> > > Reger, Max: Klavierkonzert, Klavierstücke: Markus Becker, NDR Radiophilharmonie, Joshua Weilerstein
Donnerstag, 23. Mai 2019

Reger, Max: Klavierkonzert, Klavierstücke - Markus Becker, NDR Radiophilharmonie, Joshua Weilerstein

Im Dialog


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Markus Becker und die NDR Radiophilharmonie unter Joshua Weilerstein gefallen mit ihrer Interpretation von Regers als 'schwierig' geltendem Klavierkonzert.

Im Dialog versteht sich vieles leichter. Markus Becker hat viel unbekanntes Repertoire erkundet, immer wieder in Fühlung mit der Forschung, mit anderen Musikern, mit dem Publikum. Auch mit sich selbst – und wenn we auf seiner neuen Reger-Platte das Klavierkonzert f-Moll op. 114 mit den nahezu zeitgleich entstandenen 'Episoden' op. 115 für Klavier solo in Dialog treten lässt, so erhellt das Eine das Andere. Regers Klavierkonzert wird gerne gemieden, weil es dem ‚Tastenlöwen‘ kaum Platz zur Selbstinszenierung lässt, weil es technisch horrend schwer ist, weil das Orchester sehr viel üben muss, weil der Dialog zwischen Solist und Orchester nicht von selbst gelingt, weil beides einander bedingt.

Markus Becker beherrscht seinen Reger – selbst wenn er gelegentlich über ihn fluchen mag. So viele Noten, und vieles, das man nicht leicht memorieren kann, weil es oft eben doch ein bisschen anders weitergeht als naheliegend wäre. Beckers Einsichten im Booklet-Interview sind immer auch für das Publikum hilfreich, seine interpretatorischen Einsichten in der Aufführung überzeugen in den dramatisch-kraftvollen wie in den lyrisch-weichen Momenten gleichermaßen. Beckers Spiel ist von großer Klarheit, ohne unnötigen Pedalgebrauch, der Regers opulentem Klang und der Dichte seiner Texturen nur schädlich sein kann.

Prächtiger Dialog

Doch hat Markus Becker auch einen prächtigen Dialogpartner. Die NDR Radiophilharmonie Hannover unter Joshua Weilerstein setzt kaum weniger auf Klarheit, ohne die Texturen auszudünnen. Klarheit und Verständlichkeit waren Reger immer ganz besonders wichtig, und man spürt in jedem Moment die sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Mammutwerk von zwar ‚nur‘ knapp 37 Minuten, für das lange Zeit die historische Einspielung mit Rudolf Serkin und dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy als Referenz galt und das hier in den Proportionen genau richtig wirkt. Dort allerdings war das Orchester kein rundum gleichwertiger Partner – hier dialogisieren die Musiker bis in die ‚kleinsten Zweiglein‘ (bis zum Schlussapplaus kann man sich kaum vorstellen, hier einen Live-Mitschnitt vor sich zu haben, der im Booklet auch nicht genauer als Januar 2017 spezifiziert wird). Jeden Moment möchte man als Zuhörer auskosten, sich in den Schönheiten insbesondere des Klavierparts verlieren, gleichzeitig bewundert man den immensen Einsatz des Orchesters. Becker kennt seinen Reger, konnte so auch dem Orchester bei der Erkundung der Proportionen des Werks helfen, doch bleibt das Orchester im Finale im Vergleich zum Solisten um Nuancen zu kalkuliert, zu wenig überschäumend witzig (wohl auch schwierig herauszukitzeln).

Was für ein Kontrast sind dann die ersten fünf der acht 'Episoden' op. 115 für Klavier allein – Miniaturen, die, wären sie in Regers altem Verlag Lauterbach & Kuhn erschienen, 'Aus meinem Tagebuch' Band V geheißen hätten – teilweise introvertierte, teilweise leidenschaftlich-zerrissene ‚Albumblätter‘, in denen Reger allen Ballast loslässt und er selbst ist. Was mag ihn bewegt haben in diesem Sommer 1910 in Oberaudorf in Oberbayern, wo er viel im Luegsteinsee schwamm (‚ich kann nämlich Schwimmen besser als Kontrapunktieren‘), wo er wanderte und seine Schülerinnen Sophie Maur und Johanna Senfter traf, wo er die Korrekturfahnen des Klavierkonzerts durcharbeitete, wo er aber auch ein Kind im Bergsee ertrinken erlebte? Zuletzt der Choral aus dem frühen Opus 13, ein verinnerlichter, schlichter Abschluss einer furiosen CD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reger, Max: Klavierkonzert, Klavierstücke: Markus Becker, NDR Radiophilharmonie, Joshua Weilerstein

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
25.01.2019
57:42
2017
EAN:
BestellNr.:
Booklet
4260085533060
8553306


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Reger, Max
 - Klavierkonzert f-Moll Op. 114 - I. Allegro moerato
 - Klavierkonzert f-Moll Op. 114 - II Largo con gran espressione
 - Klavierkonzert f-Moll Op. 114 - III Allegretto con spirito
 - Episoden op. 115 - 1 Andante
 - Episoden op. 115 - 2 Andantino con moto
 - Episoden op. 115 - 3 Allegretto
 - Episoden op. 115 - IV Andante sostenuto
 - Episoden op. 115 - 5 Larghetto
 - Lose Blätter op. 13 - XII Choral


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"Ein Berg von Klängen „Mit Regers Klaviermusik beschäftige ich mich schon sehr lange. In den Neunzigerjahren, kurz nach meinem Studium, habe ich sein Gesamtwerk für Klavier solo auf CD eingespielt. Seitdem spiele ich Reger immer wieder in Konzerten. Auch Kammermusik, also Violin-, Klarinetten- und Cellosonaten, die Stücke für zwei Klaviere, Klaviertrio, Quartette, Lieder. Er hat ja in fast allen Bereichen unheimlich viel komponiert. Das Klavierkonzert kenne ich natürlich schon lange, aber erst im Januar 2017 habe ich es live gespielt. Daher stammt ja auch die Aufnahme auf dieser CD. Ehrlichgesagt war mir das Stück erstmal etwas suspekt. So viele Noten, dicke Akkorde, schnelle Registerwechsel, also Sprünge auf der Tastatur, oft extreme Dynamik, vierfaches Piano und Forte! Diese Überfülle kennt man zwar von Reger, aber hier treibt er es wirklich auf die Spitze: die meiste Zeit über spielt das Klavier gemeinsam mit dem voll besetzten Orchester. In den Proben waren Joshua Weilerstein, die Radiophilharmonie und ich damit beschäftigt, an der Klangbalance zwischen Orchester und Klavier zu arbeiten. Das ist problematisch, aber auch ein großer Reiz: wie schaffen wir es, diesen Berg von Klängen so auszuleuchten, dass ein musikalischer Verlauf hörbar wird? Wo klingt etwas Wichtiges, welche Stimme führt? Natürlich müssen Orchester und Klavier ab und zu die Muskeln spielen lassen, aber unter der kraftvollen Oberfläche müssen wir immer nach Graustufen und Schattierungen suchen, sonst wird diese Musik zur Qual…….“ (Interview mit Markus Becker aus dem Booklet) A huge mass of different sounds „I’ve been playing and studying Reger’s piano music for a long time now. In the 1990s, not long after graduation, I recorded his complete works for solo piano. Ever since then, I’ve been featuring Reger frequently in my recitals: not only solo piano pieces, but chamber music including violin, clarinet and cello sonatas, the works for two pianos, piano trios, quartets, and Lieder. Reger composed an impressive quantity of music in almost all genres. Of course I’ve been familiar with the Piano Concerto for a long time, but I only recorded it for the first time live in January 2017. That is the source for the recording on this CD. To be honest, at first I had my doubts about this piece. So many notes, all the dense chords, and rapid changes of register –daunting leaps across the keyboard! – along with extreme dynamics (pppp and ffff ). We already encounter that kind of superabundance elsewhere in Reger, but here he takes it to the extreme. The “full” piano is usually playing in tandem with the full orchestra. In our rehearsals, Joshua Weilerstein, the Radio Philharmonic and I were constantly working on trying to achieve the right balance between the orchestra and the piano.…….“ (Interview mit Markus Becker aus dem Booklet) "


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CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


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