> > > Kalman, Emmerich: Ein Herbstmanöver: Chor und Orchester des Stadttheaters Gießen, Michael Hofstetter
Dienstag, 28. Januar 2020

Kalman, Emmerich: Ein Herbstmanöver - Chor und Orchester des Stadttheaters Gießen, Michael Hofstetter

Hinreißendes Manöver


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Theater Gießen hat mit der Wiederbelebung von Emmerich Kálmáns Operetten-Erstling 'Ein Herbstmanöver' einen Volltreffer gelandet, der beim Label Oehms auf nur einer CD akustisch konserviert wurde.

Das Theater Gießen hat mit der Wiederbelebung von Emmerich Kálmáns Operetten-Erstling 'Ein Herbstmanöver' (1908/09) einen Volltreffer gelandet, der nun beim Label Oehms auf nur einer CD akustisch konserviert und nachzuhören ist. Von dieser stilistischen Treffsicherheit und schmerzbefreiten Charmeoffensive der Gießener Produktion können sich so manche vergleichbare Operetten-Renaissance-Projekte aus Bad Ischl, Mörbisch oder sonstwo, die auf CD veröffentlicht werden, eine dicke Scheibe abschneiden. Die Gießener 'Herbstmanöver'-Fassung und Interpretation atmen eine genau dosierte Mischung aus Melancholie, überbordender Energie, großer Ernsthaftigkeit und grobem Unfug. Dabei wird auf höchstem Niveau musiziert, ohne die anspruchsvolle Musik von Kálmán unnötig kunstvoll zu überhöhen. Daran ist neben den exzellenten Solisten auch Michael Hofstetter mit dem Philharmonischen Orchester Gießen nicht ganz unschuldig. Da protzt es mal effektvoll und fast schon brutal aus dem Graben, dann schillert es mit ungeahnter Zartheit und Raffinesse. Hofstetter bedient die volle Bandbreite, immer energetisch aufgeladen und bei aller Kraft auch leichtfüßig. Das Schöne ist, dass der Orchesterpart nicht einfach nur begleitend im Hintergrund agiert, sondern entschieden zu Werke geht – ein geschliffenes Statement anstelle von hübscher Gefälligkeit.

Für die CD-Produktion dieses 'Herbstmanövers' vom Juni 2018 wurden die Dialoge vermutlich stark eingekürzt und auf jenes Quäntchen reduziert, das die Nachvollziehbarkeit der Handlung gerade noch garantiert. Dieses Konzept geht vollständig auf, auch weil von Regieseite offenkundig hervorragend am Text und den Figuren gearbeitet wurde. Alle agieren punktgenau situativ, sei es im Dialog oder in den Musiknummern. Das ist dann eben kein oberflächliches Abgreifen von Operetten-Schubladen, sondern ein ernsthaftes und zugleich komödiantisches Ausloten von Charakteren und Situationen.

Erstklassiges Ensemble

Wenn man zu solchem Unterfangen noch ein erstklassiges Ensemble zur Verfügung hat, ist das Operettenglück perfekt. Christiane Boesiger glänzt in der Partie der Baronin Riza, stimmlich wie darstellerisch – soweit das in einer Audioaufnahme eben nachzuvollziehen ist. Schonungslos und kraftvoll durchlebt sie alle Gefühlslagen. Ihr schimmernder Sopran hat dabei die perfekte Mischung aus klingender Lebenserfahrung und noch immer jugendlichem Glanz – atemberaubend ihr schwebender, im Pianissimo gehaltener Schlusston im ersten Finale. Als Lörenthy punktet Grga Peroš mit balsamischen Baritontönen, ausdrucksstark und mit kluger Abmischung der Register. Glanzvoll und strahlend ist der Marosi von Clemens Kerschbaumer mit tenoralem Schmelz und lupenreiner Artikulation, die übrigens nahezu alle Mitwirkenden auszeichnet.

Ein absoluter Knaller ist der Wallerstein von Tomi Wendt: urkomisch und scharf konturiert. So muss man ein pikantes Couplet erst einmal servieren können, wie Tomi Wendt das zelebriert. Wie schön, dass für diese Figur und den Gutsverwalter Kurt eine musikalische Einlage aus Kálmáns 'Der gute Kamerad' zum Einsatz kommt: das 'Pumper-Duett'. Hier ist der singende Schauspieler Rainer Hustedt dem Operettenstar Wendt ein kongenialer Partner. In der Rolle des alten Bence setzt Rainer Domke mit überbordendem Charisma anrührende Akzente. Die Mezzosopranistin Marie Seidler gibt mit viel Stimmschönheit und Jugend die Treszka. Ihre vokale Akkuratesse steht dem kochenden Operettenblut dieser Produktion ein wenig nach, wie beispielsweise das Duett 'Frauenherzen' zeigt, wenngleich Seidler äußerst textverständlich und bezaubernd singt.

Im Beiheft finden sich ein lesenswerter Kurzartikel von Matthias Kauffmann und verschriftlichte Gedanken des Gießener Regisseurs Balász Kovalik. Was bei aller Begeisterung dieser CD-Veröffentlichung aber fehlt, ist eine detaillierte Inhaltsangabe, die beim Hören der CD helfen würde – Teasern reicht bei einer solchen Rarität nicht. Die einzelnen Tracks bzw. Nummern sind nämlich auch nicht mit den agierenden Sängern oder Rollen angegeben. Daher weiß man nicht immer, wer eigentlich gerade singt und auch eine Einteilung der Akte in der Trackliste würde fraglos helfen. Das sind aber redaktionelle Äußerlichkeiten, die den Genuss dieses 'Herbstmanövers' nicht entscheidend trüben. Dazu macht diese CD einfach viel zu viel Freude!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kalman, Emmerich: Ein Herbstmanöver: Chor und Orchester des Stadttheaters Gießen, Michael Hofstetter

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
08.03.2019
Medium:
EAN:

CD
4260034869776


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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