> > > Kalman, Emmerich: Die Faschingsfee: Staatstheater am Gärtnerplatz, Michael Brandstätter
Samstag, 20. Juli 2019

Kalman, Emmerich: Die Faschingsfee - Staatstheater am Gärtnerplatz, Michael Brandstätter

Charmantes Gesamtpaket


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Emmerich Kálmáns 'Faschingsfee' aus dem Jahr 1917 ist ziemlich in Vergessenheit geraten. Dass diese Operette aber trotzdem überzeugend funktionieren kann, das ist jetzt im Münchner Mitschnitt beim Label cpo nachzuhören.

Eigentlich ist die 'Faschingsfee' von Emmerich Kálmán aus dem Jahr 1917 einfach eine umgekehrte 'Csárdásfürstin': Diesmal ist es eben ein junger Mann aus dem Künstlermilieu, der sich (ohne es zu wissen) in eine Fürstin verliebt. Nach vielen Eifersüchteleien und Missverständnissen gehen die beiden dann offiziell eine Beziehung ein. Hier braucht es noch nicht einmal den Segen der Eltern. Da ist die 'Faschingsfee' ein wenig weiter – auch im Hinblick auf die ältere Generation, greift man hier mutiger oder zumindest direkter zu: Was in der 'Csárdásfürstin' Anhilte und der Fürst verschmitzt, aber standesgemäß korrekt eingefädelt, erinnern, das erleben hier Herzog Ottokar und die Wirtin Rosl direkt – als zweite Chance, alles richtig zu machen. Die Geschichte ist zweifellos unterhaltsam, dramaturgisch mehr als erprobt und ein willkommener Anlass, sentimental-melancholisch-schmissige Operettenmusik zu liefern. Trotzdem ist die 'Faschingsfee' – musikalisch eine Wiederverwertung einer älteren ungarischen Operette Kálmáns – ziemlich in Vergessenheit geraten. Kálmán liefert zwar beständig neue Versionen, auch eine englische unter dem Titel 'Miss Springtime', aber das Werk kann sich nicht auf den Bühnen nicht behaupten.

Schmiss und Charme

Dass die 'Faschingsfee' aber trotzdem funktionieren kann, das ist jetzt beim Label cpo nachzuhören. Hier ist nämlich der Mitschnitt der Münchner Gärtnerplatz-Produktion vom Februar 2017 auf einer ordentlich gefüllten CD erschienen. Bislang gab es auf Tonträger nur Ausschnitte vom Kölner Rundfunk und einen englischen Komplettmitschnitt der Ohio Light Opera. Umso willkommener ist nun die deutschsprachige Gesamtaufnahme. Und was da in der Alten Kongresshalle in München, einer Ausweichspielstätte des Gärtnerplatztheaters, aufgezeichnet wurde, macht Laune. Im Bereich Gesang – hier sind Opern- und Musicaldarsteller bunt gemischt – bleiben durchaus ein paar Wünsche offen, aber diese Münchner 'Faschingsfee' hat im Ganzen betrachtet alles, was ein guter Operettenabend braucht: einen schmissigen Zugriff, Charme und persönlichkeitsstarke Solisten. Dass das operettenerprobte Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz dabei spielfreudig und lustvoll agiert, verwundert nicht. Der Dirigent Michael Brandstätter bleibt am Puls der Musik, zaubert hier und da fast rührselige Stimmung und findet mit sicherem Griff jene imaginäre Schraube, die er in den Marschliedern gehörig anziehen kann. Erfreulich ist dabei, dass Brandstätter jede Form von Kitsch vermeidet und eine 'Faschingsfee' präsentiert, die den Hörer leichtfüßig überrumpelt.

Pointierte Komik

 

Absolut gelungen ist die Textfassung der Dialoge, die hier in kurzen, gut gesprochenen Passagen repräsentiert sind. Die Mischung aus pointierter Komik und direkt situativer Sprechhaltung überzeugt – kein nerviges Soubrettengequietsche oder tenorale Sprachabsonderungen. Hier gilt dem Ensemble und folglich auch dem Regieteam ein besonderes Kompliment. Musikalisch geben die Solisten nach Leibeskräften alles, was (vor allem im Gesamtpaket betrachtet) konsequent und entwaffnend ist. Camille Schnoor bringt für die Fürstin Alexandra eine warme, volle Mittellage mit, auf deren Fundament eine schöne, strahlende Höhe blüht. Ihre Figurenzeichnung ist weniger geheimnisvoll als bodenständig, aber nicht jeder kann und muss eine Fritzi Massary sein, wenn man vokal stilistisch so treffsicher unterwegs ist. Den Tenorhelden Viktor kann man sicherlich glanz- und effektvoller singen, als Daniel Prohaska das tut, aber auch hier überwiegen die akustisch wahrnehmbaren, darstellerischen Qualitäten und der Ausdruck des Sängers so sehr, dass man kaum etwas an tenoralem Schmelz vermisst. Prohaska wirft sich mit Verve in die Aufgabe und besitzt neben einer erstklassigen Artikulation jede Menge Charme, um den Hörer um den Finger zu wickeln.

Im Buffobereich ist Nadine Zeintl als herrliche Lori Aschenbrenner ein Volltreffer. Auch hier könnte man sich mehr Sopranklänge vorstellen, aber dann wäre diese Lori nicht mehr halb so authentisch. Zeintl hat ein untrügliches Gespür für Timing und geht im besten Sinne schonungslos mit ihrer Musik und ihrer Figur um. Diese Lori muss man lieben. Und das tut Simon Schnorr als Hubert von Mützelberg mit wunderschön klingendem Bariton und jugendlichem Schwung. Als ‚Grapscher‘ Graf Mereditt kommt Maximilian Mayer zum Zug und Erwin Windegger gibt den Herzog Ottokar mit viel Würde und großer Ernsthaftigkeit. Die kurze Duett-Reminiszenz zwischen Ottokar und der Rosl von Dagmar Hellberg gehört zu den schönsten und echtesten Momenten des Mitschnitts. Und wie man in einer großen Besetzungsliste mit einer kleineren Nebenrolle im Gedächtnis des Zuhörers bleibt, das zeigt die unvergleichliche Gisela Ehrensperger als herbe Wirtin Leopoldine: Egal was sie sagt oder singt – das sitzt, das berührt, reißt mit. Vom ‚alten Schlag‘ ist auch der fein gezeichnete Kellner Josef von Franz Wyzner.

Die 'Faschingsfee' lohnt die Ausgrabung allemal, auch wenn sie nicht ganz so viele Schlager in sich vereint wie manch andere Kálmán-Operette. Der 'Liebe Himmelvater' oder das träumerische 'Ich sehn‘ mich nach dir' klingen aber noch lange im Ohr nach. Und den Münchner Mitschnitt legt man sich auch hin und wieder gerne in den CD-Player.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kalman, Emmerich: Die Faschingsfee: Staatstheater am Gärtnerplatz, Michael Brandstätter

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203514724


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Kálmán, Emmerich
 - Die Faschingsfee - Faschingsmusik
 - Die Faschingsfee - Liebe, ich sehn' mich nach Dir
 - Die Faschingsfee - Seh'n sich zwei nur einmal
 - Die Faschingsfee - Marschlied Heut' flieg ich aus
 - Die Faschingsfee - Nur im Mai
 - Die Faschingsfee - Heut' flieg ich aus
 - Die Faschingsfee - Aber bitte, nur nicht gar so scheu!
 - Die Faschingsfee - Komm, o komm, du wundersam süße Nacht
 - Die Faschingsfee - Wie die Jugend heut'
 - Die Faschingsfee - Neulich sah ich eine, die wär' so die Meine
 - Die Faschingsfee - Lieber Himmelsvater, sei nicht bös'


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Dirigent(en):Brandstätter, Michael
Orchester/Ensemble:Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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