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Dienstag, 14. Juli 2020

Michael Volle sings Brahms - Michael Volle, Bariton

Brahms-Kompetenz


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brahms Lieder erwärmen das Herz. In den Duos ist Mezzosopranistin Stephanie Irányi eine ebenbürtige Partnerin. Alle drei Pianisten Helmut Deutsch, Adrian Baianu und Karl-Peter Kammerlander überzeugen.

Wer sich in den dunklen Jahreszeiten den schwermütigen Liedern des Hamburgers Johannes Brahms nähern möchte, greife zum hinreißenden, wieder aufgelegten Album 'Michael Volle sings Brahms'. Erschienen ist es bei Brilliant Classics. Der schlichte Titel genügt dem weltweit vor allem als Opernstar bekannten Bass-Bariton, um die 3 CDs umfassende Box, die bereits im Frühjahr 2007 an drei unterschiedlichen Orten entstand, nun erneut zu publizieren. Die Produktion war seinerzeit noch vor Volles Debüt als Sixtus Beckmesser in Wagners 'Meistersingern von Nürnberg' bei den Bayreuther Festspielen im Sommer 2007 aufgenommen worden. Nach der Erstveröffentlichung 2009 wurde das Album nun – 10 Jahre später – noch einmal auf den Markt geworfen mit aktuellem Foto von Michael Volle auf dem Cover.

Er selbst ist sich im vollen Bewusstsein darüber, dass so eine Box nicht unbedingt zum Geldverdienen taugt, aber sie spiegelt einen wichtigen Abschnitt in seinem Künstlerleben. Dieser hat vor allem künstlerisch – immer noch! – seine volle Berechtigung. Denn was dem heute 59-Jährigen hier gelingt, ist heldenhaft, ohne die Insignien der weltlichen Herrschaft anzulegen. Hier kommt einer, der schlicht durch sein gesungenes Wort und seine sängerische Suggestivkraft siegt. An seiner Seite steht dicht und stolz in der ersten CD Karl-Peter Kammerlander (Klavier), der Volle in jeder Sekunde ein adäquater, künstlerisch vollendeter Musikpartner ist. Auch Adrian Baianu auf CD 2 ist ein mehr als lobenswerter Liedpianist. Helmut Deutsch auf der dritten CD, bei der Volle teils im Duett mit der vorzüglichen Stephanie Irányi zu hören ist, ist sowieso eine Klasse für sich.

Dichteste Diktion

Zwei Lieder aus dem Zyklus op. 32, die Nummern 2 & 9 eröffnen den Reigen: ‚Nicht mehr zu Dir zu gehen/ Beschloss ich und beschwor ich‘, heißt es da in op. 32,2. Die Wucht, mit der dieses Lied den Hörer fortan in den Bann zieht, ist frappierend. Die tiefe Linie in der linken Hand der Klavierbegleitung erzählt von Schauer und Grusel. Staksend versinnbildlicht sie den ‚verlorenen Halt‘, die Todessehnsucht, manifestiert in der Textzeile: ‚Ich möchte nicht mehr leben‘, die im Mittelteil heraufbeschworen wird. Sie besingt Volle mit Ernst und dichtester Diktion. Kontrastierend dazu stellt das Duo das liebliche 'Wie bist du, meine Königin' op. 32,9 an die zweite Stelle. Hier überzeugt der Sänger mit zarten Tönen und weichem Legato. Sein Stimmklang ist dabei stets angenehm sonor, lediglich in der Höhe teils etwas weniger frei. Bezaubernd ist Kammerlanders Ineinandergreifen von Klaviersatz und Solostimme im Mittelteil: höchste Kunst.

In die Entstehungszeit von Brahms‘ 'Deutschem Requiem' (1858/68) führt das sich anschließende Opus 47. Aus den fünf Liedern des Zyklus wählte der Künstler die ersten beiden von Georg Friedrich Daumer nach Hafis getexteten Nummern 'Botschaft' und 'Liebesglut' aus. Ganz schumannesk ('Widmung!') ist das erste der beiden Werke, wenn auch nicht so überschwänglich in der Wirkung wie das seines großen Entdeckers. Thematisch um die Liebe geht es aber auch Brahms, jedoch eher um die verschmähte, denn er hatte in seinem Leben Pech und war auch äußerst schüchtern, was seinen Kontakt mit dem weiblichen Geschlecht im Wege stand. So ist 'Liebesglut' auch eine einzige Wehklage.

Innerer Kosmos der Töne

In seiner Gänze singt Michael Volle den Zyklus Opus 57 (1871), ebenfalls auf Texte von Georg Friedrich Daumer, dessen 'Von waldbekränzter Höhe' mit Schwung anhebt. Des Sängers Tonumfang ist beneidenswert. Er kann jederzeit die Stimme der emotionalen Situation angemessen anpassen und verströmt hier eine fließende Welle, wobei ihn das Klavier zielgenau unterfüttert, was eine bewundernswerte Einheit gebiert. Bravourös! Die allen Stücken des Werks ‚gemeinsame glühende und doch wieder entmaterialisierte Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks‘ (Karl Geiringer) findet sich in dieser Aufnahme formvollendet in Töne gebannt. Seinerzeit erntete dieser Zyklus unter Brahms‘ Freunden nur Verständnislosigkeit. Erst im 20. Jahrhundert erschloss sich den Rezipienten mehr und mehr diese Welt eines inneren Kosmos der Töne. Volle und Kammerlander gelingt hier eine besonders dichte, introvertierte kammermusikalische Performance auf Weltklasse-Niveau. Des Sängers Aussprache ist immer wohlfeil, verständlich bis ins Detail und transportiert Gefühl. Edel ausgereift ist seine Interpretation auf ganzer Linie. Op. 95/6 'Eine gute, gute Nacht', op. 95/7 'Schön war, das ich dir weihte' sowie op. 96/2 'Wir wandelten' bedienen dasselbe grüblerische, verbrämte Grundgefühl, das Brahms‘ verschmähte Liebe charakterisiert. Hier trifft das Duo stets den Ton.

'Vier ernste Gesänge' als Höhepunkt

Als Höhe- und Schlusspunkt der ersten CD nahmen Volle/Kammerlander Brahms 'Vier ernste Gesänge' auf. Volle bleibt dabei tempomäßig und emotional leicht hinter Fischer Dieskaus/Gerald Moores 1958er-Aufnahme zurück. Dadurch wird der monotone Charakter der Lieder weiter betont, während in der alten Aufnahme etwas mehr Heroik und Absolutheitsanspruch angezeigt sind. Es ist die notwendige Beschäftigung mit den letzten Dingen, die Brahms noch ein Jahr vor seinem Tod zu dieser Eruption, die viel Lebensweisheit enthält, anspornte. Die Nummer 2 singt Michael Volle inbrünstig und mit wunderbaren Kontrasten, allerdings nicht ganz so plastisch, wie Fischer Dieskau im Salzburger Live-Mitschnitt. Sehr nobel erklingt auch die Nummer drei: 'O Tod, wie bitter bist du'. Auch hier transportiert die Aufnahme die nötige Portion Verzweiflung im Timbre. Wundervoll das Pianissimo. Leider etwas weich in der Diktion geriet das abschließende 'Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete'. Das liegt vor allem am geringeren Impuls und Rubato des Klavierspiels bei Kammerlander im Vergleich zu Moore. Auch singt Fischer-Dieskau mit wacherem, heißblütigerem Mitteilungsbedürfnis, was ihm noch einen kleinen Interpretationsvorsprung verschafft. Aber das sind nur Nuancen und es war auch eine andere Zeit.

In der zweiten CD (Spielzeit: 79 Minuten) widmet sich der Interpret – nun mit dem ebenso absolut professionellen Pianisten Adrian Baianu – den 'Romanzen' op. 33 aus Ludwig Tiecks 1797 entstandener 'Wundersamer Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence' auf einen in Frankreich im 15. Jahrhundert aus älteren morgenländischen Erzählstoffen entstandenen Text. Michael Volles Bruder, Schauspieler Hartmut Volle, wirkt hier als Sprecher. Die 15 'Romanzen' vertonte Brahms 1861-69 und es dreht sich natürlich alles um Peters Liebe zur neapolitanischen Königstochter Magelone. Den Ausführenden gelingt eine schlüssige, vollblütige Fassung des Balladenzyklus, wobei der sehr eigenständige Klavierpart mit Herzblut und (in den Vor-, Nach- und Zwischenspielen) mit bewundernswerter Virtuosität angeschlagen wird. Es ist eine Geschichte, die die Hörer entfliehen lässt von Ihren Alltagssorgen, die hineinführt ins Zentrum der Romantik, die Motive des Unterbewussten, Leidenschaftlichen, Abenteuerlichen in wunderbarer Weise streut.

Jede Note auf dem Silbertablett serviert

Noch einmal einen anderen Blick auf Michael Volle als vorbildlichen Liedsänger erhält der Hörer, wenn er CD 3 auflegt: Zu einem Exempel echter Zwiesprache werden die 'Lieder und Duette' op. 28, sowie eine Auswahl aus Brahms‘ '49 Deutschen Volksliedern' WoO33, die Volle mit Stephanie Irányi (Alt) realisierte. Am Klavier reüssiert Helmut Deutsch, einer der versiertesten Liedkorrepetitoren unserer Zeit. Sehr melancholisch zunächst ist die Stimmung in 'Die Nonne und der Ritter', komponiert 1860/62. Das geniale Gedicht Eichendorffs vermittelt morbiden Charme, den die Sänger stilecht einfangen. Die Steigerungen sind immens, da bricht sich künstlerische Qualität Bahn. 'Vor der Tür' (Goethe) gibt den neckischen Streit Verliebter wieder, wobei die sängerische Streitkultur des Duos Oberwasser bekommt. Da darf man die Aufnahme gern als Sternstunde der Aufnahmekunst bezeichnen. Die beiden fahren all ihre sängerischen Geschütze wie Farbenspiel, Insistieren, dynamische Schattierungen und Steigerungen auf, um das Lied hell aufblitzen zu lassen.

Auch die Nummer 3 ('Es rauschet das Wasser') stammt textlich von Goethe. Irányi macht mit ihrer herrlich gefärbten Stimme den Anfang. Natürlich hat sie ein bisschen etwas – manchmal übertrieben – Opernhaftes in ihrem Organ, aber ich finde ihren Gesang äußerst geschmackvoll und allen diesen Liedern gemäß. Auffallend hier ist das fein dosierte, nuancierte Klavierspiel von Helmut Deutsch, der jede Note des gediegenen Klaviersatzes wie auf dem Silbertablett serviert. Die Basslinie stützt er ordentlich und veredelt die Stimmführung mit ‚goldenem Anschlag‘, wobei er auch heikle Parts wie den der Nr. 4 ('Der Jäger und sein Liebchen') con bravura meistert. Übrigens lernte Stephanie Irányi einst in Helmut Deutschs Liedmeisterklasse an der Hochschule für Musik und Theater München. Sie hat mit Christian Elsner, ebenfalls für Brilliant Classics, das gesamte Liedschaffen von Brahms auf 13 CDs aufgenommen. Eine Meisterleistung. Ihre Kompetenz für Brahms‘ Lieder ist derzeit also unangefochten.

Innenwelten der Liebe

In den '49 deutschen Volksliedern' tut sich nochmal ein äußerst deutscher Kanon der Liedkunst auf. Das geht weit hinein ins Populäre. Da fühlen sich die beiden ein in die Welt von Hirt‘ und Schäferin beim Anbahnen der Liebe oder es werden Innenwelten der Liebe, die Michael Volle in 'Gar lieblich hat sich gesellet' besingt, heraufbeschworen. Neben der Liebe werden hier vor allem historische, religiöse, ritterliche, sogar familiäre Sujets angeschlagen, die die überlegene Vielfalt der Sängerin und des Sängers spiegeln. Abwechselnd solistisch oder gemeinsam als Duo führen sie den Hörer durch eine Auswahl des Zyklus.

Es wäre zu wünschen, dass der aufschlussreiche Booklettext von Peter Quantrill nicht nur auf Englisch, sondern mindestens auch auf Deutsch und einer weiteren Sprache abgedruckt würde. Das ist für den deutschen Markt eine Mindestvoraussetzung. Biographien der gestandenen Künstler sucht man hier ebenfalls vergeblich. Dafür gibt es einen vollständigen Abdruck der Liedtexte. Das ist gut. Unterm Strich eine Box für Liebhaber.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Michael Volle sings Brahms: Michael Volle, Bariton

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
3
11.01.2019
Medium:
EAN:

CD
5028421959160


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Brahms, Johannes


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