> > > Copland, Aaron: Orchestral Works 4 - Symphonies: BBC Philharmonic, John Wilson
Freitag, 10. Juli 2020

Copland, Aaron: Orchestral Works 4 - Symphonies - BBC Philharmonic, John Wilson

Ein anderes Amerika


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aaron Coplands 3. Symphonie und drei weitere Orchesterwerke in einer verdienstvollen, wenn auch nur soliden Einspielung.

Auf dem Cover-Foto sind die typischen silbernen Briefkästen der Amerikaner zu sehen, die im Abendsonnenlicht glänzen, und die majestätischen Berge, Wälder und Seen, die an Coplands vielleicht berühmtestes Werk ‚Appalachian Spring‘ (1944) erinnern. Aber dieser 3. Teil der Chandos-Copland-Serie enthält nicht den elegischen Wunschkonzertklassiker, sondern eine andere noch (!) berühmtere Komposition: die Blechbläser-lastige ‚Fanfare for the Common Man‘, die Aaron Copland in den Schlusssatz seiner 3. Symphonie integrierte. Diese wurde 1946 vom Boston Symphony Orchestra unter Sergei Kussewizki uraufgeführt, die europäische Erstaufführung fand unter Leitung von Coplands engem Freund Leonard Bernstein 1947 in Prag statt – was natürlich ein politisches Zeichen war, mitten im Kalten Krieg mit einem derart ‚patriotischem‘ Werk aufzuwarten. Und damit dennoch Brücken zu schlagen.

Ziemlich entspannt

In der Neueinspielung unter Dirigent John Wilson mit dem BBC Philharmonic Orchester ist von Patriotismus nichts zu spüren, auch nichts von der Erhabenheit, die viele Copland-Stücke ausstrahlen können, so auch die 3. Symphonie. Stattdessen erlebt man eine ziemlich entspannte Wiedergabe der vier Sätze, denen mehr Leidenschaft und Persönlichkeit gut täten. Dass man diese hier kaum hört, liegt nicht an Copland. Dafür hört man die Originalversion der 3. Symphonie, nicht die gekürzte Fassung. (Diese ungekürzte Fassung hatte allerdings schon Leonard Slatkin eingespielt, mit mehr Gespür für den besonderen Copland-Tonfall.)

Trotzdem ist das Stück – inklusive Fanfare – ein wunderbares Beispiel für eine andere Art von zeitgenössischer Musik, die in Deutschland fast vollkommen unbekannt ist, weil die Neutöner der 1950er- und 60er-Jahre solche Konkurrenz aus Übersee aus hiesigen Programmen fernhielten. Daran hat sich bis heute kaum etwas verändert. Es lohnt aber, diesen US-amerikanischen Weg einer Symphonik nach Mahler in Beziehung zu setzen zu dem, was in Deutschland passiert und immer noch passiert. Um zu schauen, welcher Weg der zukunftsweisendere ist, wenn man beide Entwicklungen mit größerem zeitlichen Abstand betrachtet.

Musikalische Verneigung

Eröffnet wird das Chandos-Album mit den ‚Connotations‘ von 1962, mit denen damals die Philharmonic Hall im New Yorker Lincoln Center eröffnet wurde. Copland zeigt hier, dass er durchaus in der Lage ist, eine Zwölftonkomposition zu schreiben, er selbst sprach von einem ‚musical idiom of our own day‘, also einer Musiksprache unserer eigenen Zeit. Man spürt, dass das nicht wirklich Coplands ‚Idiom‘ ist, jedenfalls nicht das, mit dem er weltberühmt wurde. Somit sind diese 18 Minuten ‚Connotations‘ wichtig, auch als Verneigung vor Entwicklungen in Europa. Gleichwohl Bernstein – dem das Stück gewidmet ist und der es uraufführte – mit seinen eigenen Aufnahmen ein gewichtigeres Testament hinterlassen hat.

Nach den beiden Großwerken schließt die CD mit zwei kleinen Stücken ganz im ‚Americana‘-Stil: ‚Letter from Home‘ (1944) und ‚Down a Country Lane‘ (1964), jeweils arrangiert für kleinere Orchester. Letzteres sogar explizit ausgewiesen als Stück für ein Schulorchester (nach einer ursprünglichen Klavierkomposition). Die Tempoanweisung ‚Gently flowing, in a pastoral mood‘ macht sofort klar, in welche Richtung die musikalische Reise geht. Man wird umweht von fast nostalgisch wirkenden Klängen, die eine unendliche Ruhe ausstrahlen. Und die schlicht wunderschön sind.

Zeichen unserer Zeit

Zusammengefasst kann man sagen: Es ist wunderbar, dass ausgerechnet das britische Label Chandos dem US-Klassiker Copland eine Serie widmet und auch andere wichtige US-Zeitgenossen wie George Antheil (1900-1959) mit BBC-Philharmonic-Einspielungen neu auf den Markt gebracht hat. Ob John Wilson der beste Anwalt für diese Musik ist, darf man hinterfragen, vor allem weil Meisterdirigenten wie Bernstein aus dieser Musik mehr Nuancen und Gefühl herausgekitzelt haben. Und auch den Mut hatten, die ‚Fanfare‘ wirklich überwältigen zu lassen, statt auf Understatement zu setzen. Aber vielleicht ist auch das ein Zeichen unserer Zeit?

Dass die Chandos-Serie in ‚America First‘-Zeiten auf den Markt kommt, ist auch ein Zeichen unserer Zeit. Die Stücke verweisen auf ein anderes Amerika und eine andere Art, sich im Weltgeschehen zu positionieren, sich zu integrieren und mit dem in Dialog zu treten, was anderswo passiert. Auf eine künstlerisch wertvolle und respektvolle Weise. Daran zu erinnern, ist ebenfalls ein Verdienst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Copland, Aaron: Orchestral Works 4 - Symphonies: BBC Philharmonic, John Wilson

Label:
Anzahl Medien:
Chandos
1
Medium:
EAN:

CD SACD
095115522226


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Copland, Aaron


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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