner zu diesem Satz hinterlassen hat.

Schaller verfügt über umfassende Kenntnisse dessen, was überliefert ist. Und mit diesem reichen Wissen und zugleich der tiefen Vertrautheit des Interpreten mit Bruckners Spätstil hat er sich an die Arbeit gemacht. Viele Entscheidungen waren zu treffen, viel disparates Material zu befragen, auch Themen und Motive anderer Werke Bruckners waren zu konsultieren und in Korrespondenz zu bringen. All das mit dem Ziel, sich Bruckners Ideen und Hinterlassenschaften anzunähern, so nah wie möglich am Komponisten zu sein. Das erreicht Schaller mit einer staunenswerten Plausibilität. Vor einigen Jahren hat er bereits eine erste Version seiner Beschäftigung vorgelegt, hat dann – darin Bruckner selbst gar nicht unähnlich – an seiner Vervollständigung weitergearbeitet und nun eine Aufnahme dieser revidierten Fassung vorgestellt, wiederum mit der Philharmonie Festiva in Ebrach. Man sollte die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit des Ansatzes goutieren, dann wird man das Ergebnis mit großem Gewinn hören. Natürlich wissen wir nicht, was Bruckner getan, was er sich als sein Finale vorgestellt hätte. Doch lohnt die respektvoll-kundige Annäherung Gerd Schallers und seines Orchesters sehr deutlich.

Das Finale erfüllt seine Funktion – nach dem substanzreichen Adagio ohnehin eine Herausforderung, einen architektonischen Bogen so weiterzuspannen, dass er schlüssig wirkt und das gesamte Werk trägt. Doch gelingt das eindrucksvoll: Schaller erweist sich als kluger Disponent und sensibler Explikator des gelegentlich rudimentären Materials und macht auch die heikle, weil besonders karge Anknüpfungspunkte liefernde Coda zu einem stimmigen Erlebnis.

 

Luzide Exegese

Die Philharmonie Festiva verfügt über ungemein klar und schwebungsarm profilierte Streicherregister, die bei aller Konzentration keineswegs ohne Charme und Wärme sind: Doch geht Plastizität eindeutig vor, ist ein pastoser ordinär-philharmonischer Mischklang erkennbar nicht das Ziel des Musizierens. Phrasiert wird einerseits natürlich mit viel Linie und in üppiger lyrischer Schönheit. Aber selbst die basiert bei Schaller auf klar artikulierten Figuren, auf präziser und bezwingender Kleinteiligkeit: Immer wird neben der edlen Linie der Bau ausgeleuchtet, nicht nur dessen vermeintlich weihevolle Größe gefeiert. Das bekommt Bruckners Musik sehr deutlich. Aus all dem folgt fast zwingend ein bemerkenswert lichter, federnder, auf beste Durchhörbarkeit der Strukturen bedachter Klang, der weitestmöglich entfernt ist von der gerade bei Bruckner so nachhaltig lastenden romantischen Tradition. Gleichwohl entfaltet das Orchester eine gezielte, kernige Kraft, angeführt von den substanziell geforderten, aber nie als Mittel der Überwältigung forcierten Blechbläsern. Schließlich tragen vor allem die Holzbläser zu einer feinnervigen wie kompletten Orchesterleistung bei.

Gerd Schaller lässt das gewaltige Werk in wunderbar fließenden Tempi musizieren, stimmig in den Proportionen und mit exzellent modellierten Übergängen. Dynamisch ist die Palette angemessen reich, doch vermeidet Schaller jedes höhepunktgesteuerte Musizieren, sucht er vielmehr sensibel danach, die bei Bruckner – entgegen landläufiger Vorurteile – deutlich differenzierten dynamischen Vorgaben mit Leben zu erfüllen. Das Klangbild der live im Kloster Ebrach entstandenen Aufnahme ist angesichts der Größe des heiklen Raumes erstaunlich präzis und ausgewogen – ein Bild ohne Schwächen, dafür mit klaren Stärken in Sachen Strukturklarheit und Griffigkeit. Alles Wolkige ist dem Geschehen fern, gerade die Holzbläser profitieren davon deutlich, kommen zu ihrem Recht und prägen die Szene. Dem Rezensenten scheint: So, wie hier auf der CD, dürfte das kaum jemand im Publikum der Konzertsituation gehört haben. Begleitet wird die Produktion von einem umfassenden Booklet, in dem Gerd Schaller seinen Weg der Komplettierung des Finalsatzes detailliert beschreibt, auch Skrupel erkennen lässt, dazu philologisch kleinteilig Bezüge zu den Quellen herstellt: auch das sehr lohnend.

Bruckners Neunte Sinfonie ohne Lasten, ohne jede Schwere. Sinfonik im Sinne Schuberts, verführerisch, apollinisch: Das wäre schon angesichts der ersten drei Sätze ein höchst erfreulicher Befund. Mit Gerd Schallers reflektierter und kundiger Ausformulierung des Finales bekommt die Produktion einen besonderen Wert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Bruckner, Anton: Symphonie Nr.9 d-Moll: Philharmonie Festiva, Gerd Schaller

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Profil - Edition Günter Hänssler
2
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EAN:

CD
881488180305


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