> > > Ben-Haim, Paul: Violin Works: Itamar Zorman, BBC National Orchestra of Wales, Philippe Bach
Samstag, 30. Mai 2020

Ben-Haim, Paul: Violin Works - Itamar Zorman, BBC National Orchestra of Wales, Philippe Bach

Hymnische Ruhe und feuriger Tanz


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Itamar Zorman (Violine) reüssiert mit dem BBC National Orchestra of Wales unter Philippe Bach mit Violinwerken eines außergewöhnlichen Komponisten.

Sechs Violinwerke aus vier Jahrzehnten des deutsch-israelischen Komponisten Paul Ben-Haim (1897-1984) stellt eine neue SACD des schwedischen Labels BIS Records vor und das ganze Unternehmen muss sehr gelobt werden. Zu wenig ist immer noch über den Künstler bekannt, der 1933 nach der ‚Machtergreifung‘ der Nazis seine deutsche Heimat München verließ und auch seinen Namen von Paul Frankenburger in Paul Ben-Haim änderte. Er tat es, um zu überleben, als er in das britische Völkerbundmandat Palästina – geplant nur als Tourist, doch es war endgültig – einreiste. Eine Arbeitserlaubnis besaß er nicht, was er durch die Namensänderung umging, denn er wollte dort bei Konzerten den Geiger Shimon Bachman, der seinerseits aus Genf geflohen war, am Klavier begleiten.

Klangfarbenvielfalt

Mythisch hebt das 'Evocation (Yizkor)' genannte, 1942 komponierte Poem für Violine und Orchester an, und da sind wir bei spätromantischen Klängen, die der Tonsprache Anton Bruckners und Gustav Mahlers sehr ähneln, aber doch große Eigenständigkeit für sich in Anspruch nehmen. Einzigartig, wie zu Beginn das Horn über den Wassern (Harfe und Streicher) seinen Ruf bläst. Fantastisch führt das BBC National Orchestra of Wales unter dem versierten Meininger GMD Philippe Bach (*1974) bei großer Klangfarbenvielfalt und gediegenem Volumen ins Werk hinein. Dramatik ist in diesem dichten Vorspiel immer zu spüren, aber auch eine sinnliche Gelassenheit, ehe Violinsolist Itamar Zorman (*1985) mit seinen Wellen solistisch ins Geschehen eingreift.

Zorman ist ein gestandener Geiger der mittleren Generation mit Steher-Qualitäten, vergleichbar etwa mit den etwas älteren Kollegen Nikolaj Szeps-Znaider, Guy Braunstein oder Benjamin Schmid. Sein Ton ist edel, seine musikalische Intention stets klug ausgefeilt. Die Tragik der Kriegsereignisse bleibt im selten zu hörenden Opus klanglich nicht verborgen. Die Kadenz zeigt Zorman als leidenschaftlichen Virtuosen und poetischen Wandler zwischen den Kontinenten. In Tel Aviv in eine Musikerfamilie hineingeboren, absolvierte er seine Studien an der Jerusalem Academy of Music, der Juilliard School New York sowie an der Kronberg Academy (Christian Tetzlaff) in Deutschland.

Beseelte Ruhe

Das zweite gewichtige Werk der Platte ist Ben-Haims 1960 entstandenes Violinkonzert: Dreisätzig verfügt es bereits über eine mehr die Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts ausschöpfende Tonsprache. Der Rezitativ-Stil ist ihm geblieben, wie man dem 'Allegro'-Kopfsatz, der sehr kompakt, fast sperrig daherkommt, entnehmen kann. Die großen Melodien aus 'Evocation' sind hier zugunsten kleinteiligerer, zirkulierender Motive gewichen; auch finden sich hier mehr und mehr Elemente des Nahöstlichen in der Musik. Wunderschön ist das ariose 'Andante affettuoso' interpretiert. Zormans Ton blüht hier im Zusammenspiel mit Oboen-/Englischhornsolo köstlich auf und zeigt eine beseelte Ruhe. Ein Sound wie bei Korngold, könnte man denken. Mit dem abschließenden 'Vivo' kehren plötzlich tänzerisch-feurige Elemente aufs Parket: Zunächst hat die Solovioline in einer großen, einleitenden Kadenz das Wort. Dabei herrschen reibende Sekundschritte vor, kleine wie große. Wenn das Orchester einsteigt, prescht die Musik ungnädig voran. Schlagzeugeinwürfe rütteln den Hörer auf. Ruhigere Passagen – mit Glockenspiel – wecken die Assoziation von Filmmusik. Hier ist auch viel Süßliches hineingemixt.

Anknüpfung an Bach

Neben den größeren Violinkompositionen mit Orchester wie 'Evocation' und dem Violinkonzert hält die Platte auch einige von Ben-Haims kammermusikalischen Werken für Violine und Klavier im Portfolio. Dazu gehört zum Beispiel die 1945 entstandene, spätromantisch ausgelegte 'Berceuse Sfaradite', die Itamar Zorman – genau wie die 'Drei Lieder ohne Worte' (1951) – gemeinsam mit der fabelhaften chinesisch-amerikanischen- ianistin Amy Jiaqi Yang (*1984) einspielt. Sie wurde an Instituten wie Curtis, Juilliard und Yale ausgebildet und ist aktuell auf sechs Alben diskografisch präsent. Hier zeigen die beiden Künstler feines Duo-Zusammenspiel und eine perfekt austarierte Balance, obwohl deutlich zu hörende, etwas störende Atemschnappgeräusche im 'Arioso' mit aufgenommen sind. Es scheint sich hier um schnell entworfene Gebrauchsmusik zu handeln. Anders verhält es sich da bei den 'Three Studies' (1981) für Violine solo aus dem Spätwerk des Komponisten. Als ‚Etüden‘ möchte man diese für Yehudi Menuhin geschriebenen kurzen Genrestücke eigentlich nicht verstanden wissen. Ben-Haim knüpft hier thematisch und formal an Bachs großes Erbe an – dessen Sonaten und Partiten für Violine solo. Gespickt sind diese drei Sätze mit Schwierigkeiten, Akkorden, Doppelgriffen und lyrischer Mehrstimmigkeit. Fazit: Eine Platte, die Beachtung verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ben-Haim, Paul: Violin Works: Itamar Zorman, BBC National Orchestra of Wales, Philippe Bach

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
27.02.2019
Medium:
EAN:

CD SACD
7318599923987


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Ben-Haim, Paul


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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