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Montag, 21. September 2020

Antheil, George: Violin Sonatas . Complete Violin Music Vol.1 - Alessandro Fagiuoli, Alessia Toffanin

Skandal-König, Bad Boy, Neoromantiker


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der amerikanische Komponist George Antheil änderte im Laufe seines Lebens seinen Stil entscheidend, blieb aber seiner Liebe zu perkussiven Rhythmen und Dissonanzen treu. Vier Violinsonaten hinterließ Antheil.

Die Interpreten zeigen auf dieser 2018 bei CAvi erschienenen CD eine Qualität, die man bei Künstlern eher selten findet: tiefe Bescheidenheit und Zurückhaltung. Denn auf diesem Tonträger geht es weniger um das italienische Duo als vielmehr um George Antheils Werk und dessen musikalische Handschrift. So findet man im Booklet kaum ein Wort zu den beiden Musikern, dafür aber viele Details zu Antheils Biografie und den Werken. Vielleicht ist es genau diese Fähigkeit, sich selbst zurückzustecken, die einem Künstler das glaubhafte Darstellen avantgardistischer Musik erst ermöglicht.

Als junger Komponist, in den 1920er Jahren, war der heutzutage eher unbekannte George Antheil als ‚Bad Boy of Music‘ in aller Munde. Berühmtheit erlangte er vor allem durch seine Musik zum abstrakten Film 'Ballet Méchanique', wo er die Zuhörer mit brutaler Geräuschhaftigkeit, knallharter Rhythmik und hämmernder Wildheit schockte. Gerne präsentierte sich Antheil in seinen diversen, teils sehr ausgeschmückten Memoiren als schrullige Persönlichkeit, die sich in ihrer Freizeit mit Torpedo-Technik befasste und während ihrer Konzerte immer eine Pistole parat hatte, um sich notfalls den Weg durch das Publikum freischießen zu können.

Schonungslos

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg entstand auch Antheils erste Violinsonate, die nicht durch musikalische Farbigkeit besticht, sondern durch Furiosität und Schonungslosigkeit frappiert. Die Sonate beinhaltet kaum eine formale Entwicklung, stattdessen werden die musikalischen Ideen radikal nebeneinandergestellt. Über rhythmisierte Akkord-Ostinati des Klaviers legt der Komponist unregelmäßige Motive der Violine, wobei er sich vor allem der beiden tiefen Saiten bedient. Er lässt den Interpreten hinterm Steg spielen, experimentiert mit dem metallischen Sul-Ponticello-Klang und Kratzgeräuschen, die beim harten Aufsetzen des Bogens auf die Saiten entstehen. Typisch für das Œuvre des Amerikaners ist auch die Verarbeitung von Elementen aus der arabischen Musik. So findet man in den beiden Mittelsätzen der ersten Violinsonate skalenartige Melodien und das Klavier fungiert oft eher als primitive Trommel denn als Akkordinstrument. Den aggressiven und penetranten Grundcharakter der Sonate verdeutlichen die beiden Interpreten, indem sie der Versuchung widerstehen, das Klangbild durch individuelle Ideen oder einen farbigeren Klang abzumildern. Jedenfalls bietet diese eher kalte und harte Einspielung keine Möglichkeit, sich als Hörer entspannt zurückzulehnen, sondern fordert ständige Aufmerksamkeit.

Musikalische Collage

Die zweite Violinsonate kann man als musikalisches Pendant zu avantgardistischen Gemälden wie denen des Kubismus oder Surrealismus betrachten. Bei dem Gefüge aus technischen Errungenschaften der Musique Concrète, traditionellen Stilmitteln wie Fragmenten aus den Lieblingsschlagern von Antheils Großeltern, Jazzelementen und arabischen Einflüssen handelt es sich um eine musikalische Collage. Das durch dissonante Harmonik verfremdete und oft ins Geräuschhafte abgleitende Gesamtbild wirkt wie ein Puzzle aus verschiedenen Ideen. Antheil selbst war im Nachhinein nicht mehr von seinem Werk überzeugt und ging sogar so weit, die zweite Violinsonate abzuerkennen. Die später entstandene, eigentlich vierte Violinsonate taufte er deswegen 'New Second Violin Sonata'.

Während einer tiefen Lebens- und Schaffenskrise durchlebte der Komponist eine Wandlung seiner Klangästhetik. Die dritte Violinsonate wirkt mit vielen neoklassizistischen Bausteinen und wesentlich strukturierterem Aufbau noch wie ein Übergangswerk zwischen dem alten ‚Bad Boy‘ und dem Neuromantiker, zu dem sich Antheil immer mehr entwickelte. Statt auf dem Flügel platzierten Pistolen und Schockmomenten scheinen dem Komponisten bei der 'New Second Violin Sonata' Ausdrucksstärke und eine Annäherung an das gängige Klangideal wichtiger geworden zu sein. Obwohl auch dieses Werk von einem getriebenen Charakter, starker Rhythmik und dissonanten Doppelgriffen der Violine geprägt ist, ist sie auf jeden Fall die traditionellste und gemäßigste der vier Violinsonaten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Antheil, George: Violin Sonatas . Complete Violin Music Vol.1: Alessandro Fagiuoli, Alessia Toffanin

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
22.02.2019
78:49
2017
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4260085532391
8553239


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Antheil, George
 - Sonate für Violine und Klavier No. 1 - I Allegro moderato
 - Sonate für Violine und Klavier No. 1 - II Andante moderato
 - Sonate für Violine und Klavier No. 1 - III Funebre, lento espressivo
 - Sonate für Violine und Klavier No. 1 - IV Presto
 - Sonate für Violine und Klavier No. 2 - Allegro
 - Sonate für Violine und Klavier No. 3 - [Allegro moderato]
 - Sonate für Violine und Klavier No. 4 - I Scherzo - Sonata-Allegro - Allegro giocoso
 - Sonate für Violine und Klavier No. 4 - II Passacaglia-Variations - Larghetto
 - Sonate für Violine und Klavier No. 4 - III Toccata-Rondo - Allegro comodo


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"Die vier Violinsonaten „Ein Doppelleben. Wie sein Freund und Kollege Miklós Rózsa führte George Antheil (1900-1959) ein Doppelleben. Wie Rózsa vertonte er Dutzende von Filmen und strebte gleichzeitig nach Anerkennung als „klassischer“ Komponist. Zudem führte Antheil zwei verschiedene Existenzen nacheinander: vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1920er Jahren versuchte Antheil, sich einen Ruf als Fackelträger der Avant-Garde zu erarbeiten. Er lebte damals die meiste Zeit in Europa und schockierte das Publikum mit seinen provokanten Kompositionen und seinem wild-perkussiven Klavierspiel. Seine berühmtesten Werke – die Klaviersonaten Airplane, Sauvage und Death of the Machines, seine Violinsonaten und allem voran das Ballet mécanique für 16 mechanische Klaviere, Xylophone und Perkussion – legen eine futuristische Ästhetik an den Tag, die größtenteils Einfluss von Bartók, Ornstein und Stravinsky zeigen. Eine tiefe persönliche und ästhetische Krise in Antheils Leben führte allerdings zu einer dramatischen Kehrtwendung, aus der er als Jungvierziger wiederauftauchte. Fortan gab er sich nicht nur als neuromantischer, völlig angepasster amerikanischer Komponist – bis zu einem gewissen Grad war er tatsächlich ein Konservativer geworden. Die vier Sonaten dieses Albums von Georg Antheil stehen beispielhaft für die zwei verschiedenen Schaffensperioden in seinem Leben und verdeutlichen die musikalische Entwicklung, die er durchlief: von der perkussiven ersten Sonate über die dadaistisch-kubistische zweiten Sonate bis zur eher neoklassischen dritten Sonate. Eine Unterbrechung von 25 Jahren trennt jene frühen drei Werke von der sogenannten Second Violin Sonata (die eigentlich seine Sonate Nr. 4 ist). Diese Komposition aus den Jahren 1947-48 ist deutlich klassischer strukturiert. Während die drei früheren Stücke aus den Jahren 1923-24 vor allem den Einfluss der frühen Meisterwerke Igor Stravinskys zeigen, steht hingegen Antheils Vierte Sonate eher im Zeichen von Prokofiev und Shostakovich. Paradoxerweise dienten ihm diese russischen Komponisten als Modelle einer noch zu verwirklichenden amerikanischen Musik……“ (Auszug aus dem Booklet-Text von Mauro Piccinini) The four Violin Sonatas “A double life. Like his friend and colleague Miklós Rózsa, George Antheil (1900-1959) had a double life. Not only because he – like Rózsa – scored dozen of films and at the same time strove to be recognized as a “classical” composer, but also because he led two different existences, before and after WWII. In the twenties, Antheil was trying to establish his reputation as the torchbearer of the avant-garde: he lived mostly in Europe, scandalizing the public with his iconoclastic music and furiously percussive piano playing. His most famous compositions—the piano sonatas Airplane, Sauvage and Death of the Machines, his violin sonatas and the Ballet mécanique scored for 16 player-pianos, xylophones, and percussion—all evidence a futuristic aesthetic theory, influenced mostly by Bartók, Ornstein and Stravinsky. However, in a dramatic turn following a profound personal and artistic crisis, Antheil re-emerged, now in his early forties, as a neo-romantic, fully-integrated American composer, even, to some extent, a conservative. The four sonatas in this first volume of his violin music exemplify the two periods of his creativity. They document Antheil's musical evolution from the percussive First, to the Dadaist-cubist Second and the more neoclassical Third. A hiatus of 25 years separate these early scores from the so-called Second Violin Sonata (i.e. his Fourth Sonata), composed in 1947-48, which is clearly a more classically structured composition. While the three pieces composed between 1923 and 1924 (the Third) emerged from a pervasive influence of Stravinsky's early masterpieces, the Fourth Sonata is more under the spell of Prokofiev and Shostakovich. To Antheil, the Russians served, paradoxically, as models for a possible American music, mostly because they did not give up tonality, they knew too well how to handle (and hide) folkloric material and they could at the same time counterbalance what Antheil considered the pernicious influence of Schoenberg's twelve-tone. ……“ (Excerpt of the Booklet Notes by Mauro Piccinini) "


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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