> > > Graener, Paul: Orchestral Works IV: Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer
Sonntag, 21. April 2019

Graener, Paul: Orchestral Works IV - Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer

Spätromantiker mit fataler Nähe zum NS-Regime


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser CD setzt cpo die Erkundungen im Schaffen von Paul Graener fort. Die drei hier versammelten Instrumentalkonzerte zeigen ihn als zwar konservativen, aber inspirierten Tondichter.

Selbst bei einer wohlwollenden Betrachtung der Biographie von Paul Graener (1872–1944) muss man festhalten, dass er dem Nationalsozialismus nahestand. Er trat bereits 1933 der NSDAP bei und ließ sich vom Regime regelrecht hofieren, als Nachfolger Furtwänglers wurde er 1934 Vizepräsident der sog. ‚Reichsmusikkammer‘. So kann eine Vernachlässigung seines Schaffens nach 1945 kaum überraschen, und das Wiederaufgreifen seiner Kompositionen in den letzten vier, fünf Jahren erfolgt sicherlich nicht ganz zufällig, sondern dürfte konkrete ökonomische Gründe haben: Seit 2014, also seit Auslaufen der 70jährigen urheberrechtlichen Schutzfrist, sind für Graeners Werke keine Tantiemen mehr fällig. Lässt man diese beiden Aspekte einmal kurz beiseite, kann man sich natürlich durchaus vorurteilsfrei der Musik widmen und fragen: Wie klingt sie eigentlich, hat sie eine Chance verdient? Auf der vorliegenden CD befinden sich drei Instrumentalkonzerte für Cello, Violine und Flöte. Ulf Schirmer dirigiert das Münchner Rundfunkorchester, die Solisten sind Uladzimir Sinkevich im Cellokonzert op. 78, Henry Raudales im Violinkonzert op. 104 und Christiane Dohn im Flötenkonzert op. 116.

Formal stehen alle drei Konzerte im traditionellen Rahmen (Satzfolge schnell – langsam – schnell) und sind relativ kompakt konstruiert, Cello- und Flötenkonzert dauern jeweils nur etwas über eine Viertelstunde. Sein op. 78 widmete Graener dem Cellisten Paul Grümmer und stellte dem Solisten ein Kammerorchester gegenüber; die Gefahr so manchen Cellokonzertes, dass der große symphonische Apparat das Cello klanglich zudeckt, wird so schon durch die Besetzung abgefangen. Nach einer kurzen Orchestereinleitung steht der Solist fast pausenlos im Zentrum des Geschehens, und Sinkevich lässt sich diese Gelegenheit zur virtuosen Entfaltung nicht entgehen. Mit hoher Präzision und ausgefeilter dynamischer Gestaltungskraft geht er den Kopfsatz an und hält dieses Niveau über das gesamte Werk.

Verkappter Romantiker

Das sparsam besetzte, aber durch Hinzufügen eines Klaviers klanglich geschärfte Orchester wird von Schirmer zu einer dezenten – manchmal vielleicht etwas zu dezenten – Begleitung angehalten; am besten entfalten können sich die Orchestermusiker im Mittelsatz, der Graener als verkappten Romantiker zeigt. Wie Sinkevich hier regelrecht auf seinem Cello singt, kann sich wirklich hören lassen. Schade nur, dass das Finale mit einer pseudo-heiteren, kaum überzeugenden Grundstimmung dann recht uninspiriert heruntergespult wird – eine Lösung des bekannten Finalproblems ist dem Komponisten hier jedenfalls nicht gelungen. Insgesamt kann Graeners op. 78 aber dennoch überzeugen, zumindest als Nachklang der romantischen Konzerttradition – von der musikalischen Moderne war der Tondichter denkbar weit entfernt.

Das 1937 von Wilhelm Stross uraufgeführte Violinkonzert beginnt mit einem vergleichsweise ausgedehnten Kopfsatz, in dem Graener noch weiter ins 19. Jahrhundert zurückblickt – klangliche Herbheiten, die im Cellokonzert durchaus vorkommen, gibt es hier kaum. Tonschönheit und lyrische Beredsamkeit spielen die Hauptrollen, zwei Eigenschaften, über die Raudales reichlich verfügt. Auch wenn der Orchestersatz hier bisweilen etwas ‚dicker‘ ist als in op. 78, der Solist also hier und da forcieren muss, um sich gegen das Orchester durchzusetzen, ist der Gesamteindruck doch positiv. Eine erstklassige violinistische Leistung und eine gute Klangbalance tragen hierzu einen wesentlichen Teil bei. Durch Graeners manchmal etwas einseitige Aneinanderreihung melodischer, konfliktarmer Passagen wirkt das Stück allerdings im Kontext seiner Zeit – man denke etwa an die Violinkonzerte von Berg oder Schönberg – fast schon anachronistisch. Wer sich daran nicht stört, wird dem Werk sicherlich etwas abgewinnen können.

Und das Flötenkonzert? In starkem Kontrast zu den Entstehungs-Umständen des Jahres 1944 wählte der Komponist hier das Lied 'Freut euch des Lebens' als Grundlage für das abschließende Rondo, auch die ersten beiden Sätze strahlen Optimismus und Heiterkeit aus. Christiane Dohn bereitet der anspruchsvolle, manchmal auch etwas undankbare Solopart keinerlei Probleme, die Balance zwischen Solistin und Orchester ist ähnlich gut ausgewogen wie im Cellokonzert. Als Bereicherung im nicht gerade riesigen Repertoire der (spät-)romantischen Flötenkonzerte kann sich das Werk in jedem Fall behaupten, auch wenn es von seiner Tonsprache her ebenso gut hundert Jahre früher hätte entstehen können.

Graeners Konzerte haben also von ihrer Anlage und ihrer musikalischen Substanz her ohne Zweifel eine Chance verdient. Die hier versammelten Interpretationen des Münchner Rundfunkorchesters sind starke Plädoyers für einen im Grunde im 19. Jahrhundert verwurzelten Komponisten, über dessen letztem Lebensabschnitt freilich der Schatten der deutlichen Nähe zu den nationalsozialistischen Machthabern stand. Insofern wirkt der Versuch von Beiheft-Autor Knut Andreas, aus Graeners Einsatz für jüdische Komponisten und Verleger eine Art ‚Widerstand light‘ zu konstruieren, wenig überzeugend. Beschränkt man sich allerdings auf eine Bewertung von Graeners Musik, gibt es keinen Grund, an deren Qualität zu zweifeln.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graener, Paul: Orchestral Works IV: Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
EAN:

761203796526


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Graener, Paul
 - Cello Concerto op.78 - Allegro
 - Cello Concerto op.78 - Adagio
 - Cello Concerto op.78 - Vivace
 - Violin Concerto op.104 - Allegro moderato
 - Violin Concerto op.104 - Langsam und verhalten
 - Violin Concerto op.104 - Allegro ma non troppo, ben marcato
 - Flute Concerto op.116 - Un poco Allegro ma moderato
 - Flute Concerto op.116 - Andantino
 - Flute Concerto op.116 - Rondo Freut Euch des Lebens


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Dirigent(en):Schirmer, Ulf
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester
Interpret(en):Raudales, Henry
Sinkevich, Uladzimir
Dohn, Christiane


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
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