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Sonntag, 21. April 2019

Klingende Toleranz - Leipziger Synagogalchor, Ludwig Böhme

Im Rückblick


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein zweifellos interessantes, aus heutiger Sicht vielleicht erratisch programmiertes Konzert, engagiert und qualitätvoll lebendig gemacht von Ludwig Böhme und seinen Mitstreitern.

Die Musikstadt Leipzig treibt vielerlei Blüten. Eine besonders interessante spiegelt eine jetzt beim Label Querstand erschienene Platte, auf der die Rekonstruktion eines Konzertes präsentiert wird, das am 14. März 1926 zur Mittagszeit in der großen Leipziger Synagoge stattfand. Vom damaligen Chorleiter der Synagoge, Barnet Licht, mit dem Ziel veranstaltet, das vielfältige Leben der jüdischen Gemeinde in der Messestadt nach außen zu öffnen, zu zeigen, was auch an kulturellem Vermögen vorhanden . Ludwig Böhme, Sänger beim Calmus Ensemble, dazu Leiter des Kammerchors Josquin des Préz und des Leipziger Synagogalchors, hat das Programm jenes Konzerts jetzt neu zum Leben erweckt, mit seinen beiden Chören im Mittelpunkt; dazu tritt eine Reihe weiterer versierter Künstler.

Die Programmfolge wirkt aus heutiger Sicht erratisch und ist doch zeittypisch zu nennen: Kleine Auszüge aus größeren Werken in sehr verschiedenen Besetzungen, große Sprünge durch die Epochen, auch Bearbeitungen älterer Werke nach zeitgemäßer Ästhetik – all das, was damals auch Konzertprogramme beliebiger Stadttheater landauf landab prägte, ist auch hier zu finden. Zerklüftet vielleicht, aber eben ganz im Rahmen des Zeitüblichen und damit auch den Hörgewohnheiten jener Tage entsprechend. Für den heutigen Rezipienten ist es eine spannende Höraufgabe, sich auf derart wechselnde Beiträge einzulassen.

Jüdisches Leipzig

Spannend ist das Programm auch aus einem anderen Grund: Es ist geprägt von den Arbeiten jüdischer Komponisten, die nicht alle bekannt oder gar viel gespielt und gesungen waren und sind. Den Anfang macht aber die Fantasie g-Moll BWV 542 von Johann Sebastian Bach, ein gewaltiges Entrée und zugleich eine laut tönende Reverenz an die protestantische Tradition Leipzigs. Der Bogen reicht daran anschließend vom Monteverdi-Zeitgenossen Salomone Rossi (ca. 1570 – ca. 1630) bis ins 19. Jahrhundert mit Felix Mendelssohn Bartholdy und Salomon Jadassohn (1831–1902) oder deutlich ins 20. Jahrhundert hinein, repräsentiert durch den famosen Arnold Mendelssohn (1855–1933). Dazu tritt Gottesdienstliches von Louis Lewandowski (1821–1894) und Samuel Lampel (1884–1942), zum Zeitpunkt des Konzerts 1926 Hauptkantor der Leipziger Synagoge. Und es gibt paraphrasierte Ausschnitte aus repräsentativen Werken, aus Händels 'Deborah' oder Mendelssohns 'Paulus', dazu als Stück mit der größten Ausdehnung 'La Follia' von Arcangelo Corelli in einer romantischen Bearbeitung für Violine und Orgel von Hubert Léonard (1819–1890). Das Ziel der Organisatoren damals war es, Transparenz zu demonstrieren, zu zeigen, wie eng die Verbindungen sind. Es ging ihnen darum, die Menschen einzuladen, die nichts vom jüdischen Leben wussten, um Verständnis füreinander zu werben. All das ganz und gar unbefangen zu hören fällt heute nicht leicht, in dem Wissen, wie dieses Bemühen nur wenig später hinweggefegt wurde, wie brutal die ausgelöscht wurden, die diese Kultur lebendig sein ließen. So wie Samuel Lampel, der 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Es ist eine Konzertrekonstruktion, die wehmütig sein lässt und die vieles evoziert, weit über die Musik hinaus.

Engagierte Könner

Doch der Musik soll hier die Aufmerksamkeit gelten: Die beiden Chöre werden von Ludwig Böhme in einiger Größe und Geschlossenheit der Register präsentiert, in den liturgischen Gesängen eher auf flächige Wirkungen hin orientiert – Werke, die ihre Wirkung auf diese Weise im Zusammenspiel mit der Orgel unbedingt entfalten. Chorischer Höhepunkt ist zweifellos die hochattraktive Motette 'Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird' von Arnold Mendelssohn – übrigens ein Komponist, dessen Werk in den vergangenen Jahren sehr zu Recht wieder stärker in den Fokus ambitionierter Chöre geraten ist. Hier zeigen sich die chorischen Mittel, die Böhme mobilisieren kann, endgültig von der besten Seite, wird fein differenziert und in reicher gestischer Varianz gesungen. In den gottesdienstlichen Sätzen ist der Bass Assaf Levitin zu hören, aktuell Kantor der jüdischen Gemeinde in Hannover: Mit seinem voluminösen, modulationsfähigen Organ verleiht er der Musik Würde und Wirkung. Böhmes Calmus-Kollegin Anja Pöche glänzt in ihren oratorischen Einwürfen von Händel und Mendelssohn mit klarem Stimmstrahl und linearer Eleganz. Diese klingende Sphäre setzt die Altistin Susanne Langner in den beiden geistlichen Liedern op. 96 von Mendelssohn ebenso schön ins tiefere Register fort.

Bleiben noch die instrumentalen Anteile: Tilmann Löser steuert auf der Sauer-Orgel der Leipziger Thomaskirche, in der diese Aufnahme entstand, luzide gezeichnete Begleitungen bei. Thomasorganist Ullrich Böhme sichert Bach einen gewaltigen Auftritt in romantischem Gewand. Und die Violine von Henrik Hochschild, stellvertretender erster Konzertmeister am Gewandhaus, geriert sich als stark romantisierende Botschafterin des Barock, spieltechnisch unangefochten, ästhetisch interessant: ein vorzüglicher Vortrag, entschieden in der romantisch-lyrischen Geste. Das Klangbild beinhaltet einen erstaunlich souverän gebändigten Raum, ist dazu geprägt von einer feinen Balance auch heikler Konstellationen: Sopran, Violine und Orgel unter den Bedingungen der Leipziger Thomaskirche gleichermaßen zur Geltung und miteinander in Kontakt zu bringen, ist durchaus heikel.

Ein zweifellos interessantes, aus heutiger Sicht vielleicht erratisch programmiertes Konzert, engagiert und qualitätvoll lebendig gemacht von Ludwig Böhme und seinen Mitstreitern. Es gelingt ihm, die spätromantisch getönte Brille aufzusetzen, die dem Zugriff auf diese stilistisch sehr verschiedene Musik im Jahr 1926 zweifellos gerecht wird. Zugleich ist die Platte Erinnerung an eine untergegangene Welt – eine Platte, die Freude macht und doch immer wieder den Hals eng werden lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Klingende Toleranz: Leipziger Synagogalchor, Ludwig Böhme

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
16.01.2019
EAN:

4025796018127


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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