> > > Peranda, Giuseppe: Sacred music from Dresden: Abendmusiken Basel, Jörg-Andreas Bötticher
Donnerstag, 23. Mai 2019

Peranda, Giuseppe: Sacred music from Dresden - Abendmusiken Basel, Jörg-Andreas Bötticher

Nach Schütz


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Barockes Dresden einmal ohne Schütz: Giuseppe Perandas Musik vorzustellen ist höchst verdienstvoll. Und dank hochklassiger Deutung ist gleich ein interpretatorischer Meilenstein gelungen. Eine in jeder Hinsicht gelungene und unbedingt habenswerte Platte.

Wenn man aus heutiger, vielleicht etwas oberflächlicher Perspektive auf die Musikstadt Dresden im 17. Jahrhundert schaut, so scheint dort nur Heinrich Schütz zu sehen zu sein. Doch der Eindruck täuscht: Natürlich sind da die prominenten Schüler Schützens. Und – das kann man sagen, ohne Schütz und seine Reputation zu relativieren – es gab auch eine Zeit nach Schütz: Der organisatorische Neustart der höfischen Musik nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges erfolgte nicht mehr unter der Leitung des Mittsechzigers Schütz. Eine entscheidende Rolle spielte vielmehr der vom – andere Akzente als der Vater setzenden – Kronprinzen engagierte Italiener Giuseppe Peranda (um 1625–1675), der zunächst mit seinen Kompositionen überzeugte, 1661 zum Vizekapellmeister aufstieg und 1663 dann zum Kapellmeister avancierte. Personeller Wandel als Basis für stilistisch-ästhetischen also. Und es war eine neue italienische Mode, die da Einzug hielt – argwöhnisch beäugt von den Alteingesessenen, begrüßt von den Akteuren der jüngeren Generation.

Betonung des Melodischen

Inspiriert von Carissimi oder Graziani betonten Peranda und seine jungen Kollegen stärker das Melodische, auch das Moment des Virtuosen, dazu eine rhythmische Raffinesse, die sich von den eher starren Modellen älterer Prägung deutlich emanzipierte und fast schon elegant zu werden begann. In den durchaus groß dimensionierten Geistlichen Konzerten Perandas ebenso wie in einer Kyrie-Gloria-Missa aus seiner Feder, die auf der aktuell bei Coviello erschienenen Platte der Abendmusiken Basel unter der Leitung des Organisten Jörg-Andreas Bötticher zu hören sind, ist insgesamt viel gelockerte Faktur der Sätze zu beobachten, dazu eine ins Repräsentative reichende Expressivität. Und es bricht sich allmählich eine sehr frühen Kantaten vergleichbare Binnengliederung Bahn: Freie, rezitativische Abschnitte wechseln sich mit Passagen arioser Schlichtheit ab. Mancher Satz ist auf ein rasantes Finale hin orientiert; kontrapunktische Anfänge gemahnen gelegentlich archaisierend an das Alte, sind kontrastierende Elemente, weitgehend ohne strukturelles Gewicht. Gegliedert wird das Programm durch Instrumentalwerke aus Perandas Umfeld: Eine Sinfonia von Vincenzo Albrici (1631–1687) und eine Sonata von David Pohle (1624–1695) sind zu hören.

Frisch und höchst lebendig

Das mit prominenten Namen gespickte Instrumentalensemble der Abendmusiken Basel ist denn auch das edle Kontinuum für dieses attraktive Programm. Reich besetzt mit Zinken, Posaunen, Streichern, Fagott, Theorbe Cembalo und Orgel, überzeugt es mit feinstem Zusammenspiel, agiert temperamentvoll und delikat gleichermaßen, spielt angemessen virtuos und klangfreudig, dazu ungemein behände in der rhythmischen Explikation. In den rein instrumentalen Sätzen entfalten sich die Musikerinnen und Musiker in nochmaliger expressiver Steigerung geradezu leidenschaftlich, spielen sie in frischen Tempi auf der vordersten Stuhlkante, loten sie ein weites dynamisches Spektrum lustvoll aus: Feinste Regungen sind ebenso zu verzeichnen wie kernig-kraftvolle Gesten.

Auch das Vokalensemble bietet eine wunderbare Konstellation: Im Sopran sind Miriam Feuersinger und Maria Cristina Kiehr zu hören, Altus singt Alex Potter, Tenor Raphael Höhn und Jakob Pilgram, im Bass glänzt Markus Flaig. Vielleicht ist es Miriam Feuersinger, die noch einmal Glanzlichter setzt, zum Beispiel in Gestalt geradezu zirzensischer Höhen im Konzert 'Fasciculus myrrhae'. Doch stehen die anderen Vokalisten ihr nicht nach, werden sie den teils erheblichen technischen Anforderungen ohne Mühen gerecht, fügen sie sich neben avancierter solistischer Geste zu ungemein harmonisch balancierter Vollstimmigkeit. Dabei loten sie das melodische und auch latent dramatische Potenzial der Geistlichen Konzerte aus – einer Musik, die sich schon deutlich von der direkten Textinspiration bei Schütz und dessen Zeitgenossen zu emanzipieren beginnt. Der kursächsische Oberhofprediger Martin Geyer hat diese Entwicklung in seiner Leichenpredigt auf Schütz in wenig schmeichelhafte Worte gefasst. Danach sei die neue Musik ‚ausschweiffig, gebrochen, täntzerlich, und gar im wenigsten andächtig; mehr reimt sie sich zum theatro und tantzplatz, als zur Kirche.‘ Aus der Perspektive älterer Tradition mag das so gewirkt haben, wie ein Substanzverlust und ein Mangel an Ernsthaftigkeit. Doch sind die modernen Züge darin nicht zu überhören und zu übersehen: ein Beispiel für den nie leichten paradigmatischen Wandel, dem Kunstschaffen zu allen Zeiten unterworfen ist, stets am Puls von Zeit und wechselnden Schönheitsidealen.

Realisiert wurde die Aufnahme in der Martinskirche im badischen Müllheim, die sich schon in der Vergangenheit mehrfach als überaus geeigneter Raum für die Aufnahme solcherart Musik erwiesen hat: Sie punktet mit einer eleganten räumlichen Note, gleichzeitig ist das Bild konzentriert und von hoher Präzision. Allenfalls eine Spur Körperlichkeit in den tiefen Sphären hätte dem Eindruck gutgetan: Das Bassregister wirkt gelegentlich etwas hell. Besondere Erwähnung verdient die Präsentation der Platte: Da ist nicht nur der pointierte Einführungstext von Peter Wollny ein deutliches Plus; die gesamte Gestaltung ist hochwertig, mit einer Fülle an Bildern und Faksimiles aus den Handschriften und einem ganzen Konvolut von Abbildungen, die Zeit, Umfeld und handelnde Personen sichtbar machen. Einfach vorbildlich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Peranda, Giuseppe: Sacred music from Dresden: Abendmusiken Basel, Jörg-Andreas Bötticher

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
08.02.2019
EAN:

4039956919049


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Peranda, Giuseppe


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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