> > > Bach, Johann Sebastian: Violin Sonatas & Partitas, Cello Suites: Roberto Loreggian, Cembalo
Donnerstag, 23. Mai 2019

Bach, Johann Sebastian: Violin Sonatas & Partitas, Cello Suites - Roberto Loreggian, Cembalo

Bach, Leonhardt und Loreggian


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es ist schon faszinierend, all das, was sonst in Hirn und innerem Ohr mitgedacht und -gehört wird, ausgespielt zu erleben. Gustav Leonhardt überzeugt mit seiner deutenden Arbeit ebenso wie Roberto Loreggian mit seiner Interpretation.

Johann Sebastian Bachs Musik in andere Klangwelten zu transkribieren, für verschiedenste Besetzungen zugänglich und fruchtbar zu machen, sie den jeweils eigenen ästhetischen Vorstellungen anzuverwandeln – all das war seit der frühen Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert präsent, in verschiedenen konjunkturellen Wellen und in bis heute unüberschaubarer Fülle. Der Cembalist und Pionier der Alten Musik Gustav Leonhardt hatte zwischen 1968 und 1978 daran durchaus Anteil. Und er hat etwas wirklich Besonderes unternommen: Er hat eine Auswahl der solistischen Werke vor allem für Violine und Violoncello für das Cembalo transkribiert, dazu Miszellen für Flöte und Laute. Leonhardt, kundig und behutsam, tat das auf zweierlei Weise: Zum einen, indem er den immanenten Kontrapunkt, die verborgene Komplexität der wenigen Linien explizierte, und zum anderen, indem er die Musik nach seiner Kenntnis, nach seinen eigenen Entscheidungen, nach seinen klanglichen Vorstellungen entfaltete.

Folgerichtig ist es also, dass Leonhardt die Musik als Suite, Sonate oder Partita ‚nach‘ dem entsprechenden Vorbild Bachs bezeichnete, nicht als das Werk selbst in anderem Gewand – des eigenen Beitrags und des damit verbundenen Risikos durchaus bewusst. Dabei konnte sich Leonhardt auf Bachs eigene Praxis berufen. Johann Friedrich Agricola hat in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek über die solistischen Instrumentalwerke geschrieben: 'Ihr Verfasser spielte sie selbst oft auf dem Clavichorde, und fügte von Harmonie so viel dazu bey, als er für nöthig befand'. Dazu schuf Bach selbst Teilübertragungen und einzelne Versionen, die überliefert sind. Gustav Leonhardt ist in seiner Aneigung behutsam, aber nicht scheu. Und er erliegt erfreulicherweise nirgends der Versuchung, vollständiger sein zu wollen als Bach, am Ende gar zu überwältigen: Ein schmaler Grat, auf dem er souverän balancierte. Lakonisch bemerkte er mit Blick auf seine Arbeit: ‚Ich denke, dass Bach mir vergeben hätte, dass ich mich an die Bearbeitungen gemacht habe; ob er mir vergeben hätte, wie ich es machte, ist natürlich unentschieden.‘

Selbstbewusst und reich an Varianten

Inzwischen liegt eine vorbildliche Edition von Siebe Henstra bei Bärenreiter vor, eingeleitet von Skip Sempé. Diesem famosen Bestand hat sich der italienische Cembalist Roberto Loreggian jetzt bei Brilliant Classics gewidmet. Die vollständige Einspielung der Übertragungen umfasst fünf der Partiten und Sonaten für Violine, drei der Violoncello-Suiten, die Allemande BWV 103 für Flöte und die Sarabande BWV 997 für Laute. Loreggian ist ein unbestritten erstklassiger und seit Jahren stupend produktiver Künstler. Im älteren Repertoire von Gabrieli und Frescobaldi genauso zu Hause wie den späteren Italienern, bei Geminiani, Vivaldi oder Galuppi. Dazu auch mit intakten Beziehungen zur Musik Bachs, Händels und Telemanns. Und er bewältigt auch diesen Parforce-Ritt durch Leonhardts Bach ohne Mühen. Manuell bleibt er nichts schuldig, sind Limitierungen nicht erkennbar. Im Zugriff agiert er selbstbewusst und souverän, bewegt er sich geschmeidig im Kosmos von Bach/Leonhardt und behauptet sich mühelos als eigenständige interpretatorische Autorität.

Zyklische Gebilde

Loreggian fügt die Werke bemerkenswert leichthändig zu wirklich zyklischen Gebilden und ist mithin erkennbar kein Freund bloß des schönen Augenblicks. Dazu, dass sehr viel mehr als nur charaktervolle Einzelsätze entstehen, trägt die kluge Wahl der Tempi entscheidend bei: Die befinden sich in stimmigen Relationen. Der Zugriff auf das Instrument ist differenziert – viel frisches Temperament ist zu erleben; den gravitätischen Sarabanden – in ihrer fast schon liebevoll detaillierten Zeichnung so etwas wie die tatsächlichen Zentren der Deutung Loreggians – gewinnt er wunderbar gedeckte Töne ab. Das erklingende Cembalo ist ein fabelhaft qualitätvoller Ruckers-Nachbau der italienischen Werkstatt von Frezzati & Di Mattia, mit einem klar zeichnenden, silbern tönenden Diskant, dazu einer plastisch-griffigen Mittellage und einem Bassregister, das üppig und prall zu nennen noch eine gelinde Untertreibung wäre. Diese reichen Möglichkeiten erlauben Loreggian ein variantenreiches Spiel: Er lässt das Cembalo singen und grollen, lässt es tanzen und singen – eine Vielfalt, die manch skeptischen Hörer überraschen mag. Es ist schon faszinierend, all das, was sonst in Hirn und innerem Ohr mitgedacht und -gehört wird, ausgespielt zu erleben. Gustav Leonhardt überzeugt mit seiner deutenden Arbeit ebenso wie Roberto Loreggian mit seiner Interpretation.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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