> > > Händel, Georg Friedrich: Judas Maccabaeus: NDR Chor, Festpielorchester Göttingen, Laurence Cummings
Samstag, 25. Januar 2020

Händel, Georg Friedrich: Judas Maccabaeus - NDR Chor, Festpielorchester Göttingen, Laurence Cummings

Tadellos unaufgeregt


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wahnsinnig aufregend, weil elektrisierend neu gedeutet oder überraschend, ist der Göttinger 'Judas Maccabaeus' vielleicht nicht. Aber er überzeugt durch seine stilistisch kenntnisreiche Interpretation und ein Solistenensemble, das über den Dingen steht.

Neben dem 'Messiah' gehört 'Judas Maccabaeus' zu Georg Friedrich Händels meistgespielten Oratorien. Noch zu Lebzeiten des Komponisten sind über fünfzig Aufführungen des 1747 entstandenen Siegesoratoriums zu verzeichnen. Die Geschichte vom jüdischen Feldherren Judas Maccabaeus, der das Volk Israels wiederholt zum Sieg führt, wurde im 18. Jahrhundert als Kommentar auf die politischen Ereignisse zwischen England und Schottland verstanden, ist aber auch losgelöst von der ursprünglichen Intention ein starkes Stück Musiktheater – wenngleich im eigentlichen Sinne undramatisch. Das soll keine Wertung darstellen, sondern vielmehr verdeutlichen, wie Händel mit der biblischen Geschichte umgeht. Sein Blick fällt nicht auf äußeres Handlungsgeschehen, sondern auf ein facettenreiches, wenngleich glorifizierendes Bild der Titelfigur, eingebettet in einen kommentierenden Rahmen von Chor und Solisten.

Bei den Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen hat der Händel-Spezialist Laurence Cummings im Mai 2018 den 'Judas Maccabaeus' zur Aufführung gebracht. Auf zwei klanglich hervorragenden CDs ist der Mitschnitt jener konzertanten Produktion beim Label Accentus erschienen. Gerade im Hinblick auf den statuarischen Gestus des Werks ist es dankenswert, dass Accentus der Neuerscheinung ein komplettes zweisprachiges Libretto beigelegt hat. So fällt es wesentlich leichter, der Aneinanderreihung von Rezitativen, Arien und Chören zu folgen und sich in die einzelnen musikalischen Situationen zu vertiefen. Auch hilft das Mitlesen, um Verwirrungen vorzubeugen, wer gerade wirklich singt. Denn die Trackliste des Beihefts ist in Bezug auf die erste CD fehlerhaft und zu Beginn des dritten Aktes singt definitiv der Priester die Arie 'Father of Heaven' und nicht der Israelit.

Hervorragende Solisten

Für die Aufführung der hier vorliegenden revidierten Erstfassung sind hervorragende Solisten am Start. Allen voran glänzt der Tenor Kenneth Tarver in der Titelpartie. Mit technischer Souveränität und großer Persönlichkeit macht er die emotionalen Facetten des Feldherren in jedem Moment glaubhaft. Dabei trumpft Tarver nie unnötig auf oder bedient sich vokal-heldischer Effekte. Bei ihm überzeugen vielmehr die Eleganz der Phrasierung, seine Koloraturgewandtheit, die hörbare Gelassenheit, mit der er Händels Musik zum Strahlen bringt. Da fühlt man sich immer wieder an die Leichtigkeit erinnert, mit der Fritz Wunderlich den Judas in den Sechzigerjahren in München eingespielt hat, damals natürlich mit einem anderen Klangideal.

Tadellos agieren auch Deanna Breiwick und Sophie Harmsen als die beiden Israeliten. Beide Stimmen sind fast schon instrumental geführt und perfekt aufeinander abgestimmt. Das macht ihre Duette zu bezwingenden Erlebnissen, doch auch die Arien gelingen den Sängerinnen brillant: Deanna Breiwick mit schillerndem, höhensicherem Sopran und Sophie Harmsen mit pastosen Mezzo- bis Alttönen. Als Simon und Eupolemus hinterlässt der Portugiese João Fernandes mit markigem Bass großen Eindruck. Wie seine Kollegen bewältigt er mühelos die geforderte Agilität wie in 'Rejoice, oh Judah!', kann aber ebenso klangvoll und ehrfurchtsgebietend auftrumpfen. Der Countertenor Owen Willetts macht mit 'Father of Heaven' auf sein beeindruckendes stimmliches Material aufmerksam und die Chorsolistin Ina Jaks vervollständigt als markanter Bote das Solistenensemble.

Laurence Cummings leitet das erstklassige FestspielOrchester Göttingen mit einer gelungenen Mischung aus meditativer Ruhe und gelegentlichen Energieschüben. Dabei spielen seine Musiker stets mit enormer Transparenz und Klarheit. Dynamischen Feinschliff und vorbildliche Artikulation serviert auch der bestens präparierte NDR Chor unter Leitung von David Cavelius. Wahnsinnig aufregend, weil elektrisierend neu gedeutet oder agogisch überraschend, ist der Göttinger 'Judas Maccabaeus' vielleicht nicht. Aber er überzeugt durch seine stilistisch kenntnisreiche Interpretation, den lebendigen Raumklang und ein Solistenensemble, das über den Dingen steht. So macht auch ein als ‚undramatisch‘ verrufenes Oratorium Freude und bietet weit mehr als bloße Unterhaltung.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Judas Maccabaeus: NDR Chor, Festpielorchester Göttingen, Laurence Cummings

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
2
11.01.2019
Medium:
EAN:

CD
4015023264106


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Händel, Georg Friedrich


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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