> > > Rameau, Jean-Philippe: Les Indes galantes: Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi
Mittwoch, 8. April 2020

Rameau, Jean-Philippe: Les Indes galantes - Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi

'Indianer'-Triptychon


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegende Einspielung von Rameaus 'Les Indes galantes' bringt fürs Kennenlernen alles mit, was man sich wünscht: hörbaren Spaß an barocker Theatralik und bei aller Schönheit einen hohen Unterhaltungswert.

Außerhalb Frankreichs trifft man die ‚Ballett-Opern‘ Jean-Philippe Rameaus eher selten auf den Bühnen an – einmal von seiner 'Platée' abgesehen, die seit einigen Jahren verstärkt in Spielplänen auch kleinerer Häuser berücksichtigt wird. Aus dem ‚Ballet héroïque‘ 'Les Indes galantes' kennt man vielleicht noch die mehr als eingängige Melodie des 'Tanzes der Wilden', quasi ein barocker ‚Regentanz‘ amerikanischer Ureinwohner. Allein diese in vielerlei Hinsicht pikante Nummer kündet vom enormen Unterhaltungswert der 'Indes galantes'. Es handelt sich nämlich nicht einfach um eine Barockoper mit reichlich Exotismus und komplizierter Handlungsführung, sondern um ein mehrteiliges Spektakel, das Tanz und Gesang gleichberechtigt nebeneinander behandelt und verschränkt, während es letztlich aus mehreren kleinen Kurzopern besteht, die inhaltlich klar voneinander getrennt sind. Das mag nicht mehr alles wirklich politisch korrekt sein, aber es ist ungemein unterhaltsam.

Mehrmals hat Rameau die 'Indes galantes' umgearbeitet, je nach den Gegebenheiten und Notwendigkeiten der jeweiligen Wiederaufführung. Die letzte Bearbeitung stammt aus dem Jahr 1761: Hier erklingen neben dem Prolog, den zwei Göttinnen im wahrsten Sinne ‚bestreiten‘, drei von ursprünglich vier Opernepisoden: 'Die Inkas aus Peru', 'Der großmütige Türke' und zum Schluss 'Die Wilden'. Thematisch ist der Bogen weit gespannt. Die Liebesgeschichten spielen in allen Gegenden, die als ‚indianisch‘ oder im weitesten Sinne ‚indisch‘ zu klassifizieren sind, vom Orient bis nach Südamerika – ein (wie das Beiheft dieser Neuerscheinung beim Label Glossa vermerkt) antikolonialistisches und antiklerikales Manifest.

Spielfreude und Leidenschaft

Von solch aufrührerischer Attitüde eines Manifests ist im vorliegenden Mitschnitt vom Februar 2018 aus Budapest wenig bis nichts zu spüren, dafür aber hörbar viel Spielfreude und Leidenschaft. Mit straffen Tempi und detailverliebter Präzision steuert György Vashegyi das Orfeo Orchestra und den hervorragenden Purcell Choir durch die Tiefen und Untiefen des Rameauschen Triptychons. Im Gedächtnis bleiben die klangvollen und entwaffnend intonierenden Holzflöten und das effektvolle Schlagwerk. Richtig theatral wird es selbst auf CD, wenn in Peru ein Vulkan ausbricht oder in der Türkei ein Sturm auf dem Meer tobt.

Ebenso lustvoll wie die Instrumentalisten agieren die sechs Solisten, die sich gleich in Mehrfachrollen zu präsentieren verstehen. Véronique Gens, als wohl populärste Sängerin auf der Besetzungsliste, zeigt als Phani, wie kraftvoll und ausdrucksstark sich Rameaus kunstvolle Komposition singen lässt. Das ist zwar an manchen Stellen betont pathetisch und setzt sich auch vom recht instrumentalen Gesangsstil der anderen beiden Solistinnen deutlich ab, überzeugt aber in der glaubwürdigen Bedingungslosigkeit. Gens blickt auf einen reichen Erfahrungsschatz in diesem Genre zurück und trumpft mit großer Souveränität auf. Chantal Santon-Jeffery und Katherine Watson überzeugen ebenso durch ihre kristallklaren Töne und die Mühelosigkeit im Ziergesang, klingen aber doch zu wenig charakteristisch, um sich in ihren Qualitäten und Darstellungen klar zu unterscheiden. Dennoch bezaubert Katherine Watson als emotional überspannte Émilie und Chantal Santon-Jeffery als so gar nicht ‚wilde‘ Zima und als sanfte Göttin Hébé.

Hochklassiger Gesang

Die Haute-Contre-Partien des Dom Carlos, Damon und Valère gestaltet Reinoud Van Mechelen mit Eleganz und stilistischer Versiertheit. Wo sein Carlos ein wenig mehr vokalen Tatendrang vertragen würde, glänzt der Valère mit einer Noblesse, die ihresgleichen sucht. Überhaupt ist im mittleren Teil, dem 'Großmütigen Türken', der emotionale Höhepunkt erreicht, an dem sich die drei Solisten perfekt ergänzen. In stark verknappter Form wird hier bereits Mozarts 'Entführung aus dem Serail' antizipiert, wenn auch ohne die moralisch überhöhte Schlusswendung. Hier ist der Bassa, genauer Osman, selbst ein ehemaliger Sklave, der in Valère seinen einstigen Herrn erkennt, der ihm die Freiheit schenkte. Großmütig gibt er seine geliebte europäische Gefangene Émilie ihrem Bräutigam Valère zurück. Diesen gütigen Pascha singt Jean-Sébastien Bou mit balsamischen Baritontönen, die der erleichterten Émilie auch nahelegen könnten, sich noch einmal umzuentscheiden. Den Adario in den 'Wilden' geht Bou dann kerniger und gelöster an. Als Bellone, Huascar und Dom Alvar fehlt es Thomas Dolié im Vergleich zu seinen Kollegen ein wenig an Durchschlagskraft, aber sein kultivierter Gesang fügt sich nahtlos ins qualitativ hochklassige vokale Gesamtbild ein.

Rameaus 'Les Indes galantes' sind eine Entdeckung wert, auch wenn man mit einer ordentlichen Portion Ironie an die erzählten Geschichten herantreten sollte, was in dieser CD-Aufnahme aus durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht geschieht. Dafür bringt György Vashegyis Einspielung fürs Kennenlernen alles mit, was man erwartet: hörbaren Spaß an barocker Theatralik und bei aller ernsthaften Schönheit einen hohen Unterhaltungswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rameau, Jean-Philippe: Les Indes galantes: Purcell Choir, Orfeo Orchestra, György Vashegyi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
08.02.2019
Medium:
EAN:

CD
8424562240056


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Rameau, Jean-Philippe


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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