> > > Antheil, George: Symphony No.3 & 6, Archipelago, Hot-Time Dance: BBC Philharmonic, John Storgards
Donnerstag, 9. Juli 2020

Antheil, George: Symphony No.3 & 6, Archipelago, Hot-Time Dance - BBC Philharmonic, John Storgards

Bad Boy of Music


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In der BBC-Philharmonic-Serie mit US-amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts stellt das Label Chandos abermals George Antheil vor, mit seiner 'American' Symphonie Nr. 3 und weiteren Schlüsselwerken.

George Antheil (1900-1959) ist in Deutschland so gut wie vollkommen unbekannt – obwohl vielleicht der ein oder andere hier schon mal von der Filmschauspielerin Hedy Lamarr (1914-2000) gehört haben wird. Mit ihr zusammen meldete Antheil mitten im Zweiten Weltkrieg ein Patent an, das er in gemeinsamen abendlichen Sitzungen nach der Arbeit im Hollywoodstudio entwickelt hatte. Es ging um ein funkgesteuertes Torpedo, das ein Frequenzsprung-Verfahren nutzte, eine Technologie, die heute in Bluetooth verwendet wird, teilweise auch in der Mobilfunktechnik (GSM). Für diese Frequenzsprung-Erfindung wurden Lamarr und Antheil 2014 in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen. Lamarr setzte man erst kürzlich mit dem Film 'Geniale Göttin' ein Denkmal. Und Antheil...?

Kehrtwende

Sein weiterer ‚Claim to Fame‘ ist die Skandalautobiografie 'Bad Boy of Music' (1945), in der er seine frühen Jahre in Europa beschreibt, wo er versuchte, ein Avantgardist zu sein und möglichst viel Protest aus dem bürgerlichen Lager mit seiner Musik zu provozieren. Teils arbeitete er auch in Berlin an der Oper als musikalischer Assistent. Doch er kehrte im Zuge der Weltwirtschaftskrise in die USA zurück und machte – nachdem die Nazis in Deutschland das Ruder übernahmen – eine musikalische Kehrtwende. Er distanzierte sich von seinen eigenen früheren Avantgarde-Idealen und wollte nun eine populäre nationale Musik schreiben, mit der er auch die Mittelschicht erreichen konnte, nicht nur intellektuelle Eliten. Er schimpfte sogar heftig über die Elfenbeinturm-Mentalität europäischer Neutöner, die laut Antheil nun auch anfing, die Kulturszene in den USA zu ‚vergiften‘. Er arbeitet in Hollywood als Filmkomponist und schuf nebenher Symphonien, mit denen er ein eigenes amerikanisches Idiom (er)finden wollte. Ein Projekt, das nur begrenzt mit Erfolg gekrönt war.

Auf dieser CD ist die 3. Symphonie (1946) enthalten, die – für meine Ohren – nur ansatzweise das erklärte Ziel erreicht, eine ‚American Symphony‘ zu sein. Die Klänge erinnern vereinzelt an Schostakowitsch und Prokofjew, ohne deren sofort erkennbaren Individualstil zu erreichen bzw. neben diesem mit einem eigenen erkennbaren Personalstil bestehen zu können, wie das Kollege und Konkurrent Aron Copland schaffte. Wirklich überzeugend wirken hier auf mich der dritte Satz 'The Golden Spike' als wilder Ritt ('Allegro scherzando') und das furiose Finale 'Back to Baltimore'.

Track 1 ist der Rumba 'Archipelago' (1935), der ursprünglich für Antheils 3. Symphonie vorgesehen war. Als er diese allerdings komplett umarbeitete zu seiner 2. Symphonie und die 'American Symphonie' Nr. 3 wurde, blieb die Nummer als einzelne Ballettszene übrig. Sie hier mit einem gewissen südamerikanischen Flair zu hören, ist eine gelungene Einleitung, obwohl das BBC Philharmonic nicht wirklich ‚Flair‘ verbreitet – weder südamerikanisches, noch US-amerikanisches. Alles wird unter Leitung von Dirigent John Storgård absolut präzise gespielt, aber mir fehlt ein gewisser Groove, eine Lust am Bombast und an Exzentrik, die Antheils Musik überdeutlich auszeichnet. Am wirkungsvollsten ist der 'Hot-Time Dance' (1948) aus der 'American Dance Suite'. Ein Werk, das unmittelbar zündet und das ich gern immer wieder und wieder angehört habe.

Fehlender Mut

Die 6. Symphonie 'nach Delacroix' (1947/48) zelebriert im ersten Satz 'Die Freiheit führt das Volk'. Dieser Kopfsatz war ursprünglich konzipiert als 'Heroes of Today' und Antheils Erfinder-Freundin Lamarr gewidmet. Es ist allerdings keine sonderlich französisch anmutende Musik, auch nicht in den folgenden beiden Sätzen. In den 1950er-Jahren nannte ein US-Musikwissenschaftler diese Symphonie ‚hohl und Hollywood-artig‘. Die Zitate von patriotischen Liedern im Finale erinnern an Charles Ives. Und sind ‚überschwänglich amerikanisch‘, wie ein anderer Kritiker wohlwollender meinte. Auch hier hätte ich mir von Dirigent Storgård und dem BBC-Orchester mehr Pathos und Mut gewünscht, Extreme bewusst anzusteuern. Um die Musik wirklich lebendig werden zu lassen.

Dieser Mangel an Mut, auch zur ironischen Übertreibung, wird im letzten Stück besonders deutlich: 'Spectre of the Rose Waltz' (1946) basiert auf der Filmmusik zu 'Specter of the Rose', ein Film noir von Ben Hecht. Da werden bewusst altmodische Walzerklänge heraufbeschworen für eine düstere Mordgeschichte um einen Balletttänzer, der seine erste Ehefrau umgebracht hat und nun scheinbar auch seine zweite auf die gleiche Weise loswerden will. Um noch einmal das Wort ‚Flair‘ zu verwenden: Dieser fehlt hier in der BBC-Wiedergabe vollkommen. Und das ist wirklich schade, denn das zusammen mit dem Plattenlabel Chandos realisierte CD-Projekt, US-amerikanische Komponisten des 20. Jahrhunderts vorzustellen, ist großartig und sollte eigentlich von mehr Freude am Musizieren leben.

Viel zu entdecken

In einer weiteren Ausgabe der Chandos-Reihe sind mit dem gleichen Dirigenten Antheils einstmals erfolgreiche 4. Symphonie ('1942') zu hören sowie die 'Fröhliche' 5. Symphonie (es gibt von ihm auch eine 'Tragische' Fünfte). Ob diese Chandos-Veröffentlichungen ein neues Interesse an Antheil anstoßen werden, muss man abwarten. Die Booklet-Texte von Mervyn Cooke sind hochinformativ, obwohl seltsamerweise das Frequenzsprung-Verfahren nicht erwähnt wird und aus der Biografie zwar zitiert, aber zum Bad-Boy-Image nur am Rande etwas gesagt wird. Offensichtlich bleibt zu Antheil noch genug zu entdecken, genau wie der US-amerikanischen Symphonik des mittleren 20. Jahrhunderts definitiv auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, um das, was in der Nachkriegszeit hierzulande passierte, in einen größeren internationalen Kontext zu setzen – jenseits von Elfenbeinturm-Eliten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Antheil, George: Symphony No.3 & 6, Archipelago, Hot-Time Dance: BBC Philharmonic, John Storgards

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD
095115198223


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Antheil, George


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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