> > > Klingler, Karl: Violin Concerto, Viola Sonata: Ulf Hoelscher, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Volker Schmidt-Gertenbach
Samstag, 20. April 2019

Klingler, Karl: Violin Concerto, Viola Sonata - Ulf Hoelscher, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Volker Schmidt-Gertenbach

Jenseits der Zeiten


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Musiker als eklektischer Komponist – und als leider nicht genügend restaurierter Interpret seiner eigenen Musik.

Karl Klingler (1879–1971) kennen einige wenige noch als Primarius des gleichnamigen Streichquartetts, das in Schellackzeiten wichtige Einspielungen machte und nicht nur in Deutschland große Erfolge feierte. Dass Klingler auch ein profilierter Komponist war, dürften hingegen die wenigsten wissen. Der Karl-Klingler-Stiftung ist es zu danken, dass zwei historische Tondokumente nunmehr erstmals auf dem Tonträgermarkt greifbar werden – das 1907 uraufgeführte Violinkonzert E-Dur und die Bratschensonate d-Moll aus dem Jahr 1909. Das Violinkonzert verdankt sich in beachtlichem Maße Brahms‘ berühmtem Vorgängerwerk, sowohl was manche harmonische Wendung angeht als auch mit Blick auf strukturelle und satztechnische Eigenheiten. Dass wir hier dennoch von einer ausgesprochen beglückenden Wiedergabe eines beachtlichen Werkes sprechen können, verdanken wir vor allem dem Solisten Ulf Hoelscher, der das Werk zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Volker Schmidt-Gertenbach im Münchner Herkulessaal aufführte.

Hoelschers blühender, leidenschaftlicher Ton, in viel zu wenigen Konzertproduktionen nahezu ausschließlich auf Electrola und cpo bewahrt, vereint höchste Virtuosität, emotionale Intensität und eine gehörige Portion Sensualität, die der teilweise recht eklektischen Komposition die gehörige Prise Genialität verleiht. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kann da nicht ganz mithalten, vielleicht auch weil Schmidt-Gertenbach seinem Solisten genügend Raum zur Entfaltung lassen will, doch insgesamt haben wir hier ein durchaus attraktives, musikalisch dankbares Werk in guter, teilweise exzeptioneller Wiedergabe.

Klingler selbst

Die Violasonate, das zweite Werk auf der (mit mehr als 82 Minuten) mehr als generös gefüllten CD, hören wir in einer undatierten Interpretation mit Klingler selbst und dem legendären Michael Raucheisen am Klavier. Leider ist über die genaue Provenienz des Klangdokuments wenig bekannt, das nur einen ungefähren Eindruck des Werkes vermittelt – zu stark sind die technischen Defizite des Quellmaterials, das vermutlich nie zur Veröffentlichung intendiert war. Klingler scheint schon im Herbst seiner Karriere – zu zahlreich sind die Intonationstrübungen –, umso beklagenswerter die ungenügende Restaurierung des Materials, die die interpretatorischen Eigenheiten durch die quellbedingten Mängel (vor allem zu Beginn des ersten Satzes) noch verstärkt. In Abstrahierung von der Klangqualität haben wir hier ein sehr substanzvolles, allerdings etwas zu ausuferndes Werk (von der kompositorischen Dichte her etwa Furtwänglers noch weit längerer Violinsonate längst nicht gleichwertig), das sich teilweise etwas zu sehr in sich selbst gefällt. Klinglers interpretatorische Eigenheiten (Verschleifungen, agogische Freiheiten, Portamenti) erscheinen durchaus zeit- und werkgemäß. Dass leider im Booklettext an entscheidenden Stellen wesentliche Informationen fehlen, beeinträchtigt dennoch den dokumentarischen Wert der vorliegenden Produktion nicht unwesentlich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Klingler, Karl: Violin Concerto, Viola Sonata: Ulf Hoelscher, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Volker Schmidt-Gertenbach

Label:
Anzahl Medien:
MDG
1
EAN:

760623210322


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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