> > > Bach, Johann Sebastian: Matthäus-Passion: Bachchor und Bachorchester Mainz, Ralf Otto
Dienstag, 20. August 2019

Bach, Johann Sebastian: Matthäus-Passion - Bachchor und Bachorchester Mainz, Ralf Otto

Große Erzählung


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ralf Otto macht diese Produktion zu einem echten Erlebnis, zwischen theologischem Diskurs und Trauerspiel. Eine unbedingt hörenswerte, in ihrer textverständlichen Natürlichkeit eindrückliche Matthäus-Passion.

Jetzt also Bachs Matthäus-Passion, nach einer fulminanten Johannes-Passion im vergangenen Frühling und einem kaum weniger gelungenen Weihnachtsoratorium Ende des letzten Jahres: Ralf Otto und sein Bachchor Mainz machen Tempo. Und nicht nur das, sie liefern in dichter Folge hohe Qualität. Die Johannes-Passion hatte die Latte in dieser Hinsicht denkbar hoch gelegt, mit einer klaren, stringent durchgehaltenen Idee, umgesetzt nicht nur von einem beseelten Chor, sondern vor allem durch eine äußerst homogenen Riege von Vokalsolisten. Auch jetzt, bei der wiederum bei Naxos erschienenen Matthäus-Passion, sind die Befunde vergleichbar positiv.

Fixstern

Und wiederum ist die Partie des Evangelisten ein Fixstern der Konstellation. Georg Poplutz ist mit einer schlicht prachtvollen Präsentation zu erleben: Mehr denn je souverän agierend und von unleugbarer stimmlicher Autorität getragen, kommt er stimmlich auch in heiklen Wendungen nie an Limits, gelingt es ihm, alle Schwierigkeiten der fordernden Partie klug zu disponieren. Und er ist ein begnadeter Sprecher des Evangelientextes: Wie er pointiert, natürlich und eindringlich die so bekannte Geschichte erzählt, ist neben dem gesanglichen Vermögen das eigentliche Ereignis seiner Deutung. Als Jesus macht Matthias Winckhler mit nobler Stimme von ausnehmender Klangschönheit Eindruck. Mit markigem Kern gesegnet, steht ihm aber nicht nur das Feld des balsamischen Singens offen, sondern vermag er auch in auffahrender Geste Akzente zu setzen. Im Kontrast dazu sind es Momente wie die Gethsemane-Szene, die Jesus verletzlich zeigen, die den deutlichsten Eindruck machen. Und es ist dem Jesus der Matthäus-Passion ja durchaus eigentümlich, dass er eher duldsam und nachgiebig gezeichnet wird und weniger als am Ende siegreicher Messias. Vielen Hörerinnen und Hörern der Gegenwart, gerade solchen, denen theologische Grundlagen weniger vertraut sind oder weniger bedeuten, finden diesen Zug an der Matthäus-Passion verlässlich anziehender als die im Vergleich königgleich-entrückte Zeichnung der Jesus-Partie in der Passion nach Johannes.

Ausgeglichenes Niveau

Auch neben den beiden vokalen Hauptakteuren verbreitet sich Glanz: Der Bass Christian Wagner nutzt die schmale Partie des Petrus geschickt für eine knappe Charakterzeichnung, macht auf engem Raum üppig Eindruck. Vor allem singt er die für das Gesamtwerk zentralen Bass-Arien des ersten Chors ganz ausgezeichnet: 'Komm, süßes Kreuz' und noch mehr 'Mache dich, mein Herze, rein' sind beglückende Momente arioser Kunstfertigkeit und wahrhaftiger Aussagekraft. Auch der andere Bass, Daniel Ochoa, nutzt einerseits seine teils winzigen Einwürfe als Judas für eine vernehmliche Porträt-Skizze dieser zentralen Figur. Und auch er agiert arios eindringlich, wenngleich zum Beispiel die in 'Gerne will ich mich bequemen' geforderte Tiefe für seine in der Höhe ungemein expansionsfähige Stimme nicht ideal zu liegen scheint.

Die weiblichen Vokalsolisten setzen den insgesamt glücklichen Befund nahtlos fort – im Alt etwa Gerhild Romberger mit ihrer fantastisch ausgeglichenen Stimme, die jeden Ton nobilitiert, in perfekter Kontrolle der üppigen Mittel und der 'Erbarme'-Arie als echtem Höhepunkt. Dazu die Sopranistin Julia Kleiter mit klar geführter, beweglicher Stimme von einigem Charme. Auch die weiteren Vokalisten, mit überwiegend geringeren Anteilen, wie die Sopranistin Jasmin Maria Hörner, die Altistin Nohad Becker sowie die beiden Tenöre Daniel Sans und Christian Rathgeber sichern die kontinuierlich hohe vokale Präsenz, mit lyrischen Stärken und plastischer Diktion. Und der Bass Florian Küppers verdient Erwähnung, der, wie sein ebenfalls junger Bass-Kollege Johannes Hill in kleineren Soliloquenten-Partien, als Pilatus sehr viel mehr als nur rollendeckend agiert, gar luxuriös besetzt scheint. Artikulatorisch führt Georg Poplutz‘ Evangelist das Geschehen in Sachen Textklarheit und -wahrheit an, doch lassen sich alle anderen davon mitreißen und inspirieren. Dazu kommen – vokal wie instrumental expliziert – lineare Qualität und lyrische Schönheit, weit jenseits aller Trockenheit.

Präsent und präzis

Die chorische Besetzung ist groß zu nennen: Beide Teil-Chöre sind je kammerchorisch besetzt, wirken dennoch nicht in erster Linie wuchtig. Die Turbae werden, bei aller hier selbstverständlich gerechtfertigten dynamischen Force, behände und sensibel ausformuliert, sind dazu – hier setzt sich das hohe Niveau der Vokalsolisten fort – vorzüglich gesprochen. Auch dialogisch, in verschiedenen Konstellationen mit den Soli, erweist sich der Bachchor Mainz als präsent wie präzis. Eine besonders intensiv gedeutete Sphäre sind die Choräle: Die gestaltet Ralf Otto als quasi abgeschiedene, das Geschehen zwar reflektierende, ihm zugleich aber auch deutlich entzogene Ebene, darin, in Erweiterung des sprachbasierten Ansatzes, durchaus mit einem Zug hinein in romantische Weite.

Das Bachorchester Mainz nimmt mit vielschichtiger Schönheit für sich ein: Ein atmosphärisch dichtes Streicherbild ist der Kern, gestützt von einem agilen Basso continuo. Dazu werden Soli delikat expliziert; es herrscht ein gedeckter, eher bronzener denn silberheller Ensembleklang vor, der sich glücklich in die Grundkonstellation mit ihren lyrischen Stärken fügt. All das integriert und spiegelt auch das Klangbild der in der Mainzer Christuskirche entstandenen Aufnahme: Der Klang ist groß, getragen von einem erheblichen Raumanteil, der die Musik lebendig macht, ihr zusätzlich Gewicht gibt. Zugleich geht Größe nicht auf Kosten von Transparenz und Präzision – ein in der Summe sehr lebendiges, stimmiges Bild.

Ralf Otto macht auch diese Produktion zu einem echten Erlebnis, zwischen theologischem Diskurs und Trauerspiel. Er balanciert das mit seinen Ensembles und einer ausgeglichen hochklassigen Solistengruppe behutsam aus – lyrisch stark, dazu mit feinen dramatischen Akzenten: Eine unbedingt hörenswerte, in ihrer textverständlichen Natürlichkeit eindrückliche Matthäus-Passion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Matthäus-Passion: Bachchor und Bachorchester Mainz, Ralf Otto

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
3
Medium:
EAN:

CD
747313403677


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Naxos

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