> > > Heinichen, Johann David: Flavio Crispo: Stuttgarter Barockorchester, Jörg Halubek
Donnerstag, 21. März 2019

Heinichen, Johann David: Flavio Crispo - Stuttgarter Barockorchester, Jörg Halubek

Sensationelle posthume Uraufführung


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jörg Halubek, Il Gusto Barocco und ein blendend aufgelegtes Ensemble lassen ihrer Begeisterung für Heinichens vergessene Oper 'Flavio Crispo' freien Lauf und stecken den Hörer mit ihrer Spielfreude und ihrem Können an.

Zwischen der Komposition von Johann David Heinichens (1683–1729) großer italienischer Oper 'Flavio Crispo' und ihrer Uraufführung liegen beinahe 300 Jahre. Vermutlich geschrieben für die Karnevalsaison 1720, verschwand die frühe Opera seria ungespielt in der Versenkung. Erst im Jahr 2016 hoben Jörg Halubek und sein Originalklangorchester Il Gusto Barocco das unerhörte Meisterwerk in Stuttgart aus der Taufe. Und diese Erstbelebung zeigt deutlich, dass der 'Flavio Crispo' mitnichten aus Qualitätsgründen ignoriert wurde, sondern Opfer der zeitlichen Umstände war. Es ist überliefert, dass es eine folgenschwere Streiterei mit dem geplanten Hauptdarsteller Senesino und Heinichen gegeben haben soll, in deren Verlauf sogar die Papierfetzen geflogen sein sollen. Wie auch immer – 'Flavio Crispo' wird bis sehr lange nach Heinichens Tod auf keiner Bühne gegeben.

Nicht ganz drei Jahre nach der posthumen Stuttgarter Uraufführung kommt nun der Livemitschnitt dieses Ereignisses vom 18. Juni 2016 auf drei klanglich ansprechenden CDs beim Raritätenlabel cpo heraus. Was da nun so optisch unspektakulär und ohne namhafte Barockstars, mit denen Decca und Konsorten für ihre Ausgrabungen locken, auf interessierte Käufer wartet, ist wirklich eine kleine Sensation – sowohl die Oper an sich als auch die lebendige und mitreißende Interpretation aller Mitwirkenden. Zugegeben, das Libretto ist mit seinem Personal von sieben Protagonisten ein extrem krudes Spiel mit Intrigen und Liebeleien. Da fehlt nichts, was das damalige Publikum vermutlich gut unterhalten hätte: liebende Jungkaiser, Eifersuchtsarien, Bravourstücke, Enttäuschungen, Väter, die ihre Söhne zum Tod verurteilen, treue Freunde und verschmähte Liebende. Der rote Faden ist kaum nachzuvollziehen, so kompliziert und hanebüchen ist die Geschichte. Aber das macht nichts, weil die farben- und einfallsreiche Partitur Heinichens über diese Textgrundlage hinwegtröstet.

Melodienfülle und Affekte

 

Der Komponist geht fast schon verschwenderisch mit seinen Melodieeinfällen und seiner Affektdramaturgie um. Allein im ersten Akt kommt man aus dem Staunen kaum heraus, weil ständig etwas Neues geboten wird: neue Instrumentationseffekte, eine breite Palette an Gefühlszuständen, kurze, knackige Rezitativpassagen, die zur nächsten fesselnden Nummer überleiten. Daran sind auch Jörg Halubek und Il Gusto Barocco nicht ganz unschuldig. Wie sie mit Begeisterung Heinichens Musik aufblühen lassen, ist eine pure Freude. Das Orchester ist ungewöhnlich groß und damit besonders farbig besetzt. Verspielt agiert die gewitzte Continuogruppe, die fernab von Langeweile oder Eintönigkeit die Rezitative zu begleiten versteht. Schon lange hat man keine so quicklebendige Barockausgrabung gehört, die auf Grund ihres Ideenreichtums und entsprechend fantasievoller Ausführung jede Vorhersehbarkeit vermissen lässt. Hier klingt nichts nach Standard oder Routine – alles ist von Frische, großer Sachkenntnis und blanker Spielfreude durchzogen.

Zudem kann sich dieser 'Flavio Crispo' mit einem Ensemble rühmen, das es in sich hat. Der Countertenor Leandro Marziotte in der Titelrolle ist schlicht ein Abräumer. Sein Stimmklang ist ungemein sexy, in allen Registern gut ausgeglichen und koloraturensicher agiert der Sänger auch. Marziottes Gesang ist aufregend. Er beherrscht die bravourösen Passagen ebenso wie die zarten und intimen Momente. Seine Arien sind unbestrittene Höhepunkte dieser Uraufführung. Nina Bernsteiner als Gilimero steht dem brillanten Kollegen in nichts nach. Mit schimmerndem Sopran begeistert sie in allen geforderten Affekten, schleudert die Koloraturen und Spitzentöne mit Verve hinaus und überzeugt bei aller Expressivität durch ihre stupende Technik. Zudem gelingt es ihr ganz wunderbar, ihrem Sopran die nötige männliche Färbung abzugewinnen, um ein glaubwürdiges Rollenporträt zu zeichnen.

Als intrigante und emotional derangierte Fausta trumpft Alessandra Visentin mit abgrundtiefen Alttönen auf. Ihre Stimme wirkt in manchen Lagen etwas unausgeglichen, passt aber hervorragend zur Zerrissenheit ihrer Figur. Das 'Crude porte diserratevi' aus dem dritten Akt ist durch Visentins Ausdrucksstärke ein Showstopper. Auch Dana Marbach glänzt als Elena mit blitzenden Höhenflügen auf einem soliden lyrischen Fundament. Ihre Nummern haben das Potential zur Klangmagie, sowohl im Hinblick auf ihre vokalen Zaubereien als auch wegen Heinichens Raffinesse. Man höre nur einmal den schwerelos abhebenden Mittelteil von 'Non tutta renda si l‘alma al rigore' oder die todesnahe Entrücktheit in Elenas letzter Arie im dritten Akt. Marbach findet einen klugen und restlos überzeugenden Umgang mit Farben und Dynamik und zugleich hebt sich ihre Stimme wunderbar vom metallischen Sopran von Nina Bernsteiner ab.

Unverwechselbares Timbre

Überhaupt ist hier eine Besetzung gelungen, die beim Hören die Unterscheidung der Charaktere nicht unnötig erschwert. Jede Künstlerin und jeder Künstler zeichnet sich durch ein unverwechselbares Timbre aus – so auch die Altistin Silke Gäng als Imilee mit emotionaler Tiefe und wundervoller Phrasierung. Als Massenzio führt Tobias Hunger seinen leicht edelknödligen Tenor mit Eleganz, Tonschönheit und großer Agilität durchs musikalische Geschehen, während einzig Ismael Arróniz in der Rolle des Kaisers Costatino qualitativ deutlich hinter seinen Mitstreitern zurückbleibt. Sein leicht knorriger Bass mit ordentlichem Vibrato verrät schwerere Partien. Stilistisch hat er es bei Heinichens Anforderungen schwer, obwohl er durchaus schöne Momente kreiert, wie zu Beginn von 'Bella pace, in più placide cure'. Ohne Druck lässt er einen lang gehaltenen Ton klangvoll schweben und trifft mit diesem kleinen Kunststück den Nerv der Musik. Was danach kommt, ist ihm ohrenfällig technisch fremd und der testosteronhaltige Dauerdruck vermeidet entsprechende Flexibilität. Im zweiten Akt verbessert sich der Eindruck ein wenig, aber wirklich mithalten kann Arróniz bis zum Ende nicht.

Zum Schluss sei bei dieser Veröffentlichung noch auf die etwas nachlässige Sorgfalt der Bookletredaktion hingewiesen. Bei einer solch verwirrenden Handlung wäre es hilfreich, wenn die Rollennamen auf der Besetzungsliste stimmten und nicht ein Massiminiano anstelle des agierenden Massenzio aufgeführt wäre. Zudem scheint man sich bei cpo uneinig, wann diese posthume Uraufführung denn nun wirklich stattfand. Hinten auf der CD steht: 18. Juni 2016 in Stuttgart, im Booklet wird der 20. Juni 2015 genannt. Was denn nun? Hier gäbe es Verbesserungsbedarf bei einer so unbestritten sensationellen Veröffentlichung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Heinichen, Johann David: Flavio Crispo: Stuttgarter Barockorchester, Jörg Halubek

Label:
Anzahl Medien:
cpo
3
EAN:

761203511129


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Heinichen, Johann David
 - Flavio Crispo - Sinfonia - Allegro
 - Flavio Crispo - Sinfonia - Amabile e Sempre piano
 - Flavio Crispo - Sinfonia - Allegro


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Dirigent(en):Halubek, Jörg
Orchester/Ensemble:Il Gusto Barocco - Stuttgarter Barockorchester
Interpret(en):Marbach, Dana
Bernsteiner, Nina


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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