> > > Schneider, Friedrich: Das Weltgericht: Gewandhaus-Chor, Camerata Lipsiensis, Gregor Meyer
Mittwoch, 17. Juli 2019

Schneider, Friedrich: Das Weltgericht - Gewandhaus-Chor, Camerata Lipsiensis, Gregor Meyer

Einflussreich und vergessen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein wichtiges Oratorium des frühen 19. Jahrhunderts erklingt hier leider nur in einer mittelmäßigen Interpretation.

Friedrich Schneider (1786–1853) gehört zu jenen Komponisten, die für eine gewisse Zeit regelrecht für Furore sorgten, ehe sie für viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte in den Schatten der Vergessenheit gerieten. Sein ambitioniertes Oratorium 'Das Weltgericht', 1820 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt, gehörte eine Zeitlang gar zum regelrechten Werkkanon und war kaum weniger bekannt als Beethovens 'Christus am Ölberge' und Spohrs 'Die letzten Dinge'. Vorbild für Schneider war eindeutig immer wieder auch Haydn, ganz besonders die 'Schöpfung'. Was Wunder, sind doch Engel (und die Erzengel im Besonderen) als Gegenpole Satans zentrales Element der musikalischen Konzeption. Das Libretto des Oratoriums stammte von Johann August Apel, mithin jenem Schriftsteller, der in seinem 'Gespensterbuch' die Vorlage zu Webers 'Freischütz' schuf. Und so finden wir neben Haydn auch Weber und Marschner als Klangwelten, in Schneiders Komposition Eingang fanden. Es ist eindeutig, dass Robert Schumann das Werk kannte, und selbst in Brahms‘ Chorsymphonik finden sich Spiegelungen von Schneiders Oratorium.

Frische und Überforderung

 

Einen beachtlichen Anteil am musikalischen Geschehen hat der Chor. Die vielen Chorfugen des Werks, das weiß der Verfasser aus eigener Erfahrung, können ermüdend sein, gerade wenn sie nicht musikalisch und dramaturgisch ausgearbeitet werden. Leider ist der GewandhausChor Leipzig immer wieder musikalisch wie textausdeuterisch eindeutig überfordert – intonatorische Schwächen sind in dieser Live-Montage von November 2016 unüberhörbar, und was der Chor an musikalischer Frische beisteuert, kann über interpretatorische Überforderung nicht hinwegtäuschen.

 

Auch das Engelsquartett Martina Rüping, Marie Henriette Reinhold, Patrick Grahl und Daniel Blumenschein steuert mehr Frische als musikalische Tiefe bei, während Joachim Holzhey in der dankbaren Partie des Satan mit dramatischem, rhetorisch stark ausgearbeitetem und vor allem textverständlichem Vortrag den vielleicht besten Beitrag der ganzen Aufführung bietet. Viola Blache ist ihm als Eva/Maria ein ebenbürtiger Gegenpol.

Die camerata lipsiensis steuert historisch informierte Orchesterklänge bei – zwar nicht als eines der besten deutschen Ensembles und gerade im Live-Erlebnis mit allerhand Mängeln behaftet, aber doch insgesamt mit einem akzeptablen Beitrag. Dennoch bleibt die von Gregor Meyer geleitete Interpretation weit hinter Darbietungen, die ein Hermann Max, ein Christoph oder Andreas Spering, ein Frieder Bernius erarbeitet hätte. Da ist also leider noch allerhand Luft nach oben. Das Booklet informiert insgesamt gut, doch auch die Aufnahmetechnik des Deutschlandfunks ist diesmal (wo fanden die Aufführungen statt?) wegen nicht ganz optimaler Balance im Gesamtklang eher befriedigend als gut.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schneider, Friedrich: Das Weltgericht: Gewandhaus-Chor, Camerata Lipsiensis, Gregor Meyer

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203511921


Cover vergössern

Schneider, Friedrich


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Abschied von Wien: Diese überzeugende Einspielung von Werken Karl Weigls zeigt den österreichischen Komponisten vor der Emigration. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Die Kultivierung der Unruhe: Die Bekanntschaft mit Konzertantem für Oboe und Klarinette aus der Feder des gebürtigen Polen Alexandre Tansman fällt in dieser schönen Produktion höchst spannend aus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Raffinierter Witz: Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter Howard Griffiths präsentiert Offenbach-Vorspiele in mitreißenden Interpretationen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Les Rarissimes de Gina Bachauer: Die griechische Pianistin Gina Bachauer hätte eine vertiefte diskografische Erkundung verdient. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Hier strahlt nur eine: Martha Argerich zeigt Seiji Ozawa in diesen Beethoven-Interpretationen, wo es hingehen könnte. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Abschied von Wien: Diese überzeugende Einspielung von Werken Karl Weigls zeigt den österreichischen Komponisten vor der Emigration. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Les Rarissimes de Gina Bachauer: Die griechische Pianistin Gina Bachauer hätte eine vertiefte diskografische Erkundung verdient. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klingende Jahreszeiten: Dmitri Kitajenko gibt mit der Zagreber Philharmonie eine Lehrstunde in musikalischer Poesie. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich