> > > Mayr, Johann Simon: I Cherusci: Simon Mayr Chorus, Concerto de Bassus, Franz Hauk
Dienstag, 16. Juli 2019

Mayr, Johann Simon: I Cherusci - Simon Mayr Chorus, Concerto de Bassus, Franz Hauk

Blutarme Rarität


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nun kann man preiswert Johann Simon Mayrs 'I Cherusci' hören und die hauseigene Mayr-Bibliothek erweitern. Lust auf eine Wiederholung oder gar szenische Wiederbelebung dieser Opernrarität macht die Einspielung aber nicht.

Der Reigen an Opern von Johann Simon Mayr (1763– 1845) beim Label Naxos geht weiter. Seit vielen Jahren bemüht sich der Dirigent Franz Hauk um eine Ausgrabung nach der anderen – alles im Sinne einer Wiederbelebung oder zumindest mit der Absicht, auf das außerordentlich vielseitige Schaffen des bayerischen Komponisten aufmerksam zu machen. Denn viele von Mayrs Werken werden vernachlässigt oder sind schlicht vergessen. Dabei ist der Komponist ein überaus wichtiges ‚Missing link‘ der italienischen Operngeschichte zwischen Mozart und Rossini. Seine 'Medea in Corinto' hat es immer mal wieder im Hinblick auf große Interpretinnen auch im 20. Jahrhundert auf die Opernbühne geschafft – man denke nur an Leyla Gencer in der Titelrolle –, aber all die anderen Mayr-Opern haben in puncto Nachhaltigkeit wenig vorzuweisen. Franz Hauk und Naxos ist es zu verdanken, dass Johann Simon Mayrs Schaffen zumindest auf Tonträger nachvollziehbar bleibt, und das noch zu kleinen Preisen. Dieses kontinuierliche Bemühen darf nicht zu geringgeschätzt werden.

Fehlende Theatralität

Allerdings beweist der Dirigent zum wiederholten Male in Sachen Oper kein glückliches Händchen. Die neueste Weltersteinspielung kommt als Opernerlebnis nicht vom Fleck, weil alles recht schulmeisterlich brav, umsichtig und vollkommen untheatral klingt. Vielleicht hat aber auch das Werk an sich eine Teilschuld an diesem Höreindruck: 'I Cherusci' ist eine Art späte Opera seria, die Mayr 1808 für Venedig komponierte. Im Beiheft wird die politisch brisante Komponente des Librettos betont, eine Geschichte verfeindeter Germanenstämme zu Zeiten des gallischen Krieges – im Italien des beginnenden 19. Jahrhunderts eine recht klare Botschaft gegen die Fremdherrschaft. Den Zündstoff hat die Handlung heute ein wenig eingebüßt, zumal sie in der vorliegenden CD-Ausgabe auch nur schwer nachvollziehbar ist. Die Inhaltsangabe gleicht eher einem Teaser, der die Spannung beim Publikum schüren möchte, sich aber dann, wenn es kompliziert wird, verallgemeinernd aus der Affäre zieht. Selbst das Ende der Oper ist einzig als ‚Showdown‘ beschrieben. Was genau passiert und wie vor allem die Auflösung des zwischen Verwirrung und Langeweile pendelnden Librettos aussieht, bleibt einzig denen vorbehalten, die Italienisch verstehen. Ein Abdruck des Librettos liegt nämlich, trotz unzureichender Inhaltsangabe, nicht bei.

Die Musik Mayrs verzichtet auf große Effekte, klingt ein wenig nach einem 'Clemenza di Tito'-Echo oder erahnt Wendungen eines Rossini. Alles ist auf eine gehörige Portion Intimität ausgerichtet, wobei sich immer wieder die Frage stellt, ob aus den einschmeichelnden Melodiebögen und Ensemblekonstellationen nicht ein Maß mehr an musikalischer Dramatik zu holen gewesen wäre. Mit Sorgfalt gehen Hauk und sein Originalklang-Orchester Concerto de Bassus zu Werke. Die Tempi sind allgemein eher gemächlich, belebende Rubati gibt es kaum. Hinzukommt, dass die Eloquenz des Musizierens auf den historischen Instrumenten durchaus noch Luft nach oben hätte. Es wäre Hauk zu wünschen, mehr Mut zum Ausdruck an den Tag zu legen und gerne ein Quantum Akkuratesse einzubüßen. Der Simon Mayr Chor und die Mitglieder des Chors der Bayerischen Staatsoper entledigen sich ihrer Aufgabe tadellos mit großer Souveränität.

Stimmschönes Ensemble

Wie gewohnt hat Franz Hauk ein äußerst stimmschönes Sängerensemble um sich versammelt, das aber vor allem im Bereich der Frauenstimmen deutlichere Abstufungen bräuchte. Am eindrucksvollsten agiert Katharina Konradi als Ercilda. Neben der in dieser Einspielung vorherrschenden oratorienhaften Vokalkunst besitzt Konradi hörbar Theaterblut. Sie packt im Rahmen der Möglichkeiten auch mal herzhaft zu, gestaltet im Sinne der dramatischen Szene und ist somit ein wirkliches Highlight dieser 'Cherusci'. Yvonne Prentki als Tusnelda und Andrea Lauren Brown als Tamaro bleiben in erster Linie dem Schönklang verpflichtet. Bei Prentki blitzt an wenigen Stellen eine Tendenz zur Expressivität auf, die aber schnell wieder hinter einer technisch tadellosen und klanglich zauberhaften Ausformulierung des Notentextes verschwindet. Andrea Lauren Brown läuft mit ihrer instrumentalen Stimmführung ebenfalls Gefahr, eintönig zu agieren. Sie verfügt über ein beneidenswertes Legato und blitzsaubere Koloraturen, aber die Figurenzeichnung eines eifersüchtigen und kämpferischen jungen Mannes will ihr nicht gelingen. Ihre stärksten Momente hat Brown im Duett mit Tusnelda und in den freier behandelten Rezitativen, die sie ausdrucksstark gestaltet.

Gleich vier Tenöre sind in 'I Cherusci' vonnöten: Markus Zeitler nutzt seinen kurzen Auftritt als Herold mit Verve, Harald Thum leiht im zweiten Akt dem Cheruskerfürsten Dunclamo seinen charakteristischen Tenor, während Uwe Gottswinter als Carilo und Markus Schäfer als Treuta die großen Aufgaben meistern. Die beiden Letzteren sind klug besetzt, da vor allem der reifere Tenor von Markus Schäfer die notwendige väterliche Note für den im Zentrum stehenden Markomannen-König Treuta besitzt. Schäfer beeindruckt noch immer mit seiner Höhensicherheit und der elegant feinen Phrasierung. Freilich fehlt auch hier eklatant die theatrale Note. Vieles klingt blutarm und mit soviel Bedacht auf die musikalisch einwandfreie Ausformung, dass alles Opernhafte auf der Strecke bleiben muss. Treuta ist in Schäfers Interpretation weniger ein Krieger als vielmehr ein zerbrechlicher Vater mit Evangelisten-Vergangenheit. Da wünscht man sich tatsächlich an vielen Punkten einen Tenor wie Uwe Gottswinter, der mehr royalen Eindruck macht und kraftvoller zupackt, ohne seine lyrische Stimme unter Druck zu setzen. Als Carilo ist er bestens eingesetzt, als Treuta klänge er vermutlich zu jung. Als Druiden-Oberpriester Zarasto komplettiert Andreas Mattersberger mit runder, prachtvoller Bassstimme das Ensemble. Nun kann man also preiswert Mayrs 'I Cherusci' hören und die hauseigene Mayr-Bibliothek erweitern. Lust auf eine Wiederholung oder gar szenische Wiederbelebung dieser Opernrarität macht die Einspielung aber nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Mayr, Johann Simon: I Cherusci: Simon Mayr Chorus, Concerto de Bassus, Franz Hauk

Label:
Anzahl Medien:
Naxos
2
Medium:
EAN:

CD
730099039970


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Mayr, Johannes Simon


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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