> > > Bach, Johann Sebastian: Toccatas, French Suites IV-VI: Lorenzo Ghielmi, Cembalo
Donnerstag, 27. Februar 2020

Bach, Johann Sebastian: Toccatas, French Suites IV-VI - Lorenzo Ghielmi, Cembalo

Stilistische Klarheit


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Cembalist Lorenzo Ghielmi vertraut der schier übermächtigen, alles Verschiedene zu etwas ganz und gar Eigenständigem formenden Kraft Johann Sebastian Bachs. Mit Recht, wie diese Aufnahme von dessen Toccaten und Französischen Suiten zeigt.

Mit Blick auf den Instrumentalkomponisten Johann Sebastian Bach das Italienische programmatisch mit dem Französischen zu verbinden, so wie sich beide Stile und ästhetischen Anschauungen in Bachs Werk selbst zu etwas Neuem, zu etwas vollkommen Eigenständigem verbanden – das ist schlüssig und überzeugt mehr, als jeweils reine Programme es könnten. Der italienische Organist, Cembalist und Ensembleleiter Lorenzo Ghielmi hat das vor einiger Zeit mit den ersten drei der 'Französischen Suiten' und dem 'Italienischen Konzert' getan, erfolgreich und mit Kritikerlob bedacht. Jetzt setzt er das beim belgischen Label Passacaille mit dem zweiten Teil der Suiten fort, die er mit zweien der Toccaten für Cembalo kombiniert. Letztere, drei- bis viersätzige Werke, geben sich in ihrer formalen Freiheit, in der Klarheit deutlich voneinander abgegrenzter Affekte nah manchen Vorbildern der norddeutschen Orgelschule, verweisen aber zugleich deutlich auf die Höhen der Tastenkunst Frescobaldis. In den Suiten folgte Bach der gängigen Satzfolge von Allemande, Courante, Sarabande und finaler Gigue, vor der er allerdings individuelle Ergänzungen aus dem Reigen von Menuett, Gavotte, Bourrée, Polonaise, Loure und Air einzuschieben pflegte. Diese Folgen sind in einem ästhetisch sehr viel eleganteren Bild gezeichnet. Und sie unterstreichen, wie vielschichtig Bachs Kenntnis der europäischen Musik seiner Zeit war.

Ein vielseitiger Experte

Lorenzo Ghielmi wählt diese programmatischen Kontraste nicht, um sie spielend dann wieder zu nivellieren. Das zeichnete schon die erste Folge aus, da noch unterstützt durch die Wahl zweier verschiedener Cembali. Hier spielt er alle Stücke auf einem von Keith Hill realisierten Nachbau eines anonymen deutschen Instruments aus dem 18. Jahrhundert. In dem in dieser Hinsicht viel zu knappen Booklet kann man keine Details zum Instruments nachlesen. Hören kann man aber, dass es über einen harmonischen Klang verfügt, mit einem Diskant, der nicht isoliert in seiner Wirkung ist, mit einer ausgesprochen kraftvollen Mittellage und einem klangvollen, doch konzentrierten, wohl eher sehnigen denn fülligen Bassfundament. Mit diesen Mitteln hantiert Ghielmi technisch unangefochten. Er transportiert die virtuose Rasanz der Toccaten in freier und ebenso präziser Geste.

Der französische Ton wirkt im Vergleich dazu nobler, mit noch mehr Aufmerksamkeit für Kontexte gesetzt. Und auch die edle, fein ausgezierte Linie kommt zu ihrem Recht. Für diese Effekte nutzt Ghielmi die Variationsmöglichkeiten des Instruments gekonnt, schafft zum Beispiel in den Toccaten schöne Registerkontraste, materialisiert kleinteilige Präzision bis hin zum für die Suiten schon angedeuteten, für das Cembalo kaum je ganz zu erreichenden Fall instrumentalen Singens. Ghielmi, dem Meister der barocken Tastenwelt – auch forschend eine respektable Größe, zugleich vielfach bewiesen bei Bach und Frescobaldi, vor allem bei beeindruckenden Händel-Orgelkonzerten – gelingt all das. Realisiert ist dies in einem vergleichsweise direkten Klangbild; voll in der Wirkung und mit plastischem Reichtum veredelt, klar und zugleich erwärmt, bietet es eine gelungene Szene. Lorenzo Ghielmi setzt auf stilistische Klarheit. Und er vertraut der schier übermächtigen, alles Verschiedene zu etwas ganz und gar Eigenständigem formenden Kraft Johann Sebastian Bachs. Mit Recht, wie das Ergebnis zeigt.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bach, Johann Sebastian: Toccatas, French Suites IV-VI: Lorenzo Ghielmi, Cembalo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
11.01.2019
Medium:
EAN:

CD
5425004910585


Cover vergössern

Bach, Johann Sebastian


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Am besten im Team: Das belgische Ensemble Oxalys ist für Jean Cras ein überzeugender Anwalt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Echte Alternative: Diese CD nähert sich Tschaikowsky konsequent anders: Die 'Rokoko-Variationen' erklingen hier mit Klavierbegleitung. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Gerechtigkeit für Kuhnau: Johann Kuhnau widerfährt mit dieser Reihe zweifellos Gerechtigkeit. Die Musik steht, das zeigt auch die fünfte Folge der cpo-Reihe mit Opella Musica, ganz für sich, voller Qualität und Kraft. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Tiepolos Playlist: Was die Gäste der Stuttgarter Tiepolo-Schau in ihren Audioguides zu hören bekommen werden, ist ein innovatives Programm mit köstlicher Musik des italienischen Hochbarock, das dem Ensemble Diderot und Johannes Pramsohler viel Raum zur Entfaltung bietet. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Das fehlende Glied: Ist Natale Monferrato das fehlende Glied einer musikhistorischen Kette? Jedenfalls ein Komponist, der gehört werden sollte. Eine erstrangige Repertoirebereicherung. Und ein tolles Medium für einen so begabten Altisten wie Paulin Bündgen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Wiedergeburt der Opera buffa: Die Oper 'Die vier Grobiane' von Ermanno Wolf-Ferrari überzeugt im Livemitschnitt aus München unter der Leitung von Ulf Schirmer. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Gerechtigkeit für Kuhnau: Johann Kuhnau widerfährt mit dieser Reihe zweifellos Gerechtigkeit. Die Musik steht, das zeigt auch die fünfte Folge der cpo-Reihe mit Opella Musica, ganz für sich, voller Qualität und Kraft. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Aus Gischt und Wellen: Hoffentlich finden sich einige Opernhäuser, die 'Oceane' zeitnah auf den Spielplan setzen. Es lohnt sich. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2020) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ermanno Wolf-Ferrari: Die vier Grobiane - Erster Akt

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich