> > > L'Opéra des Opéras: Le Concert Spirituel, Hervé Niquet
Sonntag, 21. April 2019

L'Opéra des Opéras - Le Concert Spirituel, Hervé Niquet

Die Oper der Oper


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein großer musikalischer Spaß zum dreißigjährigen Jubiläum von Le Concert Spirituel.

Vor gut dreißig Jahren, genauer: 1987, hat Hervé Niquet das Ensemble Le Concert Spirituel gegründet. Die ursprüngliche Idee, mit seinem Ensemble die geistliche französische Musik, vor allem aus der Barockzeit, bekannter zu machen, wurde schnell erweitert. Nicht nur geistliche, auch weltliche Musik, vor allem die französische Oper, stehen seitdem im Mittelpunkt der Bemühungen. Zum dreißigjährigen Geburtstag hat sich Niquet mit einem Ensemble etwas Besonderes ausgedacht: Eine ‚Oper der Opern‘ sollte aufgeführt werden. Die Idee geht bis auf Ludwig XIV. zurück, der 1671 von Lully ein ‚Ballett der Ballette’ erbeten hat, d. h. ein Ballett, in dem Lully die Highlights aus seinen bisherigen Balletten an einem Abend zur Aufführung bringt. Und so gibt es nun auch eine ‚Oper der Opern‘, eine Zusammenstellung von Arien, Duetten, Zwischenspielen aus Opern verschiedener französischer Komponisten, die alle um die Zeit Ludwigs XIV. gelebt haben.

Gut 50 Jahre trennen dabei einige Kompositionen voneinander, aber es ist verblüffend, wie ähnlich der französische, elegante, textbezogene Stil der verschiedenen Werke ist und wie harmonisch sich alles zu einer Einheit fügt. Natürlich sind Lully, Rameau und Charpentier in der Aufnahme vertreten, auch André Campra ist dem einen oder anderen vielleicht noch mit seinen Kompositionen bekannt – aber wer kennt schon Stuck, Gervais, Destouches oder Rebel? Oder Montéclair, Bertin de la Doué oder Colin de Blamont? Niquet und vor allem Benoît Dratwicki, der Leiter des Centre de Musique Baroque de Versailles, haben tief im musikalischen Archiv gegraben, und was sie zu Tage fördern, ist wirklich wert, wiederentdeckt zu werden. Die Handlung ist schnell erzählt und erinnert an den Kinderfilm 'Verliebt in eine Hexe', den Niquet in seiner Jugend im Fernsehen gerne gesehen hat und der auch das CD-Cover inspiriert hat: Prinz liebt Prinzessin. Aber eine böse Königin, die über magische Kräfte verfügt, liebt ihn auch. Ihre Künste helfen dem Prinzen im Kampf gegen ein Ungeheuer, aber während der Siegesfeier wird ihr klar, dass das Herz des Prinzen nicht für sie, sondern für die Prinzessin schlägt. Die böse Königin beschwört die Geister der Unterwelt, und beinahe hätte der Prinz seine Liebe mit seinem Leben bezahlen müssen. Das passiert natürlich nicht, es gibt ein Happy end – nachdem zuvor die böse Königin dem Wahnsinn verfallen ist und sich das Leben nimmt.

Dramatisch und schwungvoll

Der eigentliche Star der Aufnahme ist das Orchester und sein Dirigent. Unglaublich frisch, dramatisch, witzig, schwungvoll, manchmal auch wild klingt die Musik. Die Begeisterung, mit der die Musiker die Sache angehen, überträgt sich ganz direkt auf den Hörer. Alle drei Solisten machen ihre Sache sehr gut, sie haben starke, große Stimmen, durchaus mit leichtem Vibrato, das aber der Musik angemessen ist. Die umfangreichste Partie hat die Mezzosopranistin Karine Deshayes als böse Königin, die mit großer Stimme alle Gefühlsausbrüche meistert. Katherine Watson singt die Prinzessin mit klarem, ausdrucksstarkem Sopran und Reinoud van Mechelen gestaltet die Partie des Prinzen souverän und herrschaftlich.

Es gibt bei dieser bei Alpha Classics erschienenen Aufnahme kaum etwas zu bemängeln. Okay, vielleicht hätten sich die beiden Frauenstimmen im Timbre noch mehr unterscheiden können. Und in den extremen Höhen klingt der Tenor von Reinoud van Mechelen auch leicht angestrengt – wie in der großen Schlussszene, die aus Lullys 'Armide' genommen ist. Ärgerlich ist eigentlich nur das Booklet, bei dem innovatives Design die Lesbarkeit der Texte geradezu unmöglich macht – weiße Schrift auf gelben Untergrund ist halt mühsam zu lesen; zudem sind die französischen Gesangstexte nur ins Englische übersetzt worden. Aber das sollte den großen Spaß, den man mit dieser Aufnahme haben kann, nicht schmälern!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    L'Opéra des Opéras: Le Concert Spirituel, Hervé Niquet

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
11.01.2019
EAN:

3760014194429


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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