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Donnerstag, 2. April 2020

Onslow, George: Chamber Music - Gianluca Luisi, Ensemble Concertant Frankfurt

Salonmusik-Attitüden


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Selten im Programm: Streichquintette, Klavierquintett und Sextett von George Onslow.

Schon 2003 und 2006 wurden die Ton-Aufnahmen eingespielt für diese neu – besser müsste man sagen: wieder – erschienene Doppel-CD aus dem Hause MDG (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm Detmold). Darauf zu hören sind zwei (von insgesamt 34 komponierten Streichquintetten), nämlich jene in B-Dur op. 33 und e-Moll op. 74 des französischen Komponisten George Onslow (1784–1853). Auf der CD 2 erklingt sein Klavierquintett op.79b sowie das Sextett op.30 (beide Titel jeweils mit Gianluca Luisi am Klavier). Seinerzeit kamen die Platten einzeln mit anders gestalteten Covern heraus. Leider ist es üblich geworden, nach einer Weile – ohne großen finanziellen Aufwand – Einzel-CDs noch einmal als in diesem Fall höchst unvollständige ‚Gesamtproduktion‘ auf den Markt zu werfen, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. Davon hat niemand etwas und der Kunde fühlt sich leicht auf den Arm genommen. Die Masche ist aber bekannt und betrifft nicht nur die MDG.

Hausbacken musiziert

Sei es drum, wenn wenigstens die Qualität der Onslow-Aufnahmen durchgängig gestimmt hätte. Leider aber wird auf der Platte nur hausbacken musiziert: Zu Beginn steht das Streichquintett op.74. Peter Agoston als Primarius des Ensemble Concertant Frankfurt nimmt den Anfang gar zu sehr auf die leichte Schulter und ist keineswegs intonationssicher im 'Allegro grandioso'. Für den Beginn ist dieses Werk sehr heikel. Zudem ist die Klangeinstellung eher dumpf und undurchsichtig. Kaum wird hier frisch musiziert. Vieles klingt da angestrengt und mühsam. Hinzu tritt die Tatsache, dass Onslow zwar ein fähiger Tonsetzer, aber eben keineswegs einer aus der ersten Reihe ist. Sein 'Menuetto. Moderato molto' kommt daher wie ein Epigone eines beliebigen Klassikers. Von der Novität eines Franz Schubert, der nur 13 Jahre später in Wien auftauchte, hat diese Musik noch rein gar nichts und auch hier klingt die erste Geige – im Zusammenspiel mit Cello und Kontrabass – eher klatterig. Dem Cellosolo (Sabine Krams) im sich anschließenden 'Andantino grazioso' fehlt die Grandezza und Brillanz. Die Violine antwortet, doch verschwindet ihr Klang in Beiläufigkeit. Und das eigentlich furiose Finale atmet überhaupt nicht den Geist spritziger Virtuosität.

Zu angestrengt

Zu angestaubt kommt auch der Kopfsatz aus op. 33, dem Streichquintett B-Dur, daher. Das Wechselspiel von Primarius und Cellistin ist da nicht optimal aufeinander eingestellt, weil die Rasanz und teilweise das technische Vermögen fehlen. Besonders in der Durchführung klaffen deutliche Lücken in der spieltechnischen Realisation, von Eleganz ganz zu schweigen. Das klingt zu angestrengt. Wer aber genau hinhört, ahnt, dass Mendelssohn das Quintett gekannt haben muss, als er sein – wesentlich genialeres – Streichoktett komponierte, so gibt es unzweideutige Anspielungen an Motive, die hier auftauchen. Auch die Tiefe im 'Andante maestoso' – nicht ‚mestoso‘, wie es fälschlicherweise ausgedruckt ist – konnte Mendelssohn gut nachempfinden, beziehungsweise lernte daraus. Die Grazie und das Galante fehlt der Aufnahme auch im dritten Satz 'Minuetto. Non troppo presto'. Der schwache, bisweilen seichte Umgang des Vielkomponierers Onslow mit dem Material – er galt immerhin als der ‚französische Beethoven‘, was freilich reichlich übertrieben ist – ist hier in diesem Satz dokumentiert. Von Beethovens Eigentümlichkeit, seiner kraftvollen Idiomatik ist hier nichts präsent. Onslow war zwar ein gewandter Kontrapunktiker, der auch formschön schreiben konnte, doch sind seine Melodien zu sentimental, zu wenig inspirierend. Das merkte bald auch die große Öffentlichkeit und tauschte nach und nach Onslows Werke mit denen Beethovens aus, was der Franzose, der die letzten drei Lebensjahre musikalisch verstummte, noch mit Bitterkeit mitbekam.

Auf der zweiten Platte versammelt das Ensemble Concertant Frankfurt zwei Werke Onslows mit Klavier (Gianluca Luisi): Das Sextett op. 30 sowie das Quintett op. 79b. Erster Eindruck: Hier ist ein gut geölter Pianist, dessen Musizierpartner sich technisch nicht auf ganz adäquater Höhe befinden. Die Streicherintonation am Anfang ist nämlich nicht ganz rein. Auch der Zauber, der von dieser anderthalb-minütigen geheimnisvollen 'Largo-Introduzione' ausgeht, wird nicht voll ausgeschöpft. Der Streicherklang ist in seiner Einstellung leider auch wieder zu passiv gehalten. Das 'Allegro vivace' läuft oberflächlich betrachtet freilich glänzend – das Ensemble hat einen durchaus gefälligen Salonmusik-Drive, der unverwüstlich ist. Jedoch gibt es musikalisch viele Floskeln, Sequenzierungen und schwelgende Melodien, die aber so manchem Hörer schmeicheln werden (insbesondere im durchflochtenen 'Andante con variazioni', einem sehr gefälligen Publikumsmagneten) – insofern wird diese Platte doch ihre Hörer anlocken. Wer aber das Besondere sucht, findet es hier doch nicht.

Gianluca Luisi (*1970) ist aber ein beachtenswerter Interpret am Klavier. Der Italiener verfügt über einen weichen, warmen Anschlag und sein interpretatorischer Intellekt, gepaart mit perlender Anschlagskunst, wertet die Aufnahme deutlich auf. Nicht umsonst ist er bekannt für seine Einspielungen der beiden Chopin-Klavierkonzerte, ebenfalls für die MDG.

Reminiszenz an Chopin

Am interessantesten – vielleicht das beste Werk auf der Doppel-CD – ist das B-Dur-Quintett op. 79b, das im Vergleich zum sämigeren Sextett etwas kammermusikalischer in seiner strukturellen Auslegung gestaltet ist. Es ist das Zwillingswerk zu einem Großen Septett für Klavier, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn und Kontrabass op.79. Auch hier begegnet uns ein sehr ausladender, kunstvoll geschriebener, überaus intimer Kopfsatz, eine sehr deutliche Reminiszenz an Chopin, der im Entstehungsjahr 1849 starb. Leider trüben auch hier gewisse intonatorische Unstimmigkeiten das Gesamtbild. Insbesondere mit seiner Melancholie überzeugt eben auch das Ensemble Concertant Frankfurt noch am meisten, aber warum die Phrasierungsbögen im Finale nicht ein bisschen weiter gespannt werden, bleibt ein Geheimnis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Onslow, George: Chamber Music: Gianluca Luisi, Ensemble Concertant Frankfurt

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
Medium:
EAN:

CD
760623211725


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Onslow, George


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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