> > > Loewe, Carl: Grand Trio op.12, Duo espagnola, Schottische Bilder op.112: Henning Lucius, Marietta Kratz, Lena Eckels, Jakob Kuchenbuch, Christian Seibold
Sonntag, 8. Dezember 2019

Loewe, Carl: Grand Trio op.12, Duo espagnola, Schottische Bilder op.112 - Henning Lucius, Marietta Kratz, Lena Eckels, Jakob Kuchenbuch, Christian Seibold

Kammermusik im Biedermeierstil


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Englische Landschaften, ein spanisch angehauchtes Viola-Duo und virtuose Klaviertrio-Musik von mehr oder weniger belangloser Art.

Carl Loewe (1796–1869) war das zwölfte Kind des Kantors Adam Loewe aus Löbejün (Herzogtum Magdeburg). Sein Vater unterwies den Knaben im Choral und Klavierspiel. 11-jährig sang der Sohn bereits als Chorist in Köthen, zwei Jahre später wurde er Schüler der Latina der pietistischen Franckeschen Stiftungen zu Halle/Saale, wo er Kantaten Bachs und Hillers lernte. 1814 erhielt er das Vikariat als Organist der Markuskiche daselbst und studierte ab 1817 evangelische Theologie und komponierte auch seinen berühmten 'Erlkönig'. Kontakt knüpfte er zu Carl Maria von Weber und besuchte 1820 Goethe in Weimar, worauf er bald einen Kantor- und Organistenposten an der Jakobikirche in Stettin angeboten bekam. Dort wirkte er 46 Jahre bis 1866 und leitete 1827 u. a. die öffentliche Erstaufführung von Mendelssohns 'Ein Sommernachtstraum'. Bekanntheit erlangte der Freimaurer Carl Loewe vor allem durch seine Balladen, obwohl er u. a. auch zwei Sinfonien, sechs Opern, siebzehn Oratorien, Klavier- und Kammermusik verfasste. Eine neue Platte des Labels cpo fasst nun drei bedeutende Kammermusikwerke des mehr und mehr in Vergessenheit geratenden Romantikers zusammen: Sein letztes Instrumentalwerk 'Duo Espagnola' für Viola und Klavier (1857), das wuchtige 'Grand Trio' op. 12 für Klaviertrio sowie die 'Schottischen Bilder' op. 112 für Klarinette und Klavier.

In Loewes letztem Instrumentalwerk, dem 'Duo Espagnola' für Viola und Klavier, herrscht kammermusikalische Atmosphäre, die Klavier und Viola gleichermaßen fordert. Die Bratschistin Lena Eckels hat sich für die vorliegende Aufnahme mit dem Pianisten Henning Lucius zusammengetan. Die beiden loten schön die musikalischen Fahrwasser des Duos aus, können aber nicht restlos musikalisch reüssieren, weil das spanische Kolorit zu wenig unterstrichen wird. Da bleibt manches zu brav. Zudem ist die Aufnahme auch in der Direktheit ein wenig zurückhaltend-konservativ gehalten. Da wünscht sich der Hörer noch mehr Übertreibung, Esprit und Elan. Zur leicht passiven Interpretation ist leider auch die Komposition relativ bieder ausgeführt, denn Loewes Kammermusik kann sich mit Werken seiner berühmteren Zeitgenossen kaum messen. In puncto Intonation und Stil ist die Aufnahme selbstverständlich makellos, es fehlt nur etwas die Leidenschaft.

Nostalgischer Charme

Christian Seibold spielt mit Henning Lucius die dreiteiligen 'Schottischen Bilder'. Auch Loewe weilte – wie der junge Felix Mendelssohn – in England und holte sich künstlerische Inspiration durch die dortige Landschaft. 1847 wurde der Komponist wiederholt zum englischen Königshof geladen, wo er Königin Victoria – sich selbst am Klavier begleitend – seine Balladen vortrug. Romantisch wie eine Chopin-Sonate beflügelt der Anfang. Sehr empfindsam beginnt dazu die Klarinette, die wundervoll in Zwiesprache zum harmonisch plastisch auftretenden Klavierpart gerät. Dabei lotet Seibolt alle dunklen Nuancen der Klarinette aus und schwelgt in romantischen Linien. Manchmal könnte hier allerdings der Klavierpart noch fantasievoller gestaltet werden. Die Nummer zwei, 'Der Wanderer auf Bothwell-Castle', verströmt ebenso weichen, nostalgischen Charme, während 'Der Schottenclan' von volksmusikalischer Basis ausgeht. Da findet der Hörer den Jahrmarkt der Gefühle mit kecken Bassoktav-Sprüngen. Da großer Gehalt auch in diesem Opus eher fehlt, hätten die Musiker noch ein wenig mehr interpretatorisch übertreiben dürfen.

Im 'Grand Trio' (1821) hören wir Marietta Kratz (Violine), Jakob Christoph Kuchenbuch (Violoncello) und Henning Lucius. Das Klaviertrio wurde zu Lebzeiten Loewes oft gespielt, heute fast nicht mehr. Schumann, der selbst ein begeisterter Klaviertriospieler war, äußerte sich seinerzeit sehr angetan über die Komposition. Aus heutiger Sicht mag das Werk virtuos-belanglos klingen, aber das soll jeder für sich selbst entscheiden. Die drei Interpreten nehmen sich des Werks auf jeden Fall mit der nötigen Ernsthaftigkeit an und gewinnen ihm eine gewisse Noblesse ab. Viele schwungvolle Läufe werden da im Allegro wie Bälle zwischen Cello und Klavier hin- und hergeworfen. Das Scherzo 'Allegro molto agitato' antizipiert noch schulmäßig, was Mendelssohn später in seinen meisterlichen Klaviertrios vollendete: pianistischen Glanz, thematischen Kontrast und Verve in der Verzahnung der Stimmführung. Wunderbar ist der Einfall des zunächst vom Klavier mit Cellobegleitung vorgetragenen Seitenthemas, wobei das Klavier aber deutlich zu versteckt einsetzt. Die Geige macht das wenig später viel besser: Cello und Geige schwelgen danach um die Wette und bewegen sich in wundervoller Balance. Überhaupt dominiert Marietta Kratz mit ihrem sonoren Ton das Ensemble. Konzeptionell ist die Interpretation allerdings nicht ganz ausgereift, da die Charaktere der Motive nicht bis ins Detail umgesetzt sind. Das Kopf-Thema des Finales klingt – mit nur minimaler Abwandlung – so von Verdis 'Rigoletto' abgeschrieben, dass der Hörer es sofort als Plagiat entlarvt. Ein schwacher Schlusssatz!

Weil auch das an sich sehr gut geschriebene Booklet (Cord Garben) etliche Druckfehler inklusive falscher Tracknummer auf der Coverrückseite aufweist, gibt es hierfür Punkteabzug. Alles in allem sind diese aufgewärmten Kammermusikwerke Carl Loewes eher nebensächliche Kompositionen, die man höchstens einmal anhört und nicht dauerhaft im Regal stehen haben muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Von Verdis Rigoletto abgeschrieben?
    Verdis Rigoletto wurde 1851 uraufgeführt, also 30 Jahre nach der Komposition des Trios. Was soll man mit so einer Kritik anfangen?

    Nutzer_MADJVIY, 15.11.2019, 20:02 Uhr
    Registriert seit: 03.12.2007

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Loewe, Carl: Grand Trio op.12, Duo espagnola, Schottische Bilder op.112: Henning Lucius, Marietta Kratz, Lena Eckels, Jakob Kuchenbuch, Christian Seibold

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203525621


Cover vergössern

Loewe, Carl


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Attraktive Kammermusik: Torleif Thedéen und Oliver Triendl brechen eine Lanze für Robert Kahns Kammermusik für Cello und Klavier. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Sturm im Wasserglas: Das Gesamtwerk für Klavier von Jacques Offenbach Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Kurzlebiger Schweizer: Der heute vergessene Friedrich Theodor Fröhlich erweist sich als 'innerer Revolutionär' auf dem Gebiet des Streichquartetts. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Manuel Stangorra:

  • Zur Kritik... Cellovirtuosität pur: Steven Isserlis und Olli Mustonen begeistern mit Werken russischer Meister der Klassischen Moderne. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Starke Crossover-Platte: Das WDR Funkhausorchester Köln serviert drei Symphonic-Jazz-Leckerbissen für Klarinette und Orchester. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Zwei Erste: Der erste Schritt hin zur Gesamteinspielung: Michaels Sanderling dirigierte die Dresdner Philharmonie bei zwei sinfonischen Erstlingen von Beethoven und Schostakowitsch. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
blättern

Alle Kritiken von Manuel Stangorra...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Wohlig-warm: Brahms in Altmodisch von Jukka-Pekka Saraste und dem WDR Sinfonieorchester. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Schumann reloaded: Das groß angelegte Schumann-Projekt des Klavierduos Eckerle biegt auf die Zielgerade ein. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Luft nach oben: Auf einer neuen Naxos-Platte spielen Charles Wetherbee und David Korevaar die drei Violinsonaten von Paul Juon. Auf eine wirklich befriedigende Interpretation muss man weiter warten. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Julius Röntgen: Sonata in F major - Con moto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich