> > > Keiser, Reinhard: Der blutige und sterbende Jesus: Cantus Thuringia, Capella Thuringia, Bernhard Klapprott
Donnerstag, 23. Mai 2019

Keiser, Reinhard: Der blutige und sterbende Jesus - Cantus Thuringia, Capella Thuringia, Bernhard Klapprott

Alternative zu Bach


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Der blutige und sterbende Jesus' ist eine klangschöne Alternative für die Passionszeit. Dazu interessant als besonders frühes Beispiel eines gleichwohl schon komplett und reif wirkenden Passionsoratoriums. Ganz klar: Reinhard Keiser lohnt sich.

Der große Schatten, den in jeder Passionszeit die oratorischen Passionen Johann Sebastian Bachs werfen, verdeckt regelmäßig die Tatsache, dass die Geschichte der musikalisch ausgedeuteten Passionsgeschehnisse eines der reichsten Kapitel in der geistlichen Musik ist – vor und nach Bach. Bach aber dominiert bis heute landauf landab aufführungspraktisch fast alles. Gut immerhin, dass auf entdeckungsfreudigen Labels wie cpo immer wieder wichtige Beiträge anderer Federn und anderer Ästhetik präsentiert werden. So auch jetzt: Das rührige cpo-Team hat das erste deutsche Passionsoratorium vorgelegt – 'Der blutige und sterbende Jesus' von Reinhard Keiser, 1705 zuerst aufgeführt, auf einen Text von Christian Friedrich Hunold.

Passionsoratorium bedeutet, dass eben nicht der vertraute Evangelientext zu hören ist, auch kein Evangelist, sondern eine neue, freie Poesie entlang der biblischen Geschichte aufgeschrieben ist, die neben dem klassischen Geschehen deutlich mehr Raum für die handelnden Figuren eröffnet: Die treten sehr viel stärker hervor, aktiv und dramatisch aufgeladen, zugleich emotional erkennbarer, auch viel reflektierter. Diese Art von Text war deutlich von den Möglichkeiten und Errungenschaften des Theaters inspiriert, dem Reinhard Keisers Engagement hauptsächlich galt. Mit Hunold zusammen ging er einen entscheidenden Schritt bei der Fortentwicklung musikalischer Deutung des Passionsgeschehens – eine Entwicklung, die offenbar in der Luft lag und der mancher Dichter und noch mehr Komponisten gern folgten. Der heute bekannteste Text ist sicher 'Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus' des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes, den gleichfalls Keiser als Erster vertonte. Ihm folgten binnen weniger Jahre unter anderem Telemann, Händel, Mattheson, Fasch oder Stölzel. Ein weiterer prominenter Text dieser Gattung, 'Der Tod Jesu', stammt aus der Feder von Karl Wilhelm Ramler. Pietro Metastasio schrieb 'La passione di Gesù Cristo' – von Caldara bis Reichardt vertont.

Theatrale Wirkungen

Hunolds Text hat sicher manche Eigenheiten, manche stilistische Verwunschenheiten, die typisch für derartige Libretti sind und aus heutiger Perspektive den mangelnden Erfolg fast aller Passionsoratorien auf den Bühnen mit Breitenwirkung mit begründen können. Dennoch wirkt der Text, auch in seiner hörbaren Nähe zum Evangelientext und verglichen mit anderen Beispielen der Zeit, erstaunlich zugänglich und nahbar. Jedenfalls bietet er Reinhard Keiser reichlich Stoff für theatrale Wirkungen. Und als versierter Praktiker nutzt er diese Chancen für eine erstaunliche Zahl an Klangcharakteren, oft auf allerengstem Raum entfaltet – in seiner zugewandten, unmittelbar verständlichen Musiksprache wirkt er ungemein modern. Es formen sich innerhalb der beiden Teile des Oratoriums kleinere, quasi szenische Zusammenhänge, zunächst vor allem von der Jesus-Figur bestimmt, dann auch um Maria oder Judas herum gruppiert. Während natürlich auch die klassischen Szenen des Evangelien-Berichts ausgedeutet werden, bieten diese inhaltlichen Extras das Besondere: Jesus wird hier viel mehr Mensch, als er es selbst in Bachs Matthäus-Passion werden könnte. Maria bringt eine weibliche Perspektive ein, die es im Evangelium nicht gibt. Und allegorische Figuren wie die gleich zweifach besetzte Tochter Zion unterstreichen diesen Perspektivwechsel noch einmal. Keiser setzt klare Akzente: teils mit eminenten technischen Anforderungen, dann auch wieder in trostreichen Szenen oder in dem Geschehen abgewandter Verinnerlichung. Das vokale Geschehen wird sparsam, aber apart obligat umzeichnet: Keiser erweist sich als in jeder Hinsicht sicherer Affektmusiker.

Harmonisches Ensemble

Erst vor einem guten Jahrzehnt wurde dieses Werk von Christine Blanken vom Leipziger Bach-Archiv wiederentdeckt und für die Aufführung zugänglich gemacht. Cantus und Capella Thuringia haben es 2010 im Rahmen des Festivals Güldener Herbst erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Die Aufnahme entstand dann 2018 im Anschluss an eine Aufführung beim Bachfest Leipzig. Getragen wird sie vor allem von einem famosen Vokalensemble, das auch den Kern des nur 18köpfigen Chors ausmacht: im Grunde ein Solistenensemble mit allen entsprechenden Qualitäten, das vielen ihm zugedachten Rollen gerecht wird. Solistisch sind die Sopranistin Monika Mauch als Tochter Zion, flankiert von Altistin Anne Bierwirth in gleicher Rolle, dazu die Sopranistin Anna Kellnhofer als Maria, die Tenöre Mirko Ludwig und Hans Jörg Mammel als Petrus und Judas, dazu die Bässe Dominik Wörner als Jesus, Matthias Lutze als Caiphas und Oliver Luhn als Pilatus zu hören. Sie schaffen individuell und im Zusammenwirken einen schönen dramatischen Sog, erzählen engagiert, aber ohne Überdruck eine dringliche Geschichte. Alle Stimmen stehen für edle Deklamation gut disponiertes lineares Vermögen, eine dosierte, jederzeit sprachbasierte dramatische Entfaltung und vor allem eine instinktsichere stilistische Positionierung. Sie singen keine Oper für die Kirche, aber eben auch sehr viel mehr als ein blutleeres Stück geistliche Musik ohne Aussagewillen. Diese schwierige Balance gelingt glaubwürdig. Auch, weil die vokalen Parts elegant vom Text her entwickelt werden, voller Leichtigkeit und gleichsam gefasster, wacher Präsenz; immer wieder gesetzte lyrische Akzente wirken in diesem Umfeld umso schöner.

Breite Farbpalette

Die Instrumentalbesetzung ist schlank, neben Streichern und Generalbass nur je zwei Traversflöten, Blockflöten und Oboen. Diese schmale Formation evoziert eine überraschend breite Palette an Farben, agiert technisch unangefochten, kleidet ihre Partien in ein zartes, delikat tönendes Gewand. Dynamisch dominieren gedeckte Wirkungen; alles Grelle ist dem Ansatz fremd. Vielleicht hätte man einzelne Abschnitte und dramatische Punkte in dieser Hinsicht noch etwas an Wirkung steigern können. Das Klangbild ist glücklich balanciert, geprägt von Klarheit und Tiefe, dazu mit einer Prise räumlichen Charmes versehen. Im erwartungsgemäß gehaltvollen Booklettext von Christine Blanken wird ausführlich informiert und eingeordnet.

In der Summe also eine klangschöne Alternative für die Passionszeit. Dazu interessant als besonders frühes Beispiel eines gleichwohl schon komplett und reif wirkenden Passionsoratoriums. Ganz klar: Reinhard Keiser lohnt sich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Keiser, Reinhard


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Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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