> > > Bruckner, Anton: Symphonie Nr. 9: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons
Montag, 23. September 2019

Bruckner, Anton: Symphonie Nr. 9 - Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons

Unprätentiöser Bruckner


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dem BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons gelingt eine – auch dreisätzig – vollgültige Interpretation von Bruckners Neunter Symphonie.

Noch lebende Zeitzeugen dafür gibt es nicht, angeblich wollte Anton Bruckner aber nach eigener Aussage die Symphonie d-Moll WAB 109, über der er verstarb, ‚dem Lieben Gott gewidmet‘ wissen. Live in der Philharmonie im Münchner Gasteig entstand diese Interpretation des BR-Symphonieorchesters unter Mariss Jansons schon im Januar 2014 und erscheint nun beim hauseigenen Label BR-Klassik. Die Produktion steht in der Kontinuität früherer Aufnahmen – schon die Siebte und Achte hatten der Klangkörper und sein langjähriger Chef (wenn auch nicht in chronologischer Reihenfolge und am selben Ort) gemeinsam eingespielt.

Sukzessive Entwicklung

Zu hören ist die 1894er-Fassung. Den Gipfel von Bruckners symphonischem Schaffen erklimmen die Münchner von Anfang an zielstrebig, aber mit der nötigen klanglichen Umsicht. Die Entwicklung heraus aus den Tiefen des bis zu dreifachen Pianissimo der Eingangstakte bis zum ebenso hoch dosierten Fortissimo vollzieht sich in kontrolliertem Spannungsaufbau. Jansons erliegt dabei nicht der Gefahr, bereits zu Beginn sämtliches dynamisches Pulver zu verschießen, und folgt stringent der Vorgabe ‚allmählich etwas belebend‘ aus der Feder des Komponisten. Auch sonst balanciert er die Kräfteverhältnisse der Partitur wohlüberlegt aus. Bruckner-typisch eskalierende Blech-Salven werden nicht um des bloßen Knalleffekts willen abgefeuert, sondern ergeben sich schlüssig aus dem sukzessiv entwickelten Kontext. Umgeben werden sie von einem luftig gewobenen Streicher-Netz. Wo Bruckner hier ein ‚breit gestrichen‘, dort ein ‚sehr weich‘ oder ein ‚zögernd‘ fordert, setzt Jansons all dies konsequent um.

Akribisch verwaltet

Die fast im Nichts verschwindenden Pausen ausgangs des Kopfsatzes erhalten maximale Ausdruckskraft, mit der auch die krassen Gegensätze zwischen den sich anfänglich vorsichtig annähernden Pizzicato-Takten des Scherzo, den kurz darauf mit vehementer rhythmischer Schwere pochenden Passagen, dann wieder leicht schwebenden Holzbläser-Sphären dargestellt werden. Dezidierte Vortragsanweisungen Bruckners wie ‚Poco a poco crescendo‘ verwaltet Jansons weiterhin akribisch. Strahlendes Tutti im Adagio, flimmernd tremolierende Streicher-Grundierung im C-Teil und eine zum Schluss hin wiederum kontrolliert gesteigerte Klangoffensive ergeben ein ausgefeiltes Gesamtbild, das sich mit nichts oberflächlich zufriedengibt, sondern stets bis ins Innerste dieses gewaltigen Kosmos vordringen will. Mutmaßliche Ergänzungen im Sinne der an sich gewollten Vollendung braucht diese Interpretation nicht – sie ist ausdrucksstark genug, um für sich selbst zu sprechen. Am Ende steht die Erkenntnis: Jansons Dirigat kann es auf seine Weise durchaus mit demjenigen eines ehemaligen Münchner Kollegen aufnehmen, der bis heute als legendärer Bruckner-Exeget gilt. Gemeint ist natürlich Sergiu Celibidache, dessen Ansatz radikaler, von teils ungezügelter Extrovertiertheit ist. Jansons Deutung nimmt sich im Vergleich dazu kontrollierter, unprätentiös reflektiert und etwas enger am Notentext orientiert aus. Beide haben etwas für sich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Symphonie Nr. 9: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
1
01.02.2019
057:14
2014
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719001730
900173


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Bruckner, Anton


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" „Es scheint, die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe“ – so orakelte Arnold Schönberg über Gustav Mahler, der gestorben war, ohne je seine Neunte Symphonie gehört zu haben. Auch Anton Bruckner soll Angst vor der fatalen Zahl gehabt haben: „I’ mag dö Neunte gar net anfangen, i’ trau mi nöt“. Trotzdem begann er sehr bald nach Beendigung der Achten Symphonie, im September 1887, mit seinen ersten Entwürfen. Insgesamt zog sich die Arbeit an der Neunten dann über den langen Zeitraum von 1887 bis 1896 hin und musste aufgrund des sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustandes des Komponisten immer wieder unterbrochen werden. Schließlich verstarb Bruckner während der Arbeit am vierten Satz – das „dem lieben Gott“ gewidmete Meisterwerk blieb unvollendet. Der dreisätzige Torso ist freilich auch ohne ein Finale höchst beeindruckend. Die vollendeten Sätze wurden am 11. Februar 1903 in Wien zum ersten Mal aufgeführt; der Dirigent Ferdinand Löwe hatte aber eine eigene und sehr eigenwillige Bearbeitung geschaffen, die Bruckners Orchestration dem Wagnerschen Klangideal annäherte und sogar in die originale Harmonik eingriff. Lange Zeit wurde Löwes Bearbeitung als Bruckners Original angesehen. Erst, als man wieder die originale Partitur berücksichtigte, war die eigentliche Uraufführung der ersten drei Sätze am 2. April 1932 in München möglich. Die früheste Schallplatteneinspielung dirigierte Siegmund von Hausegger mit den Münchner Philharmonikern im April 1938. Seitdem ist Bruckners Neunte ein wesentlicher Bestandteil des spätromantischen symphonischen Repertoires: in der Originalfassung, mit einer der zahlreichen Finalsatz-Rekonstruktionen oder mit Bruckners „Te Deum“ als Ersatz des Finales. Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks stellten im Januar 2014 die originale Fassung der drei vollendeten Sätze dem Münchner Publikum in der Philharmonie im Gasteig zur Diskussion. Der langsame Satz macht an seiner jetzigen Position keine schlechte Figur und verhilft der Symphonie zu einem würdigen Schluss. Was will man mehr als diesen Abgesang, der zwischen Leid und Verheißung auspendelt und entschwebt als Vision von Ruhe und Frieden? – Der Mitschnitt jenes Münchener Konzertereignisses erscheint nun bei BR Klassik als CD: die mustergültige Interpretation einer der wesentlichsten Kompositionen des symphonischen Repertoires der Spätromantik in ihrer Originalfassung. "


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 70 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm und Peter Alward als A&R-Consultant konnte der Bayerische Rundfunk zwei erfolgreiche, externe Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

Als logische und konsequente Fortsetzung der Surround-Sound-Offensive im Hörfunkprogramm von Bayern 4 Klassik, das ausgewählte Sendungen im Mehrkanalton und mit erhöhter Datenrate überträgt, werden auch die Tonträger-Veröffentlichungen des Öfteren als audiophile SACD produziert. Die Hybrid-SACD-Tonträger lassen sich als herkömmliche CD abspielen, enthalten aber auch eine Stereo-Spur im hochauflösenden DSD-Format sowie eine Mehrkanal-Fassung in 5.0 bzw. 5.1-Surround.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Neue Aufnahmen werden im Highprice-Segment veröffentlicht, die CDs der ARCHIVE- und WISSEN-Serie auf Midprice. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Musicload u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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