> > > Roman, Johann Helmich: Golovinmusiken: Höör Barock, Dan Laurin
Donnerstag, 23. Mai 2019

Roman, Johann Helmich: Golovinmusiken - Höör Barock, Dan Laurin

Ein gewitztes Vergnügen


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Graf Golowin und der junge Zar waren mit dieser Musik aus der Feder von Johan Helmich Roman richtig gut bedient. Dan Laurin und Höör Barock machen das mit dieser ersten Gesamteinspielung der Golowin-Musik deutlich.

Der langjährige schwedische Hofkapellmeister Johan Helmich Roman (1694– 1758) erhielt im Jahr 1728 eine durchaus delikate Anfrage: Der russische Gesandte, Graf Nikolaj Fjodorowitsch Golowin, beauftragte ihn, anlässlich der soeben erfolgten Krönung des neuen, gerade 12-jährigen Zaren Peter II. eine repräsentative Musik für ein Fest in der Stockholmer Residenz Golowins zu komponieren. Die traditionell verfeindeten Ostseemächte Schweden und Russland durchlebten in jener Zeit, nach dem Friedensvertrag von 1724, eine vergleichsweise friedliche Periode, so dass Roman die vermutlich notwendige Erlaubnis des schwedischen Hofes für dieses Vorhaben erhielt. Ergebnis war eine Folge von 45 kurzen oder gar sehr kurzen Sätzen. Oft suitenartig charakterisiert, als Gigue, Menuet, Bourrée, Loure, Gavotte oder Hornpipe, bietet sich viel temperamentvoller Musikstoff; manches wirkt auch erstaunlich galant, anderes gar introvertiert.

Das Manuskript Romans ist überliefert, weshalb in vielerlei Hinsicht Klarheit herrscht – nicht jedoch in Tempo- und Besetzungsfragen. Wie schnell oder langsam typische barocke Satzcharaktere zu spielen sind, lässt sich mit Hilfe einschlägiger Standardwerke herausarbeiten und plausibel machen. Bei der Besetzung hatte der schwedische Flötist Dan Laurin, der Romans Golowin-Musik jetzt erstmals vollständig mit seinem Ensemble Höör Barock bei BIS eingespielt hat, etliche Entscheidungen zu treffen. Die Ergebnisse reichen von reinen Streichersätzen über gebrochene Formationen mit verschiedenen Holzbläsern oder andere Sätze mit namhaften Anteilen gezupfter Instrumente bis zu solistischen Besetzungen mit Laute oder Cembalo. Viele Übergänge werden knapp gehalten, immer wieder hat Laurin einige der Sätze zu kleinen Gruppen zusammengefasst – zum Beispiel immer da, wo tonartliche Verwandtschaften das als Klammer nahelegten. Zudem nutzt der versierte Blockflötist Romans Manuskript nicht als Steinbruch, sondern vertraut sich ganz der Satzfolge des Komponisten an. Interessant: Bis auf die drei einleitenden Stücke zu vier Stimmen sind alle anderen lediglich zwei- oder dreistimmig. Das tut der vielfarbigen Wirkung der Musik keinen Abbruch. Zumal dann nicht, wenn Roman in einigen freieren Arbeiten weit weniger an Maß und Mitte interessiert ist als mancher Zeitgenosse. Dan Laurin verweist in seinem interessanten Einführungstext auf den wenig später gleichfalls so manchen Rahmen sprengenden Carl Philipp Emmanuel Bach als in dieser Hinsicht geistigen Verwandten: Das ist vielleicht etwas weit gegriffen, aber doch nicht sehr.

Spielfreudiges Ensemble

Laurins Ensemble Höör Barock ist, solistisch besetzt, von vielfarbiger Delikatesse, vereint spritziges Temperament mit erlesener Ensemblekultur. Die solistische Grundgeste, getragen von exzellenten Einzelkönnern, verbindet sich zu einem frischen kammermusikalischen Impuls, bestimmt von Transparenz und Balance. Die sehr verschiedenen Besetzungen verlebendigen das Geschehen deutlich: Wenn etwa Flöte und Laute mit ritornellartig abwechselnden Streichern kontrastieren, wirkt das nicht gezwungen vielfältig, sondern überaus sinnfällig. In Tempofragen entscheidet sich Laurin für deutliche Stufen, klar profilierte Tanzformen und auch sonst entschiedene Gesten. Intoniert wird makellos, egal, in welcher Konstellation. In gedehnter Akkordik ist edle Sonorität zu hören; höchste Präzision ist auch in entschiedener dynamischer Attacke gewahrt. Artikuliert wird kleinteilig-genau, zum Beispiel im hervorragenden Kontrabass, der das Geschehen dank knappen Spiels angenehm luftig sein lässt. Doch verweigert sich auch niemand der schönen Linie: ein durchaus komplettes Bild also.

Das Klangbild der hybriden SACD ist prall und satt, unabhängig von der Konstellation. Immer ist es reich an Details, wirkt es angenehm erwärmt und perfekt balanciert – mit der erstaunlichen Folge, dass jeder einzelne Satz, und sei er auch noch so knapp, zusätzlich nobilitiert wird. Kein Zweifel: Graf Golowin und der junge Zar waren mit dieser Musik aus der Feder von Johan Helmich Roman richtig gut bedient. Dan Laurin und Höör Barock machen das mit dieser ersten Gesamteinspielung der Golowin-Musik deutlich. Das ist ein gewitztes Vergnügen, spritzig und vielfarbig gespielt – rundum geistvolle Unterhaltung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Roman, Johann Helmich: Golovinmusiken: Höör Barock, Dan Laurin

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
06.02.2019
EAN:

7318599923550


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Roman, Johan Helmich


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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