> > > Marx, Joseph: Eine Herbstsymphonie: Grazer Philharmoniker, Johannes Wildner
Donnerstag, 1. Oktober 2020

Marx, Joseph: Eine Herbstsymphonie - Grazer Philharmoniker, Johannes Wildner

(K)ein Meister der großen Form?


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


An der Orchestermusik von Joseph Marx dürfen sich die Geister scheiden. Damit sie das können, sind beherzte Aufnahmen nötig, wie sie Johannes Wildner und die Grazer Philharmoniker hier präsentieren.

'Eine Herbstsymphonie', 1920/21 in der Nähe von Graz komponiert und am 5. Februar 1922 von Felix Weingartner und den Wiener Philharmonikern uraufgeführt, ist jedenfalls anders, als der Titel suggeriert, keine von vielen ihrer Art: Als viersätziger Zyklus symphonischer Poeme, die bis auf den 'Tanz der Mittagsgeister' programmatisch eher unspezifisch um das Thema 'Herbst' kreisen, liegt das großbesetzte Orcehsterwerk zwar noch ein wenig in spätromantischem Trend, doch die von Joseph Marx (1882–1964) hier entwickelte Klangsprache zeigt sich genauso sperrig und ideologieabhängig wie die ‚atonal-serielle‘ Moderne im Gefolge Schönbergs und Adornos. Marx, deren erklärter Gegner, knüpft seinerseits hörbar an Richard Strauss (wen wundert‘s programmatisch), Puccinis Ausdrucksemphase sowie die Skalen- und Klangfarbenorientierungen bei Debussy und Skrjabin an und läuft auch gewissermaßen parallel mit seinen Zeitgenossen wie Korngold, Ravel oder Respighi, dessen phasenweise Ekstatik der 'Römischen Trilogie' sich auch bei Marx in dieser 'Herbstsymphonie' oder der 'Natur-Trilogie' findet.

Interesse an dieser Orchestermusik zeigten und weckten ja schon die gut fünfzehn Jahre alte, nun bei Naxos wiederöffentlichte Marx-Reihe mit den Bochumer Symphonikern unter Stephen Sloane sowie die auch schon zehn Jahre alte cpo-Aufnahme, ebenfalls unter Johannes Wildner, von Teilen der 'Natur-Trilogie' und der 1946 erfolgten Umarbeitung des Finalsatzes der 'Herbstsymphonie' als Tondichtung 'Feste im Herbst' (Respighi lässt nochmals grüßen). Nun folgt einer früheren Aufnahme einer revidierten Fassung unter Leon Botstein diese erstmalige Wiedergabe der ungekürzten Originalfassung von 'Eine Herbstsymphonie' geradezu als Kraftakt, dieses Werk wieder publiker zu machen.

‚Komplexität‘, ‚Überwältigung‘ oder Langeweile?

Beim ersten, unbefangenen Hören ohne Kenntnis anderer Aufnahmen und beim Lesen des engagierten Booklet-Textes dürfte der Eindruck sicher sehr gespalten sein. Trotz oder gerade wegen der intensiven, tadellosen Wiedergabe des auch aufnahmetechnisch gut eingefangenen Grazer Orchesters fragt man fortlaufend nach den Qualitäten dieser Musik: Marx ist trotz seiner Meriten als Liedkomponist weder ein Schöpfer einprägsamer Melodien noch an kontrastreichen rhythmischen Fakturen interessiert; vielmehr entwickeln sich aus mehr oder minder einfachen motiv-thematischen Keimzellen ganz fließend oder ‚organisch‘ wirklich ausufernde Bewegungszonen, die bunt bis grell orchestriert auf diverse Höhepunkte der Klangdichte und Lautstärke zustreben, an- und abschwellen, auch solistischen Orchsterleistungen Raum geben. Den hier hervortretenden Bläsern gebührt ebenso große Anerkennung wie dem Dirigenten, der das alles agogisch wie dynamisch doch noch so erkennbar steuert, dass das wahrlich Erschlagende und Schwüle dieser Musik – die ästhetische Wirkung ist wirklich oft eher einem heißen langen Sommer vergleichbar und leider auch ähnlich erschöpfend – doch genügend Konturen entwickelt, die ein intensives Hören belohnen.

Für Interpreten wie Hörer ist das Schwerstarbeit, wie die beiden spürbar begeisterten Booklet-Autoren der Jospeh-Marx-Gesellschaft auch einräumen (der Misserfolg der Uraufführung unter Weingartner wird von ihnen mit dem Hinweis auf den noch im September 1922 folgenden Erfolg der gekürzten Fassung in Graz ‚unter der kompetenten Leitung des Klangspezialisten Clemens Krauss‘ gekontert). Der stark apologetische Zug dieser durchaus lesenswerten Werkeinführung wird allerdings im wiederholten Gebrauch von Kategorien wie ‚enorme[r] Komplexität‘ oder emotionaler ‚Überwältigung‘ deutlich, der genau wie der Diskurs der Wiener Schule Hörern, die das Werk ästhetisch problematisch finden dürften, suggeriert, dass sie die notwendige Arbeit und Einstellung zu dieser Musik erst noch gewinnen müssten.

Dass demgegenüber vor allem die Schwäche einer angesichts des oft banalen thematischen ‚Materials‘ viel zu ausufernden formalen und orchestralen Gestaltung zu einer nicht unberechtigten Ablehnung dieser Musik geführt haben könnte, ist nach mehrmaligem Anhören durchaus nachvollziehbar: Ein kompositionstechnisch aus meiner Sicht ganz ähnlich gelagerter Komponistenzeitgenosse wie Arnold Bax etwa wirkt da von der plastischeren Motivik bis zur kontrastiven Ausrichtung der Entwicklungsfelder in ähnlichen Zeitumfängen symphonischer Sätze weitaus effektiver und ansprechender. Aber es bleibt wichtig und höchst anerkennenswert, dass diese Aufnahme unter Wildner uns nun durch eine gerade angesichts der Problematiken des Werks weitgehend präzise, ja tatsächlich großartige und dynamisch oft ‚überwältigende‘ musikalische Wiedergabe den Diskussionsbedarf und das Dilemma einer ästhetisch konsensfähigen Bewertung vor Augen führt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Marx, Joseph: Eine Herbstsymphonie: Grazer Philharmoniker, Johannes Wildner

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203526222


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Marx, Joseph
 - Eine Herbstsymphonie - Ein Herbstgesang
 - Eine Herbstsymphonie - Tanz der Mittagsgeister
 - Eine Herbstsymphonie - Herbstgedanken
 - Eine Herbstsymphonie - Ein Herbstpoem


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Dirigent(en):Wildner, Johannes
Orchester/Ensemble:Grazer Philharmonisches Orchester


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
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