> > > Rihm, Wolfgang: Requiem-Strophen: Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons
Samstag, 24. August 2019

Rihm, Wolfgang: Requiem-Strophen - Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons

Ausdruckstiefes Meisterwerk


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wolfgang Rihms 2017 uraufgeführte 'Requiem-Strophen' in einer geradezu mustergültigen Interpretation unter der Leitung von Mariss Jansons.

In den Jahren 2015/16 fügte Wolfgang Rihm seinem geistlichen Schaffen mit den 'Requiem-Strophen' ein bedeutendes Opus hinzu. Die vorliegende hybride SACD fängt die Aura der Uraufführung ein: Die klangschöne Aufnahme datiert auf den 31. März 2017, den Tag nach der ersten Darbietung im Herkulessaal München. Der bei NEOS erschienene Tonträger wartet mit einem optisch ansprechenden Booklet und einem profunden Einführungstext auf; leider gibt es keine Übersetzung der lateinischen Textteile aus der Missa pro defunctis und der Vulgata.

Rihm bezieht sich in dem rund 80-minütigen Werk für zwei Soprane, Bariton, gemischten Chor und Orchester, das er im Auftrag von musica viva komponierte, nach eigener Aussage auf Brahms‘ Skeptizismus und das Requiem von Fauré. Für seinen lustvollen Umgang mit der Tradition ist Rihm bekannt. Die Vokalpolyphonie klingt an, die Motette und die barocke Affektenlehre – sie klingen an, scheinen durch, weil Rihm sie seinem Idiom organisch einverleibt (und werden eben nicht etwa affirmativ oder ironisch-distanziert zur Schau gestellt).

Liturgie und Dichtung

Seine oftmals verästelte, eruptiv mäandernde, gleichsam vegetative Musiksprache trifft auf die ‚Objektivität‘ einer Totenmesse. Doch es ist eine Messe für die Lebenden, nicht für die Toten. Rihm geht es um die subjektive Innensicht des Menschen. Das Individuum steht vor dem Tod und zweifelt. Ein 'Dies irae' gibt es nicht. Die Liturgie wird in einen Dialog mit der Dichtung gebracht. Präsent ist vor allem Rilke, nicht nur mit seinem Gedicht 'Der Tod', das insgesamt dreimal erklingt, sondern auch als Übersetzer von Sonetten Michelangelos. Die 'Requiem-Strophen' sind mit 14 Nummern in vier Teilen wie ein Sonett aufgebaut. Wie eine Beschwörung mutet die Wiederholung von Johannes Bobrowskis Gedicht 'Der Tod' an; vertont wird auch Psalm 129.

Den Eindruck, dass es sich um ein Meisterwerk handelt, würde wahrscheinlich auch eine Interpretation von geringerer Qualität hervorrufen – der Eindruck wird zur Überzeugung, wenn die Musik auf einem solch hohen Niveau dargeboten wird, wie es hier der Fall ist. Der Chor und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons wissen hervorragend mit der Partitur umzugehen: Beispielhaft genannt seien die ‚ängstlichen‘ Pausen im Chorstück 'De profundis'; das düstere Orchesterzwischenspiel nach ‚Hosanna in excelsis‘ mit seinen tiefen Klaviertönen und dem kernigen Blech im 'Sanctus'; die eindringliche Deklamation des ‚Libera me‘ durch den Chor, vom Schlagwerk gespenstisch kontrapunktiert, und die offene Geste bei ‚Dona nobis pacem‘ im 'Agnus dei', das wie ein ‚überschriebener‘ Bach-Choral anmutet. Der Chor agiert mit sehr guter Diktion, differenziert und homogen. Jansons führt den Gesang, die Orchestergruppen und -soli so souverän wie sensibel und entwirft einen großen Bogen.

Zeitlose Qualität

Die vielen Duette meistern Mojca Erdmann und Anna Prohaska ohne offensichtliche Mühen, ihre Abstimmung könnte genauer nicht sein, die Stimmen schmiegen sich aneinander und bleiben doch stets unterscheidbar. Bariton Hanno Müller-Brachmann deklamiert eindringlich – fordernd, flehend – die Michelangelo-Sonette, in denen das einzelne Ich sich artikuliert, gleichsam zwischen liturgischen Ruinen wandelnd. Sie sind rüstiger instrumentiert; in ihnen lässt Rihm das dunkel getönte Orchester gelegentlich aufrauschen, wie im dritten Sonett, wo der Orchesterkommentar der Worte ‚(die Phantasie) von Irrtum überladen‘ eine Nähe zu Mahler und Strauss offenbart. Die Vertonung des zweiteiligen Gedichts 'Strophen' von Hans Sahl bildet den berührenden Epilog. Die Bratschen führen ins Offene – ‚langsam aus der Welt heraus‘.

Rihms 'Requiem-Strophen' erlangen durch die produktive Anverwandlung von traditionellen Texten, Mustern, Formen und Satzstrukturen eine zeitlose Qualität, wirken alt und neu zugleich. Die Zweifel des Einzelnen werden in einer komplexen, aber auch unmittelbar zugänglichen, einer unbedingt persönlichen, aber auch allgemeingültigen Musiksprache formuliert, der die Interpreten vollauf gerecht werden. Diese Aufnahme sei jedem Musikliebhaber wärmstens ans Herz gelegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rihm, Wolfgang: Requiem-Strophen: Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
16.11.2018
Medium:
EAN:

CD SACD
4260063117329


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Rihm, Wolfgang


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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