> > > Offenbach Colorature: Jodie Devos, Münchner Rundfunkorchester, Laurent Campellone
Dienstag, 20. August 2019

Offenbach Colorature - Jodie Devos, Münchner Rundfunkorchester, Laurent Campellone

Die Farben des Herrn Offenbach


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jodie Devos und dem Münchner Rundfunkorchester unter Laurent Campellone gelingen zu Offenbachs 200. Geburtstag ein rundes und unterhaltsames Album mit viel Unerhörtem.

Jacques Offenbach wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden – das gilt es zu feiern. In praktischen Boxen werden hier und da ältere Gesamtaufnahmen seiner Opern und Operetten zusammengefasst und auch seine eher unbekannten Instrumentalwerke erfahren eine späte Würdigung. Im Reigen dieser Veröffentlichungen ist es besonders reizvoll, wenn sich eine junge Künstlerin ins üppige Offenbach-Archiv stürzt und eine stattliche Anzahl Trouvaillen zu Tage fördert, die alles andere als abgegriffen sind: Jodie Devos serviert beim Label Alpha unter dem Titel 'Offenbach Colorature' fünfzehn Arien und Couplets aus bekannten und vor allem unbekannten (oder viel zu selten gespielten) Offenbach-Werken, die allesamt für hohe Sopranstimmen komponiert wurden, sich im Charakter und ihren vokalen Anforderungen aber durchaus unterscheiden. Das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Laurent Campellone legt auch noch eine flotte Ouvertüre zu Offenbachs 'Les Bergers' oben drauf.

In einer guten Stunde Spielzeit kann man sich als Hörer ein beeindruckendes Bild von Devos stimmlichen Möglichkeiten machen. Ihr funkelnder Sopran ist in allen Lagen sicher geführt, die Höhe spricht mühelos an, ist frei von Schärfe und auch die runde Mittellage hält zahlreiche Farben bereit. Die Nummern sind klug angeordnet. Auf schnelle, virtuose Arien folgt zumeist etwas Ruhiges, das hier und da aber auch mit aufblitzenden Stratosphären und Verzierungen überrascht. Langeweile kommt keine auf, dazu sind Devos und Campellone viel zu agil und schelmisch unterwegs. Es blubbert und plappert, es rauschen die Walzer, ein Kichern zieht sich von der menschlichen Stimme bis hinein ins Orchester und lyrische Melancholie wird mit der richtigen Portion Doppelbödigkeit unterfüttert.

Bravourstücke

Hervorragend passt zu Devos ‚Servierfertigkeit‘ die Todesanrufung der Eurydice aus 'Orphée aux enfers', das urkomische 'Je suis nerveuse' aus 'Le Voyage dans la lune' oder die Romanze aus 'Le Roi Carotte'. Eine wirkliche Entdeckung sind auch die drei Nummern aus der völlig vernachlässigten Operette 'Boule de neige'. Edwiges Walzer aus 'Robinson Crusoe' schüttelt Devos als Bravourstück aus dem Handgelenk. Das routinierte Münchner Rundfunkorchester unter Campellone lässt klar erkennen, auf welch lange Tradition und Erfahrung es im Bereich der ‚leichten Muse‘ zurückblicken kann.

Bei aller Kunstfertigkeit und musikalischen Souveränität der Sopranistin könnte aber die ein oder andere Interpretation noch an Authentizität und Profil gewinnen. Das delikate Komödiantentum einer Frederica von Stade oder die Unverschämtheit historischer Offenbach-Sänger des frühen 20. Jahrhunderts scheint bei diesem Projekt nicht angestrebt. Das merkt man beispielsweise am hübschen, aber nicht kontaktfreudigen Rondo aus den 'Mesdames de la halle' oder der überheblichen Primadonnen-Arie aus 'Vert-Vert'. Das ist alles wunderbar gesungen und kraftvoll musiziert, aber unverschämt oder zwerchfellerschütternd ist es eben nicht. Vielleicht sind dafür aber auch nicht alle Nummern geeignet. Die Arie der Olympia zum Beispiel ist zwar nicht so absurd witzig wie einst die von Natalie Dessay, dafür ist sie tadellos bewältigt und trumpft sogar noch mit wirklich unerhörten Verzierungen und Varianten auf. Das macht Freude.

Bei all diesen Offenbach-Perlen wäre dann tatsächlich die vermutlich obligatorische, aber auch leicht abgedroschene Barcarole aus 'Les Contes d‘Hoffmann', unterstützt von Adèle Charvet, verzichtbar gewesen. Dieses Zugeständnis ist eine wohlklingende, aber überflüssig populäre Zutat für ein ansonsten rundes und äußerst unterhaltsames Album.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Offenbach Colorature: Jodie Devos, Münchner Rundfunkorchester, Laurent Campellone

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Atma classique
1
05.02.2019
Medium:
EAN:

CD
3760014194375


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Offenbach, Jacques


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Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


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